http://www.faz.net/-gpf-7x66v

Rot-Rot-Grün in Thüringen : Ein denkwürdiger Tag in Erfurt

  • -Aktualisiert am

Im zweiten Wahlgang wurde Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten in Thüringen gewählt. Bild: dpa

Ein letztes Aufbäumen gab es am Vorabend der Wahl Bodo Ramelows zum thüringischen Ministerpräsidenten gegen Rot-Rot-Grün. Gebracht hat es nichts. Nun ist er gewählt.

          Es ist ein grauer Tag in Erfurt. Tauwetter hat eingesetzt. Der schmelzende Schnee tropft von den Dächern. Vor dem Landtag an der Jürgen-Fuchs-Straße, benannt nach einem Bürgerrechtler, hängen die Fahnen. Die Adresse wollte die PDS-Fraktion wegen des Hinweises auf einen Dissidenten lange Zeit nicht auf ihre Briefköpfe setzen, damals, in den Tagen der scheinbar ewigen Opposition. Aber die Zeiten ändern sich. Nun ist der Tag gekommen, an dem die Linkspartei in Thüringen den Ministerpräsidenten stellen wird. Das finden nicht alle gut.

          Am Abend vor dem historischen Tag brachten hier Demonstranten ihr Missfallen über das rot-rot-grüne Bündnis zum Ausdruck. Fünfzehnhundert sollen es gewesen sein. Es hätten mehr kommen sollen, denn die Veranstalter hatten die Teilnehmer der Demonstration auf dem Erfurter Domplatz vom 9. November gebeten, jeweils noch einen Freund mit zubringen. Dann wären bis zu 10 000 gekommen. Aber vielleicht hatten viele die Hoffnung schon fahrenlassen, wie der Liedermacher Wolf Biermann, der, statt nach Erfurt zu kommen, einen Brief geschickt hatte.

          Am Donnerstagabend gab es in Erfurt noch Demonstrationen gegen Rot-Rot-Grün
          Am Donnerstagabend gab es in Erfurt noch Demonstrationen gegen Rot-Rot-Grün : Bild: Klein, Nora

          Dennoch war die Straße vor dem Landtag voller Menschen, die aus ganz Thüringen gekommen waren. Die Kälte kroch ihnen in die Glieder. Einer bestimmten Partei waren sie nicht zuzuordnen, außer denjenigen, die aus ihrer Wut auf die eigene Partei, die SPD, keinen Hehl machten. Wieder andere waren vor allem von Bündnis 90 enttäuscht. Es waren nur wenige Junge gekommen. Die meisten waren Bürger, die auch vor 25 Jahren mit der Kerze auf die Straße gegangen waren. Als sie „Stasi raus“ oder „Wir sind das Volk“ riefen, klang es fast so mächtig wie damals. Die Plakate zeigten „Bausi“ (Andreas Bausewein, SPD-Vositzender in Thüringen) und „Honi“ (Erich Honecker, Partei- und Staatsratsvorsitzender der DDR) beim Bruderkuss oder trugen Aufschriften wie „Die Kommunisten wechseln manchmal den Namen, aber nie das Ziel“.

          Hoffnung auf ein Wunder

          Die Liedermacherin Kathrin Begoin erzählte von ihren Erlebnissen in den Jugendwerkhöfen, den Erziehungsheimen der DDR, der Dunkelhaft und den Übergriffen. Gunter Weißgerber, Mitbegründer der SDP in Sachsen und Mitglied der SPD, hielt seiner Partei den Spiegel vor. Vor zwanzig Jahren habe die SPD noch auf einen kleinen Frosch herabgeschaut. Dann habe sie in Sachsen-Anhalt begonnen, ihn aufzublasen. Jetzt sitze er ihr riesengroß gegenüber. Statt ihm die Luft abzulassen, wolle sie nun in ihn hineinkriechen. Von ferne waren Rufe einer Gegenkundgebung zu hören.

          Auch Reiner Kunze hatte an die Demonstranten geschrieben. Gregor Gysi wolle eine andere Gesellschaft in Deutschland. Sahra Wagenknecht, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Bundestag, wolle die Grundordnung der Bundesrepublik stürzen und den Weltsozialismus einführen, hieß es darin. Kein Abgeordneter, der für den linken Ministerpräsidenten stimme, werde sagen können, Gregor Gysi und Wagenknecht hätten nicht gesagt, was sie wollten.

          Weitere Themen

          GroKo oder NoGroKo? Video-Seite öffnen

          SPD tief gespalten : GroKo oder NoGroKo?

          GroKo oder nicht? Die SPD hadert vor ihrem Sonderparteitag mit der Frage, ob sie in Koalitionsverhandlungen mit der Union treten soll. Parteichef Martin Schulz holt sich Verstärkung von den Gewerkschaften, die Jusos sind zuversichtlich, dass sich die Sozialdemokraten gegen ein Bündnis mit CDU und CSU aussprechen werden.

          Lenins Kopf und Emils Panzer Video-Seite öffnen

          Kommunistische Denkmale : Lenins Kopf und Emils Panzer

          Der Kommunismus hat in Deutschland zähe Spuren hinterlassen, in Form von Stelen, Tafeln, Plastiken und manchmal auch Waffen. Wie soll es mit den Denkmalen weitergehen?

          Topmeldungen

          TV-Moderatorin Maybrit Illner

          TV-Kritik: Maybrit Illner : Rette sich, wer kann!

          Die Groko-Debatte bei Maybrit Illner offenbart eine dramatische Lage: Die SPD-Führung wirkt kopflos. Den Jusos sind die Folgen ihres Neins egal. Ratschläge der Union tragen nicht dazu bei, die Lage zu stabilisieren.
          Das Kapitol in Washington: Die Zeit drängt.

          Haushaltsstreit : Amerika droht der „Shutdown“

          Demokraten und Republikanern bleiben nur noch wenige Stunden für eine Einigung im Haushaltsstreit. Eine Hürde im Repräsentantenhaus ist genommen, doch die Entscheidung fällt im Senat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.