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Rot-Rot-Grün in Thüringen : Ein denkwürdiger Tag in Erfurt

  • -Aktualisiert am

Im zweiten Wahlgang wurde Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten in Thüringen gewählt. Bild: dpa

Ein letztes Aufbäumen gab es am Vorabend der Wahl Bodo Ramelows zum thüringischen Ministerpräsidenten gegen Rot-Rot-Grün. Gebracht hat es nichts. Nun ist er gewählt.

          Es ist ein grauer Tag in Erfurt. Tauwetter hat eingesetzt. Der schmelzende Schnee tropft von den Dächern. Vor dem Landtag an der Jürgen-Fuchs-Straße, benannt nach einem Bürgerrechtler, hängen die Fahnen. Die Adresse wollte die PDS-Fraktion wegen des Hinweises auf einen Dissidenten lange Zeit nicht auf ihre Briefköpfe setzen, damals, in den Tagen der scheinbar ewigen Opposition. Aber die Zeiten ändern sich. Nun ist der Tag gekommen, an dem die Linkspartei in Thüringen den Ministerpräsidenten stellen wird. Das finden nicht alle gut.

          Am Abend vor dem historischen Tag brachten hier Demonstranten ihr Missfallen über das rot-rot-grüne Bündnis zum Ausdruck. Fünfzehnhundert sollen es gewesen sein. Es hätten mehr kommen sollen, denn die Veranstalter hatten die Teilnehmer der Demonstration auf dem Erfurter Domplatz vom 9. November gebeten, jeweils noch einen Freund mit zubringen. Dann wären bis zu 10 000 gekommen. Aber vielleicht hatten viele die Hoffnung schon fahrenlassen, wie der Liedermacher Wolf Biermann, der, statt nach Erfurt zu kommen, einen Brief geschickt hatte.

          Am Donnerstagabend gab es in Erfurt noch Demonstrationen gegen Rot-Rot-Grün
          Am Donnerstagabend gab es in Erfurt noch Demonstrationen gegen Rot-Rot-Grün : Bild: Klein, Nora

          Dennoch war die Straße vor dem Landtag voller Menschen, die aus ganz Thüringen gekommen waren. Die Kälte kroch ihnen in die Glieder. Einer bestimmten Partei waren sie nicht zuzuordnen, außer denjenigen, die aus ihrer Wut auf die eigene Partei, die SPD, keinen Hehl machten. Wieder andere waren vor allem von Bündnis 90 enttäuscht. Es waren nur wenige Junge gekommen. Die meisten waren Bürger, die auch vor 25 Jahren mit der Kerze auf die Straße gegangen waren. Als sie „Stasi raus“ oder „Wir sind das Volk“ riefen, klang es fast so mächtig wie damals. Die Plakate zeigten „Bausi“ (Andreas Bausewein, SPD-Vositzender in Thüringen) und „Honi“ (Erich Honecker, Partei- und Staatsratsvorsitzender der DDR) beim Bruderkuss oder trugen Aufschriften wie „Die Kommunisten wechseln manchmal den Namen, aber nie das Ziel“.

          Hoffnung auf ein Wunder

          Die Liedermacherin Kathrin Begoin erzählte von ihren Erlebnissen in den Jugendwerkhöfen, den Erziehungsheimen der DDR, der Dunkelhaft und den Übergriffen. Gunter Weißgerber, Mitbegründer der SDP in Sachsen und Mitglied der SPD, hielt seiner Partei den Spiegel vor. Vor zwanzig Jahren habe die SPD noch auf einen kleinen Frosch herabgeschaut. Dann habe sie in Sachsen-Anhalt begonnen, ihn aufzublasen. Jetzt sitze er ihr riesengroß gegenüber. Statt ihm die Luft abzulassen, wolle sie nun in ihn hineinkriechen. Von ferne waren Rufe einer Gegenkundgebung zu hören.

          Auch Reiner Kunze hatte an die Demonstranten geschrieben. Gregor Gysi wolle eine andere Gesellschaft in Deutschland. Sahra Wagenknecht, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Bundestag, wolle die Grundordnung der Bundesrepublik stürzen und den Weltsozialismus einführen, hieß es darin. Kein Abgeordneter, der für den linken Ministerpräsidenten stimme, werde sagen können, Gregor Gysi und Wagenknecht hätten nicht gesagt, was sie wollten.

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