11.10.2010 · Etwa 8500 Roma aus dem Kosovo werden in Deutschland „geduldet“. Sie waren in den neunziger Jahren zwischen die Fronten des Konflikts zwischen Albanern und Serben geraten. Heute fürchten sich viele vor einer Rückkehr in ihre Heimat.
Von Julia Lauer, AltenstadtFetije Ibrahimi (Name geändert) weint viel, wenn sie über ihr Leben spricht. Aber wenn sie erzählt, wie sie der Polizei ein Schnippchen schlug, dann strahlt sie für einen Moment große Entschlossenheit aus. Täglich klingelt die Polizei an ihrer Tür im mittelhessischen Altenstadt, um sie abzuholen. Der Krieg ist vorbei, seit 2008 ist das Kosovo ein eigenständiger Staat, die Flüchtlinge sollen zurück. Doch Frau Ibrahimi war eben nicht zu Hause. Wo sie war? „Nicht da“, sagt sie knapp mit ihrer rauhen Stimme und lächelt verschwörerisch, zieht die Augenbrauen hoch und zuckt mit den Schultern. Die beiden Wörter kommen laut und deutlich über ihre Lippen, obwohl sie wenig Deutsch spricht. Später sagt sie: „Lieber will ich in Deutschland auf der Straße leben als zurück ins Kosovo.“
Frau Ibrahimi ist Romni - eine von 8500 Roma aus dem Kosovo, die in Deutschland aus humanitären oder völkerrechtlichen Gründen „geduldet“ sind. In ihren Papieren ist vermerkt, dass die „Abschiebung ausgesetzt“ ist. Im Gegensatz zu ihr haben nach Schätzungen des Bundesinnenministeriums etwa 70.000 Roma in Deutschland den deutschen Pass. Genaue Zahlen gibt es nicht, da nach den Erfahrungen mit dem Rassenwahn der Nationalsozialisten, dem eine halbe Million europäischer Sinti und Roma zum Opfer fielen, die ethnische Zugehörigkeit von Deutschen nicht mehr erfasst wird. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma spricht von 150.000 Deutschen, die Sinti und Roma seien. Sie leben vorwiegend in den Ballungsräumen Berlin, Köln und Kiel sowie im RheinNeckar-Raum.
Zeitweise verboten, Romanes zu sprechen
Der französische Präsident Sarkozy hatte im September die Räumung vermeintlicher Roma-Lager in Deutschland angekündigt, was die Bundesregierung aber umgehend dementierte. Auch beim Zentralrat heißt es, dass in Deutschland keine Lager wie in Frankreich existierten; die große Mehrheit der Roma habe feste Adressen. Außerdem seien sie in allen Bevölkerungsschichten vertreten. Diejenigen Roma, die sich ohne deutschen Pass in Deutschland aufhalten, stammen vorwiegend vom Balkan. Die meisten von ihnen kamen Ende der neunziger Jahre wegen des Konfliktes im Kosovo, andere folgten in den Jahren danach.
So wie Fetije Ibrahimi, die 1998 nach Deutschland flüchtete, wo bereits Verwandte von ihr lebten. Sie versteht viel, doch das Sprechen fällt ihr schwer. Einer von Frau Ibrahimis Enkeln übersetzt aus dem Romanes ins Deutsche. Der Kosovo-Krieg fand 1999 statt, doch schon zuvor hatten sich die Spannungen zwischen den Ethnien in der Region zugespitzt. Mit Albanern und Serben, erzählt Frau Ibrahimi, hätten sich die Roma seit jeher wenig vermischt. Man heiratete nicht untereinander, aber man lebte einigermaßen friedlich nebeneinander. Den Roma war es im Vorkriegs-Kosovo zeitweise verboten, Romanes zu sprechen. Frau Ibrahimi, die nicht lesen und schreiben kann, arbeitete bei albanischen Familien als Putzfrau. Mit 14 Jahren heiratete sie den Mann, den ihre Eltern für sie ausgesucht hatten. Ihre ersten beiden Kinder, sagt sie, seien an Hunger gestorben, doch die fünf, die folgten, brachte sie durch. Ihr Mann arbeitete als Kutscher, gemeinsam bauten sie sich eine Existenz auf. Bald lebten sie in ihrem eigenen Haus in der Stadt, die albanisch Peja und serbisch Pec heißt. Rund 25 Häuser umfasste die Roma-Siedlung dort.
„Wenn ich zurückmuss, bringe ich mich um“
Der Krieg im Kosovo ließ die Gewalt gegen die Roma eskalieren. Die Albaner verdächtigten sie, Handlanger der Serben zu sein. Die Serben betrachteten sie als heimliche Verbündete der Albaner. Frau Ibrahimis Mann starb schon drei Jahre vor dem Krieg nach Misshandlungen durch Albaner. Sie selbst und ihre Tochter, erzählt sie, seien gegen Ende des Krieges von serbischen Freischärlern vergewaltigt worden. Dann ging ihr Haus in Pec in Flammen auf. Sie flohen zu zweit über Italien nach Deutschland, wo bereits Verwandte lebten. Die Flucht ersparte ihnen den Anblick des toten Neffen: Von Verwandten erfuhr Frau Ibrahimi, dass er 1999 vor seinem Wohnhaus erhängt und mit durchgeschnittener Kehle aufgefunden worden sei.
In Deutschland angekommen, wurde sie in einem hessischen Asylbewerberheim untergebracht. Meistens kümmerte sie sich um den Haushalt, später wohnte sie mit einem ihrer Söhne zusammen und half ihm, dessen Sohn Emre großzuziehen. Sie besuchte einen Deutschkurs, als Analphabetin kam sie aber nicht mit und schämte sich dafür. Während der ersten Jahre durfte sie nicht arbeiten, bis heute ist es ihr verwehrt, den Wetteraukreis zu verlassen. Alle drei Monate müssen ihre Papiere verlängert werden. Ihr Asylgesuch wurde vor vielen Jahren abgelehnt, so dass sie auch keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung bekam. „Wenn ich zurückmuss, bringe ich mich um“, sagt sie. In ihrer Heimat hat Frau Ibrahimi nichts mehr, ihr Haus liegt in Schutt und Asche, die überlebenden Familienmitglieder sind geflohen. In Pec leben heute fast nur noch Albaner. Frau Ibrahimis Duldung läuft am 14. Dezember ab. Seit zwölf Jahren hat sie zwar immer wieder eine neue Duldung ausgestellt bekommen, doch diese könnte die letzte gewesen sein.
Rückkehr-Kinder vermissen Deutschland
Seit 2009 werden Roma aus Deutschland ins Kosovo zurückgeführt. Zuvor wurden nur solche Flüchtlinge zu einer Ausreise veranlasst, die als schwere Straftäter auffällig geworden waren, sowie Albaner, die bei einer Rückkehr als weniger gefährdet galten. Bis zum 31. August wurden in diesem Jahr 408 Flüchtlinge ins Kosovo zurückgeführt, wie ein Sprecher des Bundesinnenministeriums berichtet. Unter ihnen befanden sich 108 Roma, 2009 waren es 76. Damit sind weit weniger Menschen betroffen als in Frankreich, wo dieses Jahr bis Ende August etwa 8300 Roma aus Rumänien und Bulgarien abgeschoben wurden. Das Innenministerium verweist auf die Selbstverpflichtung Deutschlands, pro Jahr nicht mehr als 2500 Abschiebungsersuche gegen Kosovaren zu stellen. Dass die Zahl tatsächlicher Abschiebungen aus Deutschland weit darunterliegt, ist dem Ministerium zufolge aber auch damit zu erklären, dass manche im letzten Moment freiwillig gehen oder untertauchen. Die Hilfsorganisation Pro Asyl fürchtet, dass die Zahl der Abschiebungen zunehmen wird.
Wegen der andauernden Ungewissheit darüber, wie lange er noch bleiben dürfte, hat Fetije Ibrahimis Sohn Neshdet Deutschland schon vor ein paar Monaten verlassen. Wer der Zwangsabschiebung zuvorkommt, bekommt die Reisekosten erstattet und eine Starthilfe von bis zu 750 Euro pro Person, wie das Bundesinnenmininisterium mitteilt. Personen, die zwangsweise abgeschoben werden, dürfen eine Zeitlang nicht ins Bundesgebiet einreisen, auch nicht als Touristen. Das Einreiseverbot, so das Innenministerium, wird auf Antrag befristet, zwei Jahre sind der Regelfall. Weil Frau Ibrahimis Familie keine Verwandten mehr in der Region Pec hat, ist ihr Sohn Neshdet mit ihrem Enkel Emre nach Montenegro gereist. Emre ist hier geboren, er vermisst Deutschland und seine Großmutter und weint oft, wenn er am Telefon mit ihr spricht. Obwohl er zehn Jahre alt ist, erzählt Frau Ibrahimi, muss er in Montenegro den Kindergarten besuchen. Sein Serbisch, heißt es dort, sei noch zu schlecht, um die Schule besuchen zu können.
Frau Ibrahimi ist auf alles gefasst
Kritiker der Abschiebungen weisen darauf hin, dass Emre in dieser Hinsicht kein Einzelfall ist. Christian Schwarz-Schilling, CDU-Politiker und ehemaliger Hoher Repräsentant für Bosnien-Hercegovina, nennt die deutsche Abschiebungspraxis menschenrechtsverletzend. Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung berichtet er, dass jedes vierte Rückkehrer-Kind nicht mehr die Schule besucht, weil es weder des Albanischen noch des Serbischen mächtig ist. „Wenn wir sagen, dass nur derjenige zuwandern darf, der Deutsch lernt und sich integriert, dann muss auch umgekehrt gelten: Wer Deutsch spricht und integriert ist, der muss auch bleiben dürfen.“ An diesem Punkt setzen auch die Vorwürfe der UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, an, die sie in der vergangenen Woche gegen Deutschland erhob. Sie machte auf „verheerende Folgen für die Rechte der Kinder“ nach einer Rückkehr ins Kosovo aufmerksam.
Bevor die Abschiebungen begannen, hat die Bundesregierung im vergangenen Jahr eine Einschätzung der Sicherheitslage von Roma im Kosovo vorgenommen. Dabei gelangte sie zu der Auffassung, so ein Sprecher des Innenministeriums, dass „keine unmittelbare Gefährdung nur aufgrund ihrer Ethnie“ mehr bestehe. Darüber bestehen jedoch Kontroversen. Die nordamerikanische Forschungseinrichtung Freedom House berichtet, 2009 seien die Spannungen zwischen den Ethnien stärker geworden, nachdem Berichte über Organraub und Foltercamps während des Bürgerkriegs an die Öffentlichkeit gelangt waren. Laut dem Kosovo-Bericht von Freedom House wurden zahlreiche Übergriffe auf Roma aus zwei Städten bekannt. Die Justiz gilt als korrupt. Als eine Delegation des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma im Mai das Kosovo besuchte, wurde ihr ebenfalls von Anschlägen berichtet. Aus Angst vor Repressionen, sagt der Mitarbeiter Herbert Heuss, wurden sie nicht zur Anzeige gebracht. Bis im Kosovo Sicherheit gewährleistet ist, fordern Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, Abschiebungen dorthin zu stoppen.
Für Fetije Ibrahimi hat der Altenstädter Freundeskreis für Flüchtlinge beim Hessischen Landtag ein Gesuch eingereicht, das zum Ziel hat, eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis für sie zu erwirken. Weil sie keine Verwandten mehr im Kosovo habe und zudem an Krebs und einer posttraumatischen Störung leide, käme die Abschiebung einem Todesurteil gleich, argumentiert der Verein. Frau Ibrahimi ist auf alles gefasst. Ihr Zimmer ist bis auf zwei Matratzen und einen Gaskocher leer, die Möbel wurden schon abgeschlagen.
Von der Heuchelei der großen Mächte und dem Toben kleiner Völker
Harry LeRoy (Cimon)
- 07.10.2010, 20:35 Uhr
Wo endet die Verantwortung Deutschlands?
Hanno Meissner (hanno_meissner)
- 07.10.2010, 22:45 Uhr
Gleich einer mittelalterlichen Verbannung
Herold Binsack (Devin08)
- 11.10.2010, 12:03 Uhr
Nach dem zweiten Weltkrieg
Michael Scheffler (Striesner)
- 11.10.2010, 12:15 Uhr
das wesen des asyls
joshek joshekus (joshek)
- 11.10.2010, 12:23 Uhr