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Roland Jahn : „Wir sind nicht das Amt für absolute Wahrheit“

  • Aktualisiert am

„Zutiefst erschütternd“: Roland Jahns Seminarleiter an der Uni war Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi. Seine Mitschriften führten dazu, dass Jahn von der Hochschule flog Bild: Matthias Lüdecke

„Als die Nachteile für meine Eltern eintraten, habe ich genau gespürt, was Diktatur heißt“: Der Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, Roland Jahn, über Akten, Anpassung und die Kraft der Achtundsechziger.

          Zwei Ostdeutsche, Angela Merkel und Joachim Gauck, stehen an der Spitze des Staates. Sind die Ossis in solchen Spitzenpositionen besser als die Wessis, Herr Jahn?

          Ich stamme ja selbst aus Ostdeutschland, aber mein Bewusstsein ist gesamtdeutsch. Einen Vorteil haben wir ehemalige DDR-Bürger. Durch die Erfahrung der Diktatur können wir den Wert von Freiheit und Demokratie besonders schätzen.

          Es gibt Politiker aus Ostdeutschland, die bedauern, dass von der Dynamik der Bürgerrechtsbewegung nichts mehr übrig geblieben ist, dass alles im parteipolitischen Kleinklein der alten bundesrepublikanischen Machart aufgegangen ist. Geht es Ihnen als ehemaligem Bürgerrechtler auch so?

          Nein. Es wäre falsch zu sagen, dass der Osten in dieser Hinsicht plattgemacht worden sei. Dennoch habe ich einen Wunsch: Der Geist der friedlichen Revolution, ein Geist des Widerspruchs, sollte im vereinigten Deutschland mehr hochgehalten werden. Widerspruch als das lebenswichtige Blut der Demokratie.

          Wie meinen Sie das?

          Zum Beispiel: Im Bundestag werden viele wichtige Entscheidungen einfach durchgewinkt, nachdem die Abgeordneten in den Fraktionen auf Linie gebracht wurden. Da würde ich mir wünschen, dass noch öfter widersprochen wird.

          Die Diktatur zwang die Menschen, stärker zusammenzuhalten. Manche Ostdeutsche wünschen sich das auch in der jetzigen Gesellschaft, sehnen sich sogar nach der DDR zurück. Können Sie das nachvollziehen?

          Den Zusammenhalt in der DDR gab es nicht wegen des Staates, sondern trotz des Staates. Ich war kürzlich in dem DDR-Gefängnis, in dem ich eingesperrt war. Ich bin in den Keller gegangen, in dem wir Häftlinge gemeinsam Kartoffeln schälen mussten. Die Erinnerung an diese Gemeinschaft, die irgendwie diese unmenschlichen Zustände überstehen musste, war positiv. Eine Erfahrung, die mir Kraft gibt.

          Sie führen eine Behörde, die den hässlichen Teil der DDR, die Unterlagen der Stasi, beherbergt. Wie sehr prägt Sie diese tägliche Begegnung mit dem Bösen?

          Es ist nicht nur der hässliche Teil. Wir finden in den Akten nicht nur diejenigen, die ihre Familie, ihre Freunde und Nachbarn verraten haben, sondern viele, die das nicht getan, die standgehalten haben. Die Einsicht in ihre Akten kann auch für die einzelnen Menschen etwas Positives haben. Da hat zum Beispiel jemand lange geglaubt, er sei von der Schule verwiesen worden, weil seine Leistungen nicht ausgereicht hätten. Und dann stellt er fest, dass das nur auf Betreiben der Stasi geschah und mit mangelnder Leistung nichts zu tun hatte. Das ist befreiend.

          Was haben Sie Neues über Ihr Leben aus den Unterlagen der Stasi erfahren?

          Ich habe sehr viel darüber erfahren, wie die Stasi meine Familie unter Druck gesetzt hat. Ich habe viel über meine Studienzeit lesen können, so zum Beispiel, dass mein Seminarleiter Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi war. Seine Mitschrift eines Seminars hat dazu geführt, dass ich von der Uni geflogen bin. Ich habe viel über die Umstände meiner Inhaftierung erfahren, habe lesen können, dass mein Rechtsanwalt, Wolfgang Schnur, Mitarbeiter der Stasi war. Das war alles zutiefst erschütternd - und trotzdem ein Gewinn.

          Was war das Schlimmste?

          Am meisten beeindruckt hat mich der Maßnahmeplan für meine Ausbürgerung aus der DDR. Der war vom Stasi-Minister Erich Mielke persönlich abgezeichnet. Ich konnte lesen, dass mehr als hundert Stasi-Mitarbeiter im Einsatz waren, um mich aus der DDR wegzubringen.

          Wie war das, nicht mehr in diesem System leben zu müssen?

          Es war ja nicht in erster Linie ein Wegbringen aus der DDR, aus einem Unrechtsstaat, sondern vielmehr ein Wegbringen aus der Heimat, weg von Freunden und Familie.

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