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Grüner Spitzenkandidat : Wild und frei

Der klügste Minister hat die größten Kohlköpfe. Robert Habeck will nicht nur Aufruhr im Gemüsebeet, sondern auch in der grünen Partei Bild: dpa

Ein Politiker zum Anfassen: Robert Habeck pflegt die Nähe zum Wähler und stellt sich Unannehmlichkeiten. Mit diesem Stil will er die Grünen in die Regierung führen.

          Eigentlich hat Robert Habeck alles falsch gemacht. Zweieinhalb Jahre vor der Bundestagswahl hat der grüne Umweltminister aus Schleswig-Holstein angekündigt, dass er Spitzenkandidat seiner Partei werden will. Viel zu früh, zumindest nach dem Lehrbuch der Wahlkampfstrategen. Seiner eigenen Koalition in Kiel, wo die Grünen mit SPD und Südschleswigschem Wählerverband nur mit einer Stimme Mehrheit regieren, hat er einen Bärendienst erwiesen. Seinen Schritt kann man „für verantwortungslos, ja parteischädigend, egoistisch oder naiv und riskant oder alles zusammen halten“. Das hat Habeck selbst gesagt, auf dem Landesparteitag vor drei Wochen. Am Ende gab es dennoch fetten Applaus. Denn reden kann Habeck wie kaum einer bei den Grünen.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Nun will der Mann aus dem Norden nach Berlin einrücken. Es ist die Geschichte vom jungen Senator aus der Provinz, der die Hauptstadt das Fürchten lehren will. Auch wenn Habeck nicht Präsident, sondern allenfalls Vizekanzler werden kann. Mit der „besonderen Mischung aus Radikalität und Pragmatismus“, die er den Grünen in seiner Heimat, aber wohl vor allem sich selbst zuschreibt, will er die Partei aufmischen. Deren Führung, schön männlich und weiblich gedoppelt in Partei und Fraktion, ist seit der Wahlniederlage 2013 kaum wahrgenommen worden. Das lag nicht so sehr an der Übermacht der großen Koalition oder den internationalen Krisen, die das politische Geschehen bestimmen.

          Sondern vor allem daran, dass die Grünen sich nicht einigen konnten, wer die Partei wohin führt. Cem Özdemir und Simone Peter, die Parteichefs, pflegten sich regelmäßig zu widersprechen, der eine blinkt rechts, die andere scharf links. Anton Hofreiter und Katrin Göring-Eckardt, die der Bundestagsfraktion vorstehen, werden zwar für ihren wenig autoritären Führungsstil gelobt, doch ihre Außenwirkung ist begrenzt. Im grünen Quartett pflegt jeder seinen Kleingarten, aber keiner macht sich Gedanken, wie die ganze Grünanlage aussieht. Die Parteiführer wirken verzagt. Lieber äußern sie Weichgespültes als den Rücken grade zu machen.

          Habeck will diesen Zustand beenden, Schluss mit der Angsthasen-Politik. „Wir dürfen aus der Niederlage bei der Wahl 2013 nicht die Lehre ziehen, es wie Angela Merkel zu machen: Abwarten, bis man weiß, was die Mehrheit will, sondern um Mehrheiten ringen“, sagt er. Sein Vorstoß wird von einigen kritisch beäugt, wie immer, wenn einer von außen für Unruhe sorgt. Doch viele Abgeordnete in Berlin sind froh, dass endlich etwas passiert. „Die Kandidatur von Robert Habeck hat ein erlösendes Moment für uns Grüne, weil sie manch Starre in Partei und Fraktion aufbricht“, sagt Dieter Janecek, der wirtschaftspolitische Sprecher der Fraktion.

          Steiler Aufstieg in der Partei

          Habeck, 45, ist ein Blitzaufsteiger und ein Quereinsteiger dazu. Nach dem Studium und einer Doktorarbeit hat er mit seiner Frau zusammen Bücher geschrieben und als Übersetzer gearbeitet. Das Paar hat auf dem Land gelebt und vier Söhne bekommen. Die sind heute 18, zweimal fast 16, da Zwillinge, und 13. Alt genug, dass der Familienmensch Habeck nicht immer da sein muss. Zu den Grünen ging Habeck erst mit 32, wurde binnen eines guten Jahrzehnts erst Kreisvorsitzender, dann Landesvorsitzender, schließlich Fraktionschef und 2012 Minister, zuständig für Umwelt, Landwirtschaft und Energie.

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