24.09.2006 · Fragt man Rhetorikprofessor Knape nach der jüngsten „Berliner Rede“ von Bundespräsident Horst Köhler zur Bildungspolitik, dann hat der Dozent aus Tübingen Überraschendes zu sagen: Anders als viele Beobachter fand er die Rede ganz gut.
Nachgefragt bei Joachim Knape: Der Rhetorikprofessor arbeitet an der Universität Tübingen, der ehemaligen Wirkungsstätte von Walter Jens und Kaderschmiede für die Redenschreiber der Republik. Fragt man nach der jüngsten „Berliner Rede“ von Bundespräsident Horst Köhler zur Bildungspolitik, dann hat Knape Überraschendes zu sagen: Anders als viele Beobachter fand er die Rede ganz gut. „Im Prinzip war das ein langes Bürgergespräch. Jeder konnte sie verstehen, sie war dynamisch aufgebaut ohne komplexe Argumentationen.“ Und Köhler habe seine Rede sehr gut vorgetragen.
„Diesen zurückhaltenden Gesprächston beherrscht er hervorragend, da wirkt er sehr authentisch.“ Das sei ein Ton, der sich im Fernsehen gut vermitteln lasse, er erfordere aber exzellente Vorbereitung: „Es war deutlich erkennbar, daß Köhler die Rede komplett auswendig gelernt und geprobt hatte.“ Das Manuskript enthalte zwar genau die Konversationswendungen, die er auch gesprochen hat - etwa „Ist Ihnen das zu abstrakt?“ oder „Weiter!“ am Anfang eines neuen Absatzes. „Aber man konnte sehen, daß er das Manuskript nur als Gedächtnisstütze brauchte. Gerhard Schröder war da viel unsicherer. Wenn der ein Manuskript vor sich hatte, dann sprach er plötzlich hölzern und verhaspelte sich öfters. Erst wenn er komplett vom Text abwich, wurde er gut.“
„Er ist eben kein Witzereißer“
Beim Inhalt wird es dann aber doch haarig. Da stimmt auch Knape zu. „Es waren sehr viele Aufzählungen, sehr viele Aspekte, die da reingepackt werden sollten - frühkindliche Förderung, Islamunterricht, Hauptschulen und so weiter. Ein Stationendrama nennt man das dann. Da können eben nur noch Thesen und keine wirklichen Argumentationen mehr vermittelt werden.“ Und genau das kann der Präsident offenbar prächtig: „In Köhlers Stil ist das gut zu vermitteln, aber es ist eben wenig mitreißend. Es ähnelte eher einer Regierungserklärung, nur daß Köhler eben nur fordern und nichts umsetzen kann.“
Als Stationendrama kann man denn auch die Geschichte der Berliner Rede verstehen. „Einen wirklichen Ruck wie ihn Roman Herzog in der ersten Rede auslösen wollte, erzielt man so nicht. Bei einem festgelegten Ritual geht das auch gar nicht spontan. Wenn, dann über Reflexionen.“ Daran könne der Präsident noch arbeiten: „Dafür braucht es den Mut, sich auf zwei oder drei wichtige Punkte zu beschränken und wirklich zu reflektieren, argumentieren und zu provozieren.“ Knape nennt Beispiele, etwa: „Der Präsident hat gesagt, für mehr Bildung müsse in anderen Bereichen gespart werden. Bei welchen denn? Hätte er sie beim Namen genannt, dann hätte eine Debatte entstehen können, die das Thema Bildung noch viel mehr ins Bewußtsein gebracht hätte.“ Das habe Köhler schließlich bezweckt, und das könne eine Berliner Rede auch leisten - wenn sie schon keinen Ruck auslöst.
Aber Überschwang ist nicht wirklich Köhlers Stärke. Selbst wenn er einen Witz einstreut, zuckt das Staatsoberhaupt sofort danach zurück und lächelt entschuldigend. Richtig beobachtet, Professor Knape? „Nun ja, er ist eben kein Witzereißer. Das weiß er auch. Da ist so eine Performanz dann auch besser, als wenn er sich verstellen würde. Dieses etwas unsichere Lächeln macht ihn dann eher besonders sympathisch. Er lächelt übrigens ziemlich gut.“