02.06.2009 · Sind Suppe und Brot als Entgelt für 16 Stunden Arbeit am Tag genug? Das Bundessozialgericht in Kassel muss entscheiden, ob Getto-Arbeiter, die damit entlohnt wurden, Anspruch auf eine deutsche Rente haben.
Von Hans-Christian RößlerHenry Sussman kam mit dem Leben davon, aber er verlor, was ihm niemand wiedergeben kann. „Ich hatte keine Kindheit. Ich kannte weder die Namen von Blumen und Bäumen. Ich habe nur gelernt zu überleben.“ Dreizehn Jahre alt war Henry Sussman, der heute in Rehovot bei Tel Aviv lebt, als er Ende 1943 nach Theresienstadt kam. Dort arbeitete der Junge aus Wien in der Tischlerwerkstatt, bis das Getto 1945 befreit wurde. Sechzehn Jahre war er alt, als er wieder in die Schule durfte – im Alter von sechs Jahren hatten ihn die Nazis in Österreich aus der ersten Klasse geworfen, weil er Jude war. Für die Zeit, die er im Getto von Theresienstadt bis zu 16 Stunden am Tag arbeiten musste, statt Mathematik oder Geschichte zu lernen, hofft Sussman nun endlich eine kleine Rente zu erhalten.
Der Neunundsiebzigjährige ist einer von insgesamt sechs Klägern, deren Fälle von diesem Dienstag an das Bundessozialgericht in Kassel verhandelt. Denn wer in einem Getto „freiwillig“ und gegen Entgelt gearbeitet hat, dem steht laut dem im Juni 2002 verkündeten „Gesetz zur Zahlbarmachung von Renten aus Beschäftigungen in einem Getto“ eine Rente zu; dabei geht es um Beträge von 150 bis 200 Euro im Monat. Mehr als 70.000 Anträge gingen seitdem bei den Rentenversicherern ein. Aber rund 95 Prozent blieben allein bei der Rentenversicherung Rheinland, die für Antragsteller aus Israel wie Sussman zuständig ist, ohne Erfolg – wie auch Tausende Klagen, die schon gegen die Bescheide eingereicht wurden.
Es geht nicht mehr nur um Anerkennung
„Was Gesetz ist, bestimmt jedes Land selbst“, sagt Henry Sussman über die Fragen, die nun die Richter beschäftigen werden, etwa ob das „Entgelt“ auch aus Suppe und Brot bestehen konnte und wie „freiwillig“ die Arbeit in den Gettos wirklich war. Wichtiger als die Rente ist für ihn etwas anderes: „Ich ziehe den Hut vor dem ehrenwerten Versuch, getanes Unrecht anzuerkennen und wieder gut zu machen.“
Doch die Zeit drängt, und für viele Überlebende geht es nicht nur um eine späte symbolische Anerkennung. Besonders in Israel, wo mit knapp 250.000 Personen etwa die Hälfte aller Holocaust-Überlebenden leben, ist deren materielle Not in den vergangenen Jahren gewachsen. Zwischen 60.000 und 80.000 leben unterhalb der Armutsgrenze, wie israelische Hilfsorganisationen schätzen. Auch wenn ihre Zahl wegen ihres hohen Alters kontinuierlich abnimmt, wächst noch bis 2015 der Hilfsbedarf.
Das erwartet zum Beispiel die israelische „Stiftung für die Unterstützung von Holocaust-Opfern“: Untersuchungen ergaben demnach, dass bei ihnen die Wahrscheinlichkeit, an Herzproblemen zu erkranken, um 40 Prozent höher ist als unter Gleichaltrigen. Sie brauchen häufiger teurere Behandlungen und Medikamente, die sie sich oft angesichts ihrer kleinen Renten nicht leisten können. Besonders stark von diesen Schwierigkeiten betroffen sind dabei die Überlebenden unter den Einwanderern aus der früheren Sowjetunion. Sie kamen erst in den neunziger Jahren nach Israel und konnten dort kaum noch Rentenansprüche mehr erwerben. Das israelische „Hazon-Yeshya-Netz für humanitäre Hilfe“ beobachtet, dass der Anteil der Holocaust-Überlebenden mittlerweile mehr als ein Drittel derjenigen ausmacht, die bei den eigenen Suppenküchen anstehen. Angesichts der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise gehen in Israel die Spenden für solche Hilfsorganisationen zurück und gefährden ihre Arbeit.
Raul Teitelbaum rechnet jedoch nicht damit, dass eine großzügigere Auszahlung von Getto-Renten in Israel spürbare Erleichterung bringen wird. Angesichts weniger tausend möglicher Berechtigter hält er deren Zahl eher für „marginal“. Das, was seit Jahren, mit den Überlebenden geschieht, hält der Autor des Buchs „Die biologische Lösung“ aber für kennzeichnend für den Umgang mit diesen Menschen: „Die meisten Überlebenden des Holocaust haben nie einen Pfennig erhalten. Sie sind vorher gestorben“, sagt Teitelbaum. Nach seiner Schätzung überlebten insgesamt 1,8 Millionen, davon erhielten aber nur 550.000 bis 600.000 irgendeine Art Entschädigung. Gleichzeitig habe aber Deutschland nach Angaben des Bundesfinanzministeriums bis Dezember 2007 gut 65 Milliarden Euro an „Wiedergutmachung“ geleistet, schreibt Teitelbaum, der den drastisch formulierten Titel seines auch in Deutschland erschienenen Buchs nicht zufällig wählte. Er selbst hat das Konzentrationslager Bergen-Belsen überlebt und arbeitete später als Journalist in Israel und Deutschland.
Hilfe wird nur zögerlich angenommen
Zumindest die israelische Regierung hat mehr als 60 Jahre nach der Staatsgründung eingesehen, dass ihr nur noch wenig Zeit bleibt, um den Überlebenden beizustehen. „Alles dauert oft viel zu lange, aber die Regierung unter Ehud Olmert hat ihre Lage deutlich verbessert“, sagt Noah Flug, der Vorsitzende des Dachverbands der Holocaust-Überlebenden in Israel. Eine Folge davon war, dass vor wenigen Tagen ihre Renten kräftig erhöht wurden, die sich in vielen Fällen nur auf wenige hundert Euro belaufen. Aber viele Hilfsbedürftige zögern offenbar bis heute, Unterstützung anzunehmen. Oder sie wissen gar nicht, dass es sie gibt: Laut einem Bericht des israelischen Sozialministeriums nimmt bisher nur rund die Hälfte der möglichen Berechtigten Hilfe in Anspruch. Das scheint sich aber langsam zu ändern. Als zu Jahresbeginn die israelische Regierung nach einer Informationskampagne in den Medien eine telefonische Beratungsstelle für Überlebende einrichtete, brachen die Leitungen zusammen. Die gut 7000 Anrufe täglich konnten die mehr als 100 Berater nicht bewältigen.
Die zwei für Rentenrecht zuständigen Senate des Bundessozialgerichts urteilen am Dienstag und Mittwoch über die Klagen. Es gilt als möglich, dass sie das Gesetz unterschiedlich interpretieren. Das ist früher schon einmal passiert und hatte für Unsicherheit gesorgt. Die Bundesregierung erklärte im Herbst 2006 jedenfalls, sie könne kein Fehlverhalten der Rentenversicherungsträger erkennen. Die hohe Ablehnungsquote sei zu erwarten gewesen.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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