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Renate Künast im Interview „Jetzt nähern wir uns der Familie“

07.01.2007 ·  Am Ende übernehmen die meisten Menschen doch zu zweit Verantwortung: Renate Künast über neues Denken bei den Grünen, die Vorteile kleiner Familien, putzige Muttis und Traummänner im Kabinett.

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Am Ende übernehmen die meisten Menschen doch zu zweit Verantwortung: Renate Künast über neues Denken bei den Grünen, die Vorteile kleiner Familien, putzige Muttis und Traummänner im Kabinett.

Frau Künast, was ist für Sie Familie?

Familie ist der Ort, an dem dauerhaft und verbindlich Verantwortung übernommen wird. Werte werden dort in einer Art und Weise vermittelt, wie es keine andere Institution in dieser Gesellschaft kann.

Die Grünen haben sich bislang für die Rechte der Frauen und Kinder stark gemacht; Familie kam bei ihnen kaum vor.

Die grüne Sicht auf Familie hat sich verändert. Wir haben uns bisher vornehmlich mit Teilbereichen von Familienpolitik beschäftigt: mit Kinderarmut, Bildungsnotstand, mit der Pflegeversicherung. Jetzt nähern wir uns dem Begriff Familie. Nicht in alter CDU-Manier: Der Trauschein muss her. Die Gruppe derer, die der traditionellen Familie nicht entsprechen - Patchwork-Familien, Alleinerziehende, gleichgeschlechtliche Lebenspartner -, wird ja immer größer. Wir müssen den Familienbegriff neu bestimmen. Damit beginnen wir auf der Klausur der Bundestagsfraktion am Dienstag in Wörlitz. Als Grüne dürfen wir uns nicht mehr nur Teilbereiche aussuchen, sondern wir müssen einen ganzheitlichen Ansatz haben. Familie ist eine auf Dauer ausgerichtete Verbindlichkeit - egal, welche Personen dazugehören.

Die Familie galt der Linken als Hort der Unterdrückung. In Bundestagsreden der Grünen aus den achtziger Jahren heißt es: „Die Familie ist täglich der Ort von Gewalt gegen Frauen und Kinder, von Abhängigkeit, Isolation und Verzweiflung.“ Haben die Grünen die Familie schlechtgeredet?

Wir hatten als Einzige den Mut, die Tabus zu brechen. Jede Polizeistatistik sagt, dass 60 Prozent der Gewalttaten in der Familie und im sozialen Nahraum geschehen. Deswegen war es richtig, Hilfe für Opfer von Gewalt zu fordern, Frauenhäuser und Notdienste für Kinder und Frauen zu gründen. Da hätte jeder Konservative, der die Institution Familie verteidigen will, schon damals mitmachen müssen. Die Grünen sind in einer Situation entstanden, wo Bollwerke mit Hammer und Meißel aufgebrochen werden mussten.

Was soll denn nun in Zukunft grüne Familienpolitik sein?

Familie soll etwas Positives sein, der Ort, wo jeder ein Stück Glück und Zufriedenheit findet, wo ein Geben und Nehmen stattfindet. Familien brauchen Zeit. Damit sie Zeit füreinander haben, muss sich im Arbeitsmarkt etwas ändern. Ich würde diese Woche gern beschließen, dass wir ein Modell mit mehr Freiräumen für Familien erarbeiten. Eltern sollen Arbeitszeiten einschränken oder auch wieder ausdehnen können. Berufliche Auszeiten für familiäre Aufgaben - auch Sorge für Ältere - müssen erleichtert werden.

Eine Möglichkeit, mehr Zeit für Kinder zu haben, ist, dass Mutter oder Vater zu Hause ist. Die Grünen aber sagen, die Alleinverdiener-Ehe ist gescheitert, es lebe die Doppelverdiener-Ehe.

Jeder soll entscheiden, wie er leben will. Wir sagen nicht, dass Alleinverdiener-Ehen an sich gescheitert sind, sondern das Modell der einseitigen Förderung ist gescheitert. Denn es hat dazu geführt, dass wenige Kinder geboren wurden. Wenig Kindergartenplätze, wenig verlässliche schulische Betreuung, wenig Frauen im Beruf, stattdessen Steuerprivilegien für Besserverdienende - das Modell ist überholt. In Skandinavien oder Frankreich wurden mehr Kinder geboren. Wer will, dass in Deutschland Kinder geboren werden, muss ein anderes Modell wollen. Familie im Jahr 2007 ist eben anders.

Deutschland braucht also auch aus grüner Sicht mehr Kinder?

Ich finde es schön, wenn Leute Kinder kriegen. Wir Grüne haben uns aber nicht auf die Fahnen geschrieben, Bevölkerungspolitik zu machen. Deutschland braucht eine andere Familienpolitik. Kinder haben in Deutschland immer noch nicht gleiche Chancen. Armut wird in diesem Land immer noch vererbt, ein großer Teil der Kinder lebt von Sozialhilfe. Wir haben ein Steuer- und Finanzsystem, das noch von einem Alleinernährer-Modell ausgeht. Kindergarten und Schule sind noch nach einem Modell organisiert, das auf der alten Rollentrennung der Geschlechter beruht. Die Eltern müssen heute nachmittags noch die Bildungsarbeit vollbringen, die die Schule nicht vollbringt.

Monogamie ist keine Lösung, sagt die grüne Jugend. Sie wendet sich gegen die „biologisch determinierte Familienpolitik“ der Union, die an der Kleinfamilie festhält.

Eine grüne Jugend, die solche Sätze nicht von sich geben würde, wäre wohl keine grüne Jugend. Aber die Erfahrung zeigt: Am Ende übernehmen die meisten Menschen doch zu zweit Verantwortung.

Die Orientierung auf die Kleinfamilie ist also auch bei den Grünen angesagt?

Die Orientierung auf die Kleinfamilie findet einfach statt. Die kleine Familie übernimmt Verantwortung, für Kinder, aber auch für die alten Eltern, ohne dass man räumlich zusammen wohnt.

Das Elterngeld zielt auf die Mittelschicht, in der viele grün wählen. Als Renate Schmidt von der SPD es vorschlug, wollten die Grünen „treibende Unterstützer“ sein. Dann hat es Ursula von der Leyen von der CDU übernommen, schon war es eine „Mogelpackung mit sozialer Schieflage“.

Ich habe nichts gegen das Elterngeld. Darüber freuen sich sehr viele - zu Recht. Aber für mich ist es der zweite Schritt vor dem ersten. Denn die vordringlichste Frage ist: Gibt es ein gutes Betreuungsangebot? Im Westen und Südwesten dieser Republik haben wir Kindergärten, die von neun bis zwölf Uhr geöffnet sind. Was wollen Sie denn damit anfangen, wenn Sie Kinder haben und berufstätig sein wollen?

Solange es nicht Betreuungsplätze für alle gibt, werden alle Vorschläge für eine neue Familienpolitik abgeschmettert?

Die Frage beim Elterngeld ist doch, was passiert, wenn das Kind zwölf oder vierzehn Monate alt ist. Dann steht der Vater oder die Mutter, ob Mittelschicht oder nicht, wieder vor der Frage: wohin mit dem Kind?

Sie haben Ursula von der Leyen als „Supermutti“ verspottet. Finden Sie eine siebenfache Mutter, die Familienministerin ist, nicht beeindruckend?

Ich freue mich über jede Frau, die Bundesministerin ist. Ich erfahre aber von vielen Frauen, dass Frau von der Leyen ihre familiäre Situation mit zu vielen Fotos ihrer Kinder etwas zu putzig dargestellt hat. Der Alltag ist schwerer, selbst mit einem oder zwei Kindern. Natürlich hat die Bundesregierung mehr kinderlose Ministerinnen als Ministerinnen, die Mütter sind. Da spiegelt sich die Lebenswirklichkeit in Deutschland wider. Es wäre schön, wenn wir in Zukunft ein Bundeskabinett hätten, in dem die Männer sagen: Damals habe ich zwölf Monate Erziehungsgeld bezogen, dann war ich zwei Jahre auf Teilzeit. Die Zeit mit den Kindern möchte ich nicht missen.

Die Fragen stellte Markus Wehner.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.01.2007, Nr. 1 / Seite 5
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