28.07.2010 · Ein letztes Mal stellt sich Ulrich Wilhelm als Regierungssprecher der Bundespressekonferenz. Kein Grund für die Journalisten, den künftigen BR-Intendanten zu schonen. Der smarte Münchner beweist einmal mehr, dass er sich auf die Kunst des Unterlassens und des Schweigens versteht.
Von Majid Sattar, Berlin328 Mal hat Regierungssprecher Ulrich Wilhelm in den vergangenen vier Jahren und neun Monaten in der Bundespressekonferenz Platz genommen und sich Fragen der Hauptstadtjournalisten gestellt.
Und auch beim letzten Mal am Mittwochvormittag wurde der höchste Regierungsbeamte der Bundesrepublik – er ist der einzige Staatssekretär der eine oberste Bundesbehörde, das Bundespresseamt nämlich, leitet – nicht geschont: Ob er angesichts der schlechten Umfragewerte für die Bundesregierung ein sinkendes Schiff verlasse? Umfragen seien flüchtig, sagte der 49 Jahre alte Wilhelm, den es nun in seine Münchner Heimat zieht, lakonisch.
Zum Abschied überreichte ihm Werner Gößling, der Vorsitzende der Bundespressekonferenz, ein 100 Jahre alte Fernrohr, mit dem er das Geschehen der Berliner Republik aus der Ferne – genauer gesagt: vom Platze des Intendanten des Bayerischen Rundfunks aus – weiterhin beobachten kann. Wilhelm dankte sichtlich gerührt für das Präsent, verzichtete aber darauf, schon einmal durch das Fernglas zu blicken, weil dies den Fotografen ein Motiv geliefert hätte, das ihn wohl ein Leben lang verfolgen würde, wie er gewohnt treffsicher mutmaßte.
Die Kunst des Unterlassens und des Schweigens
Vier Jahre und neun Monate hatte er stets die Folgen seiner Worte und Taten – wie auch die der Bundeskanzlerin – zu erahnen; und auch im Falle des Fernrohres hätte er der Bundeskanzlerin geraten: Tun sie es nicht! Dass das Geschäft des Regierungssprechers auch die Kunst des Unterlassens und des Schweigens beinhaltet, gestand Wilhelm denn auch ein.
Auf die Frage, ob er auch einmal die Unwahrheit gesagt hätte, verwies er auf eine von ihm öfter gebrauchte Formulierung, dazu könne er sich jetzt nicht äußern. Das Nicht-Können war wohl manchmal auch ein Nicht-Wollen. Aber das ist freilich immer noch etwas anderes als die Unwahrheit.
Gößling erinnerte daran, dass Wilhelm nach Felix von Eckardt, Karl-Günther von Hase und Klaus Bölling der am längsten amtierende Regierungssprecher war. Hase habe einmal über das Bundeskabinett gesagt, die Stimmung in der Truppe sei ausgezeichnet – und übertreffe ihre Leistung bei Weitem.
Eine Parallele zur Gegenwart zog Gößling mit dem Hinweis, die schlechten Umfragewerte der Bundesregierung seien offenbar nicht dem Regierungssprecher anzulasten, da dieser auf eigenen Wunsch hin wechsle, wohingegen einige seiner Vorgänger auch schon einmal auf den besonderen Wunsch ihrer Vorgesetzten hätten wechseln müssen. Dem konnte offenbar die Hauptstadtpresse zustimmen, denn am Ende von Wilhelms 328. Bundespressekonferenz legten die Journalisten Block und Stift beiseite und taten etwas geradezu Unerhörtes: Sie applaudierten.