12.07.2010 · Die Kanzlerin ruft, und der ZDF-Mann wird ihr Regierungssprecher. Keiner hatte ihn auf der Rechnung, erst vor wenigen Tagen fiel die Entscheidung. Steffen Seibert tritt in große Fußstapfen und muss Einiges neu lernen: Sein Vorgänger Ulrich Wilhelm war das Alter Ego der Bundeskanzlerin.
Von Majid Sattar, BerlinIn den vergangenen Wochen haben die Teilnehmer des üblichen Spiels „Journalisten fragen – Politiker antworten“ immer wieder die Rollen getauscht. Wenn sich beide Seiten zuletzt in den Biergärten des sommerlichen Berlins zu „Hintergrundgesprächen“ trafen, kam fast unweigerlich die Frage auf: „Und, wer wird der neue Regierungssprecher?“ Die Hoffnung der Politiker, ob sie nun aus dem Regierungs- oder dem Oppositionslager waren, einmal etwas von den Journalisten zu erfahren, wurde indes enttäuscht. Viele Namen kursierten, solche mit eindeutiger Nähe zur CDU, solche mit Erfahrung auf dem grellen Boulevard, der einst von Gerhard Schröder als wichtigster medialer Resonanzboden („Bild, BamS und Glotze“) beschrieben wurde, und auch solche mit administrativer statt journalistischer Erfahrung.
Der Name Steffen Seiberts, des Moderators der ZDF-Nachrichtensendungen „Heute“ und „Heute-Journal“, gehörte nicht dazu. Die personalpolitischen Spekulationen dienten als Nebelkerzen, die gar nicht selbst geworfen werden mussten, sondern sich zuweilen ganz von allein entzünden. Hinter dem Kulissenqualm tagte dann ein kleines Küchenkabinett und diskutierte über ganz andere Namen. Es spricht für das Kanzleramt, dass die politische Schaltzentrale es vermochte, die Frage abseits der publizistischen Begleitmusik in aller Ruhe zu erörtern. Angela Merkel hat die Entscheidung lange hinausgezögert, wohl auch, weil sie den Gedanken, künftig ohne den bisherigen Regierungssprecher Ulrich Wilhelm auskommen zu müssen, ein wenig verdrängte. Erst in der vergangenen Woche, der letzten vor der parlamentarischen Sommerpause, erreichte die Anfrage den Mainzer Lerchenberg. Nach kurzer Bedenkzeit sagte Seibert vor dem Wochenende zu.
„Wer quatscht, der fliegt“
Es war wohl die letzte bedeutende Entscheidung der Kanzlerin, an der ihr langjähriger Vertrauter und Sprecher Wilhelm beteiligt war. Er wusste, dass diese Besetzung (neben der ganz unverhofften Personalie im Schloss Bellevue) die wichtigste dieser Legislaturperiode werden könnte, und unterbreitete seiner Chefin eine Liste mit mehreren Namen. Darauf war auch Seibert vermerkt, von dem Wilhelm seit längerer Zeit wissen konnte, dass die Kanzlerin viel von ihm hielt. Frau Merkel kennt Seibert nicht nur als aus Mainz zugeschalteten Interviewer, sondern auch als Moderator gemeinsamer Veranstaltungen in Berlin. Es heißt, sie schätze seine Klugheit, seine Fähigkeit, strukturiert zu denken, und seine breite Bildung, die sich nicht auf das Politische beschränkt.
Dass sie keinen „Parteimann“ wählte, passt in das Denkmuster der Kanzlerin. Die CSU-Mitgliedschaft Wilhelms war nicht maßgeblich bei dessen Berufung 2005. Während der großen Koalition harmonierte sie ebenso mit Wilhelms Stellvertreter Thomas Steg, der zuvor die Politik Gerhard Schröders „verkauft“ hatte. Auf diesem Posten geht es der Kanzlerin nicht um Linientreue, aber durchaus um Loyalität. Das Kanzleramt folgt personalpolitisch schließlich der Devise: „Wer quatscht, der fliegt.“ Zudem weiß Angela Merkel, dass die Hauptstadtpresse nur einen Regierungssprecher respektiert, der sein journalistisches Handwerk versteht und der bei aller grundsätzlichen Sympathie für die Bundesregierung die Fähigkeit zum eigenständigen Denken und Urteilen nicht aufgibt. Diese zum Teil gegenläufigen Fähigkeiten zwischen eleganter Präsentation, diskretem Schweigen und gelegentlichem informativen Flüstern machen die Kunst des Sprechens aus.
Wilhelm war das Alter Ego der Kanzlerin
All dies ist Seibert zuzutrauen. Auch dass er Verwaltungen nicht kenne, wird man dem 50 Jahre alten Journalisten, der den Großteil seines beruflichen Lebens auf dem Mainzer Lerchenberg verbracht hat, nicht nachsagen können. Doch muss er nun als Chef des Bundespresseamtes im Range eines Staatssekretärs eine Behörde führen. Noch wichtiger wird etwas anderes sein: Seibert kennt die Großen der Berliner Republik, alle hatte er schon vor dem Mikrofon. Doch wenngleich der Regierungssprecher nicht der Sprecher der CDU ist, muss er auch die zweite und dritte Reihe der Partei beziehungsweise der drei Regierungsparteien einschätzen können. Er muss wissen, welcher CSU-Abgeordnete sich der Bundeswehrreform widersetzt, weil in seinem Wahlkreis eine Kaserne steht; er muss wissen, wie das Meinungsbild in der CDA in der Frage der Job-Center-Reform aussieht – und er muss nicht nur in der Bundespressekonferenz vorausahnen, was die Bundeskanzlerin über eine Frage denkt, die nicht in der Morgenlage erörtert worden ist.
Wilhelm war das Alter Ego der Kanzlerin. Er konnte sich auf seinen Instinkt verlassen. Wer ihn dabei beobachtete, wie er Pressekonferenzen seiner Chefin an der Seite von Staatsgästen und Koalitionspolitikerin verfolgte, der sah einen Mann, der stets wohlwollend nickte, wenn Angela Merkel alle wesentlichen Punkte klar formuliert und ohne technische Ausführungen etwa zum Basel-II-Prozess vortrug. Und Frau Merkel konnte nach einer jeden Pressekonferenz in Wilhelms Gesicht lesen, wie sie sich geschlagen hatte. Es bedurfte da nicht vieler Worte.
Seibert wird nicht viel Zeit zum Einlernen bleiben. Wilhelm verlässt Ende Juli das Kanzleramt und wechselt auf eigenen Wunsch hin zurück in seine Münchner Heimat, wo er künftig als Intendant des Bayerischen Rundfunks die Politik wieder von der anderen Seite des Zaunes aus beobachten wird. Am 11. August tritt Seibert sein neues Amt an. Nach Lage der Dinge wird ihn kein politisches Sommerloch erwarten. „Kürschners Volkshandbuch“ des Bundestages könnte nun eine gewinnbringende Sommerlektüre sein.