http://www.faz.net/-gpf-77c54
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 01.03.2013, 18:00 Uhr

Regenerative Medizin Herz, ein Stück Fleisch

In Hannover wird frisches, schlagendes Herzgewebe in zwei Hausschweine verpflanzt. Gelingt das Experiment, wird die Organspende bald schon aus einer früheren Epoche der Transplantationsmedizin stammen.

von
© Andreas Brand Stammzellforschung: Das Herz aus der Petrischale

Unfassbar, das Stück Fleisch zuckt wirklich. Langsam nur kontrahiert es, vielleicht dreißig- oder vierzigmal die Minute, aber zuverlässig wie ein Wimpernschlag. Das rhythmische Pumpen lässt einem fast den Atem stocken. Das Gewebe ist nicht blutrot, eher braun-orange. Hört man da ein Pochen? Oder ist es der eigene Herzschlag? Es ist finster im Mikroskopierraum. Alles starrt auf die beiden Bildschirme.

Joachim  Müller-Jung Folgen:

George Kensah, der Biologe, dreht mit seinen langen Fingern an den Stellschrauben der Objektträgerplatte, millimeterweise wird das Präparat vor und zur Seite gefahren. Friedrich Hebbel sagte, über alles habe der Mensch Gewalt, nur nicht über sein Herz. Hebbel hatte ja nicht ahnen können, was mit der Biomedizin noch auf uns zukommen würde.

Schöpfungsmythos mit Stammzellen

Der Lyriker aus Dithmarschen ist seit hundertfünfzig Jahren tot. Dass eines Tages, nicht allzu weit von seinem Geburtsort, an der Medizinischen Hochschule in Hannover jenes menschliche Organ, das keineswegs nur Hebbel als die Fleischwerdung unserer empfindsamen Seele betrachtete, wie Goethes Homunculus aus der Phiole in die Welt kommen könnte, wäre Hebbel und seinen Zeitgenossen gewiss nicht in den Sinn gekommen.

Dabei waren eben schon Mitte des neunzehnten Jahrhunderts durch den Berliner Rudolf Virchow die Wurzeln der „Zellularpathologie“ gelegt worden, die zum Ausgangspunkt für die neue biomedizinische Revolution werden sollte. George Kensah ist einer der jungen Protagonisten dieser radikalen Wende in der Medizin. Man könnte auch von einem Schöpfungsmythos mit Stammzellen sprechen.

Stammzellforschung und Tissue Engineering. In dem Forschungslabor von Prof. Ulrich Martin  werden aus Stammzellen künstliche Herzen und Lungengewebe hergestellt. In seinem Forschungslabor werden aus Stammzellen künstliche Herzen hergestellt: Professor Ulrich Martin © Burkert, Christian Bilderstrecke 

Tatsächlich ist schon so viel Phantastisches und Falsches über die künstliche Erzeugung menschlicher Organe in der Retorte geschrieben worden, dass man den Bioingenieuren in ihren Laboren mittlerweile durchaus Ähnliches zuschreibt wie Goethes faustischem Wagner, der sich in Anwesenheit des Teufels einen Menschen zu schaffen traute. Aber George Kensah bastelt an keinem Menschen.

Er fragt sich, wie man es schafft, in der Petrischale aus Stammzellen ein künstliches Herz oder, wenigstens im ersten Schritt, funktionierendes Herzgewebe zu erschaffen. Das wäre medizinisch schon ein historischer Schritt. Vergleichbar mit der ersten Synthese von Lebensbausteinen wie Eiweißen und Aminosäuren durch den Euskirchener Emil Fischer vor hundert Jahren, doch schon viel weitreichender als die Erfindung des ersten Kunstherzens durch Robert Jarvik vor vierzig Jahren.

Organe aus dem Reagenzglas

Die Transplantationsmedizin steht vor einer neuen Epoche. Einen Namen hat sie schon: Regenerative Medizin. Anstelle von „Kadaver“-Organen spendenwilliger Hirntoter wird man künftig bei vielen Herzpatienten an das Verpflanzen von voll funktionsfähigem, lebendem - aber künstlich im Reagenzglas gezeugten - Herzgewebe übergehen. Im Idealfall sogar von Kunstherzen, die aus den Zellen des eigenen Körpers hergestellt wurden.

Ideal allerdings nur, wenn man nicht die restriktiven bioethischen Maßstäbe maßgeblicher Kritiker dieser Moderne anlegt. Jürgen Habermas zum Beispiel, der deutsche Philosoph, warnt im Blick auf die „transhumanistischen Zukunftsphantasien“ der Stammzellforscher vor einer „Selbstinstrumentalisierung der Gattung“ Mensch: „Das beunruhigende Phänomen ist das Verschwimmen der Grenze zwischen der Natur, die wir sind, und der organischen Ausstattung, die wir uns geben.“

1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Genforschung Der Grund des Lebens

1832 formulierte Johann Wolfgang von Goethe in einem Gespräch mit Eckermann: Die Fragen der Wissenschaft sind sehr häufig Fragen der Existenz. Dies gilt im Zeitalter der Zauberscheren und der Genomeditierung ganz besonders. Mehr Von Professor Dr. Jörg Hacker

17.05.2016, 12:08 Uhr | Politik
Fortpflanzungsmedizin Des Lebens eisige Reserve

Babys aus dem Kühlraum und Keimzellen im Labor: Nicht nur Unfruchtbarkeit, auch Volkskrankheiten und Lifestyle treiben die Fortpflanzungsmedizin an. Wir zeigen, wie das eine junge Krebspatientin mit Kinderwunsch erlebt. Mehr Von JOACHIM MÜLLER-JUNG

16.05.2016, 10:27 Uhr | Wissen
Diabetes Arznei als Krebsrisiko

Der Verdacht steht seit mehr als zehn Jahren im Raum: Der Kampf gegen Diabetes könnte zu unerwünschten Kollateralschäden geführt haben. Gibt es trotzdem Hoffnung für ein altes Anti-Diabetesmittel? Mehr Von Martina Lenzen-Schulte

14.05.2016, 11:11 Uhr | Wissen
Indien Frau wird mit 70 Jahren zum ersten Mal Mutter

Eine 70 Jahre alte Inderin ist zum ersten Mal Mutter geworden. Mithilfe künstlicher Befruchtung gebar Daljinder Kaur Mitte April einen Sohn. Sie fühle sich nicht zu alt dafür, sagte sie in einem Interview. 2008 hatte in Indien bereits eine 72 Jahre alte Frau nach künstlicher Befruchtung Zwillinge zur Welt gebracht. Mehr

12.05.2016, 16:53 Uhr | Gesellschaft
Haartransplantation Schütteres Haar ist dir gegeben

Wenn die Lücken immer größer werden, treibt es viele Männer zum Haarchirurgen. Jüngstes Beispiel: der Fußballer Christoph Metzelder. Mehr Von Georg Rüschemeyer

17.05.2016, 11:06 Uhr | Wissen