Home
http://www.faz.net/-gpf-77c54
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Regenerative Medizin Herz, ein Stück Fleisch

In Hannover wird frisches, schlagendes Herzgewebe in zwei Hausschweine verpflanzt. Gelingt das Experiment, wird die Organspende bald schon aus einer früheren Epoche der Transplantationsmedizin stammen.

© Andreas Brand Vergrößern Stammzellforschung: Das Herz aus der Petrischale

Unfassbar, das Stück Fleisch zuckt wirklich. Langsam nur kontrahiert es, vielleicht dreißig- oder vierzigmal die Minute, aber zuverlässig wie ein Wimpernschlag. Das rhythmische Pumpen lässt einem fast den Atem stocken. Das Gewebe ist nicht blutrot, eher braun-orange. Hört man da ein Pochen? Oder ist es der eigene Herzschlag? Es ist finster im Mikroskopierraum. Alles starrt auf die beiden Bildschirme.

Joachim  Müller-Jung Folgen:    

George Kensah, der Biologe, dreht mit seinen langen Fingern an den Stellschrauben der Objektträgerplatte, millimeterweise wird das Präparat vor und zur Seite gefahren. Friedrich Hebbel sagte, über alles habe der Mensch Gewalt, nur nicht über sein Herz. Hebbel hatte ja nicht ahnen können, was mit der Biomedizin noch auf uns zukommen würde.

Schöpfungsmythos mit Stammzellen

Der Lyriker aus Dithmarschen ist seit hundertfünfzig Jahren tot. Dass eines Tages, nicht allzu weit von seinem Geburtsort, an der Medizinischen Hochschule in Hannover jenes menschliche Organ, das keineswegs nur Hebbel als die Fleischwerdung unserer empfindsamen Seele betrachtete, wie Goethes Homunculus aus der Phiole in die Welt kommen könnte, wäre Hebbel und seinen Zeitgenossen gewiss nicht in den Sinn gekommen.

Dabei waren eben schon Mitte des neunzehnten Jahrhunderts durch den Berliner Rudolf Virchow die Wurzeln der „Zellularpathologie“ gelegt worden, die zum Ausgangspunkt für die neue biomedizinische Revolution werden sollte. George Kensah ist einer der jungen Protagonisten dieser radikalen Wende in der Medizin. Man könnte auch von einem Schöpfungsmythos mit Stammzellen sprechen.

Stammzellforschung und Tissue Engineering. In dem Forschungslabor von Prof. Ulrich Martin  werden aus Stammzellen künstliche Herzen und Lungengewebe hergestellt. In seinem Forschungslabor werden aus Stammzellen künstliche Herzen hergestellt: Professor Ulrich Martin © Burkert, Christian Bilderstrecke 

Tatsächlich ist schon so viel Phantastisches und Falsches über die künstliche Erzeugung menschlicher Organe in der Retorte geschrieben worden, dass man den Bioingenieuren in ihren Laboren mittlerweile durchaus Ähnliches zuschreibt wie Goethes faustischem Wagner, der sich in Anwesenheit des Teufels einen Menschen zu schaffen traute. Aber George Kensah bastelt an keinem Menschen.

Er fragt sich, wie man es schafft, in der Petrischale aus Stammzellen ein künstliches Herz oder, wenigstens im ersten Schritt, funktionierendes Herzgewebe zu erschaffen. Das wäre medizinisch schon ein historischer Schritt. Vergleichbar mit der ersten Synthese von Lebensbausteinen wie Eiweißen und Aminosäuren durch den Euskirchener Emil Fischer vor hundert Jahren, doch schon viel weitreichender als die Erfindung des ersten Kunstherzens durch Robert Jarvik vor vierzig Jahren.

Organe aus dem Reagenzglas

Die Transplantationsmedizin steht vor einer neuen Epoche. Einen Namen hat sie schon: Regenerative Medizin. Anstelle von „Kadaver“-Organen spendenwilliger Hirntoter wird man künftig bei vielen Herzpatienten an das Verpflanzen von voll funktionsfähigem, lebendem - aber künstlich im Reagenzglas gezeugten - Herzgewebe übergehen. Im Idealfall sogar von Kunstherzen, die aus den Zellen des eigenen Körpers hergestellt wurden.

Ideal allerdings nur, wenn man nicht die restriktiven bioethischen Maßstäbe maßgeblicher Kritiker dieser Moderne anlegt. Jürgen Habermas zum Beispiel, der deutsche Philosoph, warnt im Blick auf die „transhumanistischen Zukunftsphantasien“ der Stammzellforscher vor einer „Selbstinstrumentalisierung der Gattung“ Mensch: „Das beunruhigende Phänomen ist das Verschwimmen der Grenze zwischen der Natur, die wir sind, und der organischen Ausstattung, die wir uns geben.“

1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Gentechnik Können wir es besser?

Dem unvollkommenen Menschen auf die Sprünge zu helfen ist ein alter Traum. Vor allem für Genetiker. Jetzt sind sie ihrem Ziel wieder ein Stück näher gekommen. Mehr Von Jörg Albrecht und Sonja Kastilan

23.03.2015, 10:34 Uhr | Wissen
Parkinson Verständnis durch Zitter-Simulation

Eine britische Theatergruppe hat ein interaktives Gerät entwickelt, mit dem man in die Rolle eines Parkinson-Patienten schlüpfen kann. Die Installation wird ums Handgelenk geschnallt und erzeugt Schwingungen von sechs Hertz. Mehr

08.12.2014, 10:32 Uhr | Wissen
Parasiten Der Wurm, dein Feind und Helfer

Band-, Spul- und Hakenwürmer sind böse Parasiten. Neuerdings gelten sie aber auch als Heilsbringer bei Autoimmunkrankheiten und Allergien. Was ist da dran? Mehr Von Georg Rüschemeyer

20.03.2015, 16:48 Uhr | Wissen
Leipzig Ärzte sehen Zustand des Ebola-Patienten kritisch

Der nach Leipzig ausgeflogene Ebola-Patient aus Westafrika befindet sich in einem hochgradig kritischen Zustand. Das sagte Oberarzt Thomas Grünewald vom Klinikum St. Georg, wo der Mann seit Donnerstag behandelt wird. Mehr

09.10.2014, 19:31 Uhr | Gesellschaft
Medizinische Forschung Wenn das Immunsystem gegen Krebs kämpft

Pharmakonzerne entwickeln Arzneien, die das körpereigene Abwehrsystem gegen Tumore aktivieren – ein verheißungsvolles Gebiet. Zwei deutsche Unternehmen haben zuletzt besonders auf sich aufmerksam gemacht.  Mehr Von Klaus Max Smolka

24.03.2015, 08:44 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 01.03.2013, 18:00 Uhr

Sozialistische Übungen

Von Reinhard Müller

Mit Quoten und Bremsen will die Bundesregierung der Bevölkerung Gutes tun. Doch sind diese Vorhaben nur Ausdruck eines paternalistischen Monsters. Und der Opposition geht das immer noch nicht weit genug. Mehr 2 8