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Regenerative Medizin Herz, ein Stück Fleisch

In Hannover wird frisches, schlagendes Herzgewebe in zwei Hausschweine verpflanzt. Gelingt das Experiment, wird die Organspende bald schon aus einer früheren Epoche der Transplantationsmedizin stammen.

© Andreas Brand Stammzellforschung: Das Herz aus der Petrischale

Unfassbar, das Stück Fleisch zuckt wirklich. Langsam nur kontrahiert es, vielleicht dreißig- oder vierzigmal die Minute, aber zuverlässig wie ein Wimpernschlag. Das rhythmische Pumpen lässt einem fast den Atem stocken. Das Gewebe ist nicht blutrot, eher braun-orange. Hört man da ein Pochen? Oder ist es der eigene Herzschlag? Es ist finster im Mikroskopierraum. Alles starrt auf die beiden Bildschirme.

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George Kensah, der Biologe, dreht mit seinen langen Fingern an den Stellschrauben der Objektträgerplatte, millimeterweise wird das Präparat vor und zur Seite gefahren. Friedrich Hebbel sagte, über alles habe der Mensch Gewalt, nur nicht über sein Herz. Hebbel hatte ja nicht ahnen können, was mit der Biomedizin noch auf uns zukommen würde.

Schöpfungsmythos mit Stammzellen

Der Lyriker aus Dithmarschen ist seit hundertfünfzig Jahren tot. Dass eines Tages, nicht allzu weit von seinem Geburtsort, an der Medizinischen Hochschule in Hannover jenes menschliche Organ, das keineswegs nur Hebbel als die Fleischwerdung unserer empfindsamen Seele betrachtete, wie Goethes Homunculus aus der Phiole in die Welt kommen könnte, wäre Hebbel und seinen Zeitgenossen gewiss nicht in den Sinn gekommen.

Dabei waren eben schon Mitte des neunzehnten Jahrhunderts durch den Berliner Rudolf Virchow die Wurzeln der „Zellularpathologie“ gelegt worden, die zum Ausgangspunkt für die neue biomedizinische Revolution werden sollte. George Kensah ist einer der jungen Protagonisten dieser radikalen Wende in der Medizin. Man könnte auch von einem Schöpfungsmythos mit Stammzellen sprechen.

Stammzellforschung und Tissue Engineering. In dem Forschungslabor von Prof. Ulrich Martin  werden aus Stammzellen künstliche Herzen und Lungengewebe hergestellt. In seinem Forschungslabor werden aus Stammzellen künstliche Herzen hergestellt: Professor Ulrich Martin © Burkert, Christian Bilderstrecke 

Tatsächlich ist schon so viel Phantastisches und Falsches über die künstliche Erzeugung menschlicher Organe in der Retorte geschrieben worden, dass man den Bioingenieuren in ihren Laboren mittlerweile durchaus Ähnliches zuschreibt wie Goethes faustischem Wagner, der sich in Anwesenheit des Teufels einen Menschen zu schaffen traute. Aber George Kensah bastelt an keinem Menschen.

Er fragt sich, wie man es schafft, in der Petrischale aus Stammzellen ein künstliches Herz oder, wenigstens im ersten Schritt, funktionierendes Herzgewebe zu erschaffen. Das wäre medizinisch schon ein historischer Schritt. Vergleichbar mit der ersten Synthese von Lebensbausteinen wie Eiweißen und Aminosäuren durch den Euskirchener Emil Fischer vor hundert Jahren, doch schon viel weitreichender als die Erfindung des ersten Kunstherzens durch Robert Jarvik vor vierzig Jahren.

Organe aus dem Reagenzglas

Die Transplantationsmedizin steht vor einer neuen Epoche. Einen Namen hat sie schon: Regenerative Medizin. Anstelle von „Kadaver“-Organen spendenwilliger Hirntoter wird man künftig bei vielen Herzpatienten an das Verpflanzen von voll funktionsfähigem, lebendem - aber künstlich im Reagenzglas gezeugten - Herzgewebe übergehen. Im Idealfall sogar von Kunstherzen, die aus den Zellen des eigenen Körpers hergestellt wurden.

Ideal allerdings nur, wenn man nicht die restriktiven bioethischen Maßstäbe maßgeblicher Kritiker dieser Moderne anlegt. Jürgen Habermas zum Beispiel, der deutsche Philosoph, warnt im Blick auf die „transhumanistischen Zukunftsphantasien“ der Stammzellforscher vor einer „Selbstinstrumentalisierung der Gattung“ Mensch: „Das beunruhigende Phänomen ist das Verschwimmen der Grenze zwischen der Natur, die wir sind, und der organischen Ausstattung, die wir uns geben.“

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