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Reformationstag : Die Deutschen und ihr Luther

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Das Fazit: Alle bisherigen Luther-Jubiläen waren in hohem Maß politisiert. Luthers Leben und Werk wurden benutzt, um politische und kirchenpolitische Anliegen zu artikulieren, seine 95 Thesen über die Jahrhunderte hinweg ohne Bedenken instrumentalisiert. Wird das 2017 anders sein? Wie kann man der Gefahr einer neuerlichen Instrumentalisierung Luthers im Jahre 2017 begegnen? Wie kann Luthers Botschaft in die heutige Zeit übersetzt werden, ohne dass es zu fatalen politischen und kirchenpolitischen Akzentuierungen kommt? Und vielleicht noch wichtiger: Was hat Luther im Deutschland des Jahres 2017 noch zu sagen, in einer säkularisierten und in religiöser Hinsicht pluralistischen Gesellschaft, in einer Gesellschaft zudem, in der die kirchlich aktiven Protestanten sich in einer Minderheit befinden und in der diese zudem gespalten sind zwischen Konservativen und Progressiven, zwischen evangelikalen Gruppen, die einem strikten Biblizismus vertrauen und fortschrittsorientierten Bewegungen, die soziale Gerechtigkeit versprechen sowie die Bewahrung der Schöpfung und des Weltfriedens?

Wie Luthers Hass auf die Juden erklären?

Will man die Bedeutung Luthers und Luthers Vermächtnis im Deutschland des Jahres 2017 allen Bürgern - und eben nicht nur den Lutheranern - erklären, dürften fünf Themenbereiche außerordentlich wichtig und zugleich außerordentlich schwierig sein: Luthers Abgrenzung von den Täufern und anderen Richtungen innerhalb der reformatorischen Bewegung, seine Polemiken gegen den Papst und die römische Kirche, die Distanzierung gegenüber einem für Reformen aufgeschlossenen und zu religiöser Toleranz bereiten Humanismus, die scharfe Schriften gegen die Türken und die hasserfüllten späten Schriften Luthers gegen die Juden. Allein schon Luthers scharfe Ablehnung aller reformatorischen Richtungen, die seine Ansichten nicht teilten, wirft Probleme auf. Denn wie können die Lutheraner Luthers Verdienste feiern, ohne die in den vergangenen Jahrzehnten gewachsenen Beziehungen zu anderen evangelischen Kirchen zu beschädigen?

Luthers Kampf gegen diejenigen, die er als Schwärmer und als falsche Propheten apostrophierte, begann in den Monaten, in denen er von dem kursächsischen Fürsten Friedrich dem Weisen auf der Wartburg festgehalten wurde. Dort widmete sich „Junker Jörg" nicht nur der Übersetzung des Neuen Testaments. Mit wachsendem Misstrauen beobachtete er vielmehr, wie einige seiner Anhänger in Wittenberg das kirchliche Leben veränderten. Sie entfernten Bilder aus den Kirchen, teilten das Abendmahl in beiderlei Gestalt aus, lasen die Liturgie auf Deutsch, schafften die Beichte ab, stellten die Kindertaufe in Frage und lehnten das Fasten ebenso ab wie den Vorrang einer wissenschaftlich geschulten Theologie gegenüber dem religiösen Verstand der Laien. Luther verurteilte diese Aktionen als vorschnell, unüberlegt und eigenmächtig; sie entsprachen also nicht, wie er glaubte, Gottes Willen.

Zur Toleranz war er nie bereit

Ebenso war Luther wenige Jahre später überzeugt, auch hinter den Forderungen der aufständischen Bauern stecke der Teufel. Entsprechend vehement war 1524/25 seine Intervention. Mit gleicher Entschiedenheit wandte sich Luther von Anfang an gegen die Täufer. Mit dem Führer der Reformation in der Schweiz, Ulrich Zwingli, konnte er sich 1529 in der Abendmahlsfrage nicht einigen. Kurzum: Zu einer toleranten Sicht oder gar zu Kompromissen in Glaubensfragen war Luther zu keinem Zeitpunkt seines Lebens bereit.

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