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Zwickauer Terrorzelle Zwei weitere Verdächtige - Beate Z. schweigt

18.11.2011 ·  Die rechtsextreme Zwickauer Terrorzelle ist möglicherweise größer als bislang bekannt. Es seien weitere Beschuldigte im Visier, bestätigt Generalbundesanwalt Range. Die mutmaßliche Neonazi-Terroristin Beate Z. schweigt auf Anraten ihres Anwalts weiter.

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© REUTERS

Die rechtsextreme Zwickauer Terrorzelle ist möglicherweise größer als bislang bekannt. In der Neonazi-Mordserie beschuldigen die Ermittler zwei weitere Verdächtige. Auf die Frage, ob es zusätzlich zu den beiden bereits in Untersuchungshaft sitzenden Verdächtigen Holger G. und Beate Z. zwei Beschuldigte gebe, bestätigte Generalbundesanwalt Harald Range am Freitag in Berlin: „Zwei plus zwei.“ Die Bundesanwaltschaft ermittele gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt (BKA) die Hintergründe des Falls.

Die Lage ändere sich täglich und beinahe stündlich. Er sei sich bewusst, dass seine Behörde in der Pflicht sei. Sie müsse der Politik die Voraussetzung dafür liefern, den Kampf gegen rechtsextremistische Gewalt zu verstärken: „Wir brauchen die Ergebnisse.“

BKA-Chef spekuliert über ein Terrornetz

Nach einem Bericht des ZDF haben die Ermittler zwei weitere Thüringer Neonazis im Fokus. Sie sollen das Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Z. unterstützt haben. Die Bundesanwaltschaft wollte den ZDF-Bericht nicht kommentieren. Der Fernsehbericht macht keine Angaben, wie die beiden bis heute in der Szene aktiven Männer den Verdächtigen geholfen haben sollen. Einer der beiden Männer wird in Verfassungsschutzberichten als Vorsitzender eines NPD-Kreisverbandes genannt. Der Präsident des Bundeskriminalamts, Jörg Ziercke, schließt nicht aus, dass die Ermittler noch auf weitere Unterstützer stoßen. „Das kann auf ein Netzwerk tatsächlich hinauslaufen“, sagte Ziercke.

Der Zwickauer Terrorzelle werden zehn Morde zwischen 2000 und 2007 zur Last gelegt. Böhnhardt und Mundlos sind tot. Sie hatten sich nach Angaben der Behörden vor zwei Wochen selbst getötet. Beate Z. sitzt im Gefängnis in Köln und schweigt weiter zu den Taten. „Ich habe heute mit ihr gesprochen und ihr den Rat erteilt, derzeit nichts zur Sache zu sagen. Sie wird diesen Rat auch befolgen“, sagte ihr neuer Anwalt, der Kölner Strafrechtler Wolfgang Herr, am Freitag der Nachrichtenagentur dpa.

Neben ihr gilt auch Holger G., der in Niedersachsen festgenommen wurde, als verdächtig. Auch in Sachsen, Brandenburg und Bayern gibt es Hinweise auf mögliche Unterstützer.

Krisengipfel in Berlin

Im Kampf gegen rechtsextremen Terror berieten die Innen- und Justizminister von Bund und Ländern auf einem Krisengipfel in Berlin über Konsequenzen aus der Mordserie beraten. Mit den Spitzen der Sicherheitsbehörden erörterten sie den Stand der Ermittlungen zu den Taten des Neonazi-Trios aus Zwickau. Auch Pannen und Versäumnisse bei der Fahndung sollten zur Sprache kommen.

Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) plädierte unmittelbar vor der Berliner Konferenz für eine stärkere Konzentration von Verfassungsschutzämtern. Statt über 16 Landesämter könnte man auch über drei oder vier nachdenken, sagte die FDP-Politikerin der „Süddeutschen Zeitung“: „Das gesamte Alarmsystem gegen Rechts hat nicht funktioniert.“

Vor dem Spitzentreffen verlangte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) eine bessere Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden. Im Deutschlandfunk verteidigte er zugleich seinen Vorstoß, eine sogenannte Verbunddatei der Sicherheitsbehörden zu schaffen. Er wies darauf hin, dass derzeit alle Verfassungsschutzämter und alle Polizeibehörden in den Ländern eigene Dateien führen.

Der Präsident des Bundeskriminalamts, Jörg Ziercke, machte sich für weitreichende Konsequenzen aus der Mordserie stark. Die Polizei- und Verfassungsschutzbehörden des Bundes und der Länder müssten „enger verzahnt werden“.

Die Koalitionsfraktionen von Union und FDP streben ein parteiübergreifendes Vorgehen gegen den Neonazi-Terrorismus an. Die Fraktionschefs Volker Kauder (CDU) und Rainer Brüderle (FDP) hätten die Parteivorsitzenden sowie die Chefs der anderen im Parlament vertretenen Fraktionen von SPD, Grünen und Linke zu einem Gespräch an diesem Dienstag eingeladen, teilte ein Sprecher der Unionsfraktion mit.

Bereits am Montag soll der Innenausschuss des Bundestages in einer Sondersitzung über Konsequenzen aus den Vorfällen und möglichen Versäumnissen der Behörden beraten. Für Dienstag wurde nach Angaben des Sprechers der Unionsfraktion eine Sonder-Plenardebatte angesetzt.

Weiterer Datenträger mit tausenden Namen aufgetaucht

Auf einem neuen Datenträger, der dem Zwickauer Neonazi-Trio zugerechnet wird, sind etwa 10.000 Namen aufgelistet. Auf der Liste sollen Politiker - darunter Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) - sowie Kirchen, SPD-Ortsvereine und Vereine gegen Rechts stehen. Ob all diese Namen im Fadenkreuz der Terrorzelle standen, ist unklar. Das Bundeskriminalamt (BKA) schätzt die Daten, die mehrere Jahre alt sein sollen, laut den Kreisen bisher zurückhaltend ein. Berliner Sicherheitskreise bestätigten der Nachrichtenagentur dpa am Freitag die Existenz des Datenträgers.

Die „Rhein-Zeitung“ berichtete von einem USB-Stick von 2007, auf dem auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), und der jetzige FDP-Bundestagsfraktionschef Brüderle stehen sollen. Die Terroristen hätten die Privatadressen, oft auch die Telefonnummern ermittelt.

Sicherheitsbehörden sprachen gegenüber der „Passauer Neuen Presse“ nicht von Todeslisten, sondern von einer Sammlung von Daten, die für die Zwecke der Rechtsextremisten offenbar relevant waren. Derzeit würden die Daten - auf die einzelnen Bundesländer heruntergebrochen - von den dortigen Sicherheitsbehörden ausgewertet. Das Zwickauer Trio wird für zehn Morde an türkisch- und griechischstämmigen Kleinunternehmern sowie einer Polizistin in Heilbronn verantwortlich gemacht.

Es ist nicht die erste Liste der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Ermittler hatten in der abgebrannten Zwickauer Wohnung der drei eine Liste mit 88 Posten gefunden - darunter auch die Namen des Grünen-Bundestagsabgeordneten Jerzy Montag und des CSU-Abgeordneten Hans-Peter Uhl. Das BKA hatte jedoch erklärt, dass es nach bisherigen Erkenntnissen keine konkreten Anschlagspläne gegeben habe.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, beklagte, dass die Behörden keine Auskunft über jene Listen geben würden. „Wir haben bei den Sicherheitsbehörden angefragt. Aber wir haben keine Informationen bekommen. Es wäre sinnvoll, wenn es hier mehr Transparenz gebe“, sagte Mazyek.

Täglich kommen weitere Details ans Licht: Der sächsische Staatsschutz hat möglicherweise schon seit über einem Jahr Hinweise auf einen rechtsradikalen Hintergrund der Taten. Das Landeskriminalamt ließ im Juli 2010 eine Musik-CD der rechtsextremen Plattenfirma „PC Records“ indizieren, auf der ein „Döner-Killer“ und die Mordserie an neun Unternehmern türkischer und griechischer Herkunft besungen wird. Zudem wurden weitere Morde angedroht.

Der Staatsschutz ermittelte dem Bericht zufolge zunächst wegen Volksverhetzung. Einen Hinweis an die wegen der Morde ermittelnde Sonderkommission „Bosporus“ in Nürnberg habe die Behörde nicht weitergegeben.

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