23.11.2011 · In Zwickau steht eine Ruine. Viele Jahre lang lebten hier die drei Terroristen des NSU. Die Ruine schmerzt Zwickau wie eine offene Wunde. Die Stadt fürchtet um ihren Ruf.
Von Peter Schilder, ZwickauAufmerksam beobachtet die Zwickauer Polizei jedes Auto, das langsam an der Ruine des Hauses in der Frühlingsstraße vorbeifährt. Kennzeichen aus dem Erzgebirge und dem Vogtland werden registriert. Dort gibt es Nester von Rechtsextremen. Manche Insassen seien leicht der rechtsextremistischen Szene zuzuordnen, heißt es. Sie sehen eben so aus. Man weiß nicht, was sie treibt. Reine Neugier, Gedenken?
In den Trümmern des Hauses rührt sich nichts. Die verkohlten Dachsparren, die rauchgeschwärzten Wände bilden einen markanten Kontrast zur frisch gestrichenen gelben Fassade. In der anderen, unbeschädigten Hälfte des Doppelhauses wird eine Wohnung zur Vermietung angeboten. Auf der Trümmerseite sind die Tapeten abgelöst, verbrannt. Kein Schrank ist zu sehen, kein Tisch, keine Tasse, kein Teller.
Alles ist abtransportiert und wird auf Spuren und Hinweise untersucht. Auf Spuren und Hinweise auf die Taten der drei Rechtsterroristen, die hier lebten. Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Z. Der „Nationalsozialistische Untergrund“. Etwa fünfzig Beamte des Bundes- und Landeskriminalamtes arbeiten mit Hochdruck an den verkohlten Resten aus ihrer Wohnung.
Jedes Mal wenn im Fernsehen oder Zeitungen die Rede von der „Zwickauer Terrorzelle“ ist, zuckt Pia Findeiß zusammen. Wie die Zwickauer Oberbürgermeisterin so empfinden derzeit zahlreiche Zwickauer. Davon zeugen auch die Leserbriefe in der Lokalzeitung. Pia Findeiß erinnert sich noch gut an den Nachmittag des 4. November, als sie zur Explosion eines Wohnhauses in der Frühlingstraße gerufen wurde. Damals stand die Sorge um mögliche Bewohner im Vordergrund, die unter den Trümmern verschüttet sein könnten.
Dann wurde bald eine Verbindung nach Eisenach entdeckt, wo sich zwei Bankräuber selbst getötet hatten. Dann wurde klar, dass Rechtsterroristen lange unentdeckt in Zwickau lebten. Seither sieht sich die Stadt inmitten eines braunen Sumpfes, den es aber nach Überzeugung der Zwickauer gar nicht gibt.
Zwickau ist mit knapp 94.000 Einwohnern die viertgrößte Stadt Sachsens. Doch auch wenn ihr eine Oberbürgermeisterin der SPD vorsteht, ist es keine rote Hochburg. Die SPD kam bei der Stadtratswahl nicht einmal auf 20 Prozent. Bei allen Wahlen, für Bund, Land oder Stadt, erreicht die NPD um 3,5 Prozent. Das ist unter dem Durchschnitt in Sachsen. Im Stadtrat von Zwickau sitzt ein einziger Abgeordneter der NPD, der aber inzwischen aus der Partei ausgetreten ist. Er ist zuletzt mit dem Vorschlag aufgefallen, dem Diktator Gaddafi in Zwickau Asyl zu gewähren, um von seinem Reichtum zu profitieren. Die letzte Demonstration von Rechtsextremisten zog am 1. Mai 2010 durch die Stadt. Da hätte ein gutes Dutzend Rechtsextremer etwa 2000 Gegendemonstranten gegenübergestanden.
Etwa 3000 Bürger haben bei der Stadtratswahl die NPD gewählt. Aber ein rechtsextremes Netzwerk gebe es in Zwickau nicht, sagt Christoph Ullmann. Er ist Streetworker in Neuplanitz, einem Problemgebiet mit vielen Plattenbauten. Er bemüht sich, Jugendliche aus dem Dunstkreis der Rechtsextremisten herauszuholen. Er kennt die Szene. Die erste Generation der Rechtsextremen, so berichtet er, seien die „typischen Wendeverlierer“ gewesen, „die mit den neuen Verhältnissen nicht zurechtgekommen sind“. Aber von denen hätten sich die meisten längst zurückgezogen.
Unter den heutigen Jugendlichen seien es wieder eher die Verlierer, die sich der rechtsextremen Szene zuwendeten. „Aber das hat deutlich abgenommen“, sagt Ullmann. Die Aussichten haben sich verbessert. In Zwickau und Umgebung werden Auszubildende gesucht. Die Arbeitslosenquote in der Stadt liegt unter acht Prozent. Größter Arbeitgeber ist das Volkswagenwerk mit 6000 Beschäftigten. Dazu kommen zahlreiche Zulieferbetriebe. „Möglicherweise“, sagt Ullmann, „hat der eine oder andere das Trio unterstützt.“ Aber ein Netzwerk, auf das es sich hätte verlassen können, gebe es nicht. Da sei er sicher.
Seit Jahren schon gibt es in der Stadt ein „Bündnis für Demokratie und Toleranz“. Darin arbeiten alle demokratischen Parteien, Gewerkschaften, Kirchen sowie zahlreiche Initiativen und Gruppen zusammen. Anders als zum Beispiel in Dresden klappt die Zusammenarbeit sogar. In dem Kulturzentrum „Gasometer“ organisiert eine hauptamtliche Mitarbeiterin die Arbeit des Bündnisses und bereitet Schulprojekte vor. Es gibt keinen Hinweis darauf, warum Zwickau ein Hort und Unterschlupf der Rechtsextremisten sein sollte. Aber es gibt die Sorge, dass Zwickau nun zu einem Anziehungspunkt, einer Art Wallfahrtsstätte für Rechtsextremisten werden könnte. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt hätten sich in ihrem Wohnwagen als Märtyrer verabschiedet, heißt es.
Rotweiße Plastikbänder mit dem Aufdruck „Polizeiabsperrung“ grenzen das Areal um ihre explodierte Wohnung herum weiträumig ab. Dahinter liegt ein kleiner Park mit Kinderspielgeräten. Ein Polizeiwagen bewacht den Ort. Es ist ruhig in dem Viertel. Die Häuser und die Gärten sind fein herausgeputzt. Die Leute winken ab, wollen nicht mehr über das Thema sprechen. Tage lang sind sie von Fernsehkameras traktiert worden. Jetzt wollen sie wieder ihre Ruhe haben. Jetzt soll es wieder normal sein. Ja, so ist dann doch zu hören, beim Siedlerfest, das im Sommer gefeiert wird, hätten die drei mal ein Bier getrunken.
Und Beate Z. habe beim Bäcker schräg gegenüber eingekauft. Da habe sie sich mal auf ein Pläuschchen mit der Verkäuferin eingelassen. Über Politik sei nicht gesprochen worden. Ganz umgänglich sei sie gewesen. Kurze Zeit vor der Explosion ist das Haus verkauft worden. Ein Deutscher vietnamesischer Abstammung hat es gekauft. Er will es offenbar bis auf das Erdgeschoss, das wenig beschädigt wirkt, abtragen lassen und wieder aufbauen. Die Stadt überlegt noch, was sie von diesen Bauplänen hält. Dabei ist immer die Sorge im Kopf, dass daraus eine Erinnerungsstätte werden könnte. Das soll sie nicht sein.
Zwickau will den Ruf, ein rechtsextremistisches Nest zu sein, abschütteln, bevor er sich festsetzt. Die Stadt, die ohnehin im Schatten der drei anderen sächsischen Zentren - Dresden, Leipzig und Chemnitz - lebt, würde gern mit andren Pfunden wuchern. Mit ihrem aufwendig restaurierten historischen Stadtkern zum Beispiel. Sie gilt als Schumann-Stadt, in der Thomas Münzer gewirkt hat und wo Martin Luther oft war. Zwickau ist Automobilstadt und erlebt mit dem Auto wieder einmal einen Aufschwung. Mit der westsächsischen Hochschule ist sie auch Hochschulstandort mit dem Schwerpunkt Technik.
An diesem Freitag will Zwickau „ein Zeichen gegen Rechts“ setzen. Die Bürger sind auf den Georgenplatz eingeladen. Dorthin, wo unter der Herrschaft der Nazis einst die Juden gesammelt und abtransportiert wurden. Alle Parteien und gesellschaftlichen Gruppen haben dazu aufgerufen. Schon am Montag waren etwa 200 Bürger einem Aufruf der Grünen zu einer Mahnwache gefolgt. Etwas zaghaft wird mit 2000 Teilnehmern gerechnet. Ministerpräsident Stanislaw Tillich schickt seinen Innenminister und die Organisatoren haben sogar den Bundespräsidenten eingeladen. Eine Antwort steht noch aus.
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