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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rechtsextremismus Der schwierige Einstieg in den Ausstieg

 ·  Für Jugendliche ist es ebenso schwierig, sich aus neonazistischen Kreisen zu lösen, wie von harten Drogen loszukommen. In Jena versuchen zwei Beraterinnen, Wege aus der Sucht zu weisen.

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© dapd Heil Tristesse: Jeder wird integriert, auch die Dicksten und Dümmsten

Sophia Linhart und Susann Juch sind aufgeschlossene, eloquente junge Frauen und geben bereitwillig Auskunft. Doch die beiden können auch anders. Sie beherrschen den „konfrontativen Beratungsstil“, in dem sie ihre Klienten, die sie stets mit dem förmlichen „Sie“ auf Distanz halten, mit ihren Taten konfrontieren. Frau Linhart berät Rechtsextremisten, die ans Aussteigen denken, Frau Juch deren Eltern und Angehörige. Die beiden Frauen arbeiten für den Verein Drudel 11 e.V., der von Jena aus in ganz Thüringen den „Ausstieg aus Rechtsextremismus und Gewalt“ erleichtern soll, wie der offizielle Titel verheißt. Das Programm wird aus Mitteln der Landes, des Bundes und der EU finanziert. Seit Mitte 2009 wendet sich der Verein, der sich der Jugendarbeit verschrieben hat, auch den Rechtsextremisten und ihren Angehörigen zu - wenn diese um Hilfe bitten. Seither gingen 38 Anfragen von Jugendlichen, 34 von Eltern und Angehörigen ein.

Wenn Frau Linhart und Frau Juch die Eindrücke aus ihrem Berufsalltag schildern, dann berichten sie über Einzelfälle. Jeder sei anders und stets komplex. Die Beraterinnen warnen vor Verallgemeinerungen und vorschnellen Schlüssen. Vor allem aber ist den beiden jungen Frauen klar, dass sie es mit Menschen zu tun haben, die eine Umkehr zumindest erwägen, oder mit Eltern, die Anstoß nehmen am Verhalten ihres Kindes.

Patchwork-Weltbild der Aussteiger

Frau Linharts Klienten sind sechzehn bis 32 Jahre alt, meist männlich, und viele von ihnen haben die Schule ohne Abschluss verlassen. Ihr Bild von der Wirklichkeit schneidern sich die potentiellen Aussteiger selbst zurecht. Frau Linhart spricht von einem „Patchwork“. Der einzelne Freund oder die einzelne Freundin könne durchaus aus dem Ausland stammen. Im Allgemeinen aber lehnten die Klienten Ausländer ab, denn diese nähmen den Deutschen doch angeblich die Arbeitsplätze weg. Den jungen Männern fehle es vielfach an Allgemeinbildung. Aus der inhaltlichen Nähe zum Dritten Reich werde in ihrer Vorstellung der Zweite Weltkrieg schnell einmal zum Dritten. Frau Linhart führt dies in Situationen, in denen es ihr schwerfällt, ihr Gegenüber ernst zu nehmen.

Die Beraterin erkennt kein spezifisches Verhältnis zwischen ihren Klienten und deren jeweiligen Eltern. Es gebe Fälle, in denen die Eltern fehlten, aber auch Eltern, die liebevoll mit ihren Kindern umgegangen seien. Keinesfalls seien die jungen Neonazis alle zu Hause vernachlässigt oder autoritär erzogen worden. Auffallend ist für die Beraterinnen aber das vielfach gute Verhältnis der Klienten zu ihren Großeltern, die selbst kein rechtsextremistisches Weltbild haben müssen. Doch wenn der Großvater die Zeit des Nationalsozialismus noch erlebt hat, selbst Soldat oder Flakhelfer war oder gar ein überdurchschnittliches Engagement gegenüber dem Regime zeigte, verweisen die jungen Männer mit Stolz darauf. Es gibt aber offenbar auch einzelne Familien, in denen der Militarismus und das nationalsozialistische Gedenken gepflegt werden, in denen der Ausflug die Familie gemeinsam auf Hitlers Berghof führt.

Wie in einer Sekte

Aber das ist die Ausnahme. Vielmehr verbindet die meisten Klienten der Beraterinnen eines: Sie sind Außenseiter. Die einen sind von Kindesbeinen an Schlägertypen. Andere hatten es in Kindertagen nicht einfach, weil sie an ADHS, dem Zappelphilipp-Syndrom litten, weil sie zu dick oder schlecht im Sport waren oder weil sie in der Schule wegen ihrer Lese- und Rechtschreibschwäche auffielen. Schon als Kinder wurden diese jungen Männer nicht nur früh gehänselt, sondern sie wurden überdurchschnittlich häufig Opfer von Gewalt anderer Kinder und Jugendlicher. Ihr Empfinden für Ungerechtigkeit ist seither extrem ausgeprägt.

Nicht selten suchten sie die Flucht aus dem Alltag in Drogen oder Alkohol, und sie fanden irgendwann, meist schon mit zehn oder elf Jahren über größere Geschwister oder Bekannte, den Weg in Neonazi-Kreise. Jene, die bis dahin keine Freundschaft erfahren hatten und immer außerhalb der Gruppe Gleichaltriger standen, stehen nun auf einmal inmitten einer Gruppe von Jugendlichen mit ähnlichen Erfahrungen. Häufig ist unter denen, die keine Freunde haben, von Kameradschaft die Rede. „In die rechtsextreme Gruppe wird jeder integriert, auch der Dickste“, sagt Frau Linhart. Im Gegenzug verlangt die Gruppe, dass der Einzelne seine Außenkontakte abbaut. Es ist wie in einer Sekte.

Das Opfer wird zum Täter

Nun fühlt sich der Außenseiter mit einem Mal als Teil eines Ganzen. Vor allem aber ist er nicht mehr Opfer von Gewalt, sondern von diesem Tage an in der Lage, aus der Gruppe heraus selbst auszuteilen. Das Opfer wird zum Täter. Der Geschlagene beginnt selbst zu schlagen. Er empfindet kein Mitleid mit seinem Opfer, sondern stellt sich über dieses. Diese fulminante Selbstüberschätzung und extreme Gewaltbereitschaft seien typisch für Gewalttäter, sagt Frau Linhart.

Die jungen Männer beschreibt Frau Linhart als „radikal aktiv“. Sie neigen vielfach den rechten Autonomen zu, der Anti-Antifa, die von der Antifa der linken Autonomen „für Außenstehende nicht zu unterscheiden ist“. Die Mittel der Autonomen, ob von links oder rechts, ähneln sich. „Da haben die Jugendlichen das Gefühl, dass was passiert“, sagt Frau Linhart. Der Eventcharakter der Gewalt spreche sie an, die Schulung, die eine Parteiorganisation wie die NPD biete, strenge sie dagegen an. Solchen Mühen unterziehen sich nach Beobachtung der Ausstiegshelferinnen eher die intelligenteren unter den Neonazis, die zudem in eine Kaderposition hineinwachsen.

Wenn die Welt ins Wanken gerät

Der Impuls auszusteigen kommt den Neonazis nach den Erfahrung der Thüringer Ausstiegsberater im Alter zwischen 19 und 24 Jahren. Auslöser ist meist eine „Irritation“, welche die vermeintlich heile Welt, die einem über Jahre Heimat war, ins Wanken bringt. Häufig geben Strafverfahren und Strafen, welche die Täter als hart empfinden, den Ausschlag, sich an die Berater zu wenden. Denn Neonazis werden über kurz oder lang straffällig. Nicht nur ihre Gewalt ist strafbar, sondern auch das Tragen verfassungsfeindlicher Symbole oder das Zeigen des Hitlergrußes.

Solche Delikte wiederum führen zu Ärger mit dem Arbeitgeber, mit der Freundin oder der Familie. Aber auch, wenn sich Menschen wegen der politischen Gesinnung - etwa im Sportverein - von einem jungen Menschen abwenden, bringt das einzelne Neonazis zum Nachdenken. Freilich heben die Beraterinnen hervor, Ausgrenzung könne, müsse aber nicht helfen. Der hohe Druck von außen könne die Gruppe von Neonazis erst recht zusammenschweißen.

Schließlich kann auch eine menschliche Enttäuschung in der Gruppe der Neonazis eine Irritation auslösen oder das Erschrecken über die Brutalität und das eigene Verhalten in der Gruppe.

Der Ausstieg ähnelt dem eines Drogenabhängigen

Wenn die jungen Männer aussteigen wollen, nehmen sich zwei Beraterinnen ihrer an. Der Ausstieg ähnelt dem eines Drogenabhängigen. Unabdingbar ist es, den anderen als Menschen anzunehmen: „Man muss den anderen stärken, mit einer wertschätzenden Haltung mit ihm arbeiten, aber ihn zugleich mit seiner Tat und seiner Eigenverantwortung konfrontieren“, sagt Frau Linhart.

Die Beraterinnen fragen nach der Familie, der Schulkarriere und den Zusatzbelastungen des Aussteigers. Vor allem diese Zusatzbelastungen sind zuerst zu beheben, denn sie sind häufig der Grund für die Hinwendung zu einer rechtsextremistischen Gruppe. Erst wenn ein psychisches oder psychosomatisches Problem gelöst ist, kann der Alltag wieder gelingen. Die Beraterinnen hinterfragen die Pauschalierungen, mit der sich der Neonazi die Welt bisher vereinfacht hat. Sie helfen, neue Kontakte in eine Welt ohne Neonazis aufzubauen, die der Aussteiger nicht mehr hat. „Wohin sollen wir ihn integrieren, wenn der Abbruch der Kontakte in die rechtsextremistische Gruppe total ist“, fragt Susann Juch. Wichtig sind die Sportvereine, aber auch die Sozialstunden. Mancher Aussteiger möchte mehr Stunden leisten als ihm der Jugendrichter verordnet hat, denn die jungen Männer haben nach Einschätzung der Beraterinnen ein Gespür für Ungerechtigkeit und soziale Missstände, und sie wollten sich politisch einbringen.

Kooperation mit der Familie ist wichtig

„Sie wollen eine Aufgabe, auch wenn sie an der Grenze zur geistigen Behinderung leben“, sagt Frau Linhart. Zugleich müssen die Aussteiger auf die Konfrontation mit den alten Gefährten vorbereitet werden, denn die Gruppe lässt keinen gerne ziehen. „Der Aussteiger muss der Szene gegenüber klarmachen, warum er den Kontakt auf Dauer nicht mehr wünscht. Er muss eine nachvollziehbare Begründung liefern, ohne sich dem Ruch des Verräters auszusetzen“, sagt Frau Juch. Wichtig für den Ausstieg ist sodann ein klinisch reines Umfeld, in dem keine Musik, kein Kleidungsstück und kein Emblem mehr an die Neonazis erinnert.

Die Kooperation mit der Familie macht vieles leichter. Die Eltern, die sich an Frau Juch wenden, sind allerdings eine besondere Klientel. Sie sind überdurchschnittlich sensibel für das Thema, wehren sich dagegen, dass ihr Kind in die rechtsextreme Szene rutscht. Häufig ordnen sich diese Eltern im politischen Spektrum eher links ein. Die Probleme zwischen Eltern und rechtsextremistischen Jugendlichen, über die Frau Juch berichtet, ähneln denen jener Familien, in denen Jugendliche früh dem Alkoholmissbrauch verfallen, Eigentumsdelikte begehen, in einen schlechten Freundeskreis abrutschen oder sich einem anderen Gruppenzwang unterordnen, der sie von der Familie entfremdet. Es sind typische Fälle, in denen Jugendliche während der Pubertät ihre Eigenständigkeit mit ausgeprägter Hartnäckigkeit und um den Preis grenzüberschreitender Provokationen suchen.

„Provokation der Gesellschaft“

Die Eltern wenden sich an die Beratungsstelle, weil das Kind - für die Eltern oft überraschend - von der Polizei vorgeladen wird, weil ein Lehrer über Hakenkreuze im Schulheft berichtet oder weil der Mutter einschlägige T-Shirts auffallen oder der Vater bei den Texten der Teenagermusik einmal genauer hinhört. Diese Jugendliche verehren womöglich Odin und verhöhnen Jesus, als „Provokation, als Niedermachen dessen, was in der Gesellschaft angesagt ist“, berichtet Frau Juch. Den Eltern, die sich an die Beratung wenden, sind ihre Kinder nicht gleichgültig. Gewalt der Eltern an den Kindern ist kein häufig vorkommendes Problem in diesen Familien. Durchaus aber gibt es den umgekehrten Fall.

Die Kinder bedrohen die Eltern, oder aber die Kinder erpressen diese: „Wenn du mir nicht 50 Euro gibst, gehe ich mit den Springerstiefeln auf Arbeit.“ Unter den Eltern, die Rat suchen, gebe es solche ohne Ausbildung, aber auch Akademiker mit gutem Einkommen, berichtet Frau Juch. Häufig stammen die Jugendlichen aber aus Familien, in denen die Ehe nicht funktioniert oder geschieden worden sei. Und ebenfalls häufig begegnet den Beraterinnen die „überbesorgte Mutter“, die ihren Sohn überschätzt und ihn stets als Opfer des Systems oder unfair agierender Mitmenschen sieht.

Frau Juch versucht, den Eltern zu helfen, wieder mit den Kindern ins Gespräch zu kommen. Doch es ist sehr schwer, „die Eskalation herauszunehmen“, die für die Eltern in dem rechtsextremistischen Bekenntnis der Kinder liegt. Es geht um die Differenzierung zwischen dem Menschen und dessen Gesinnung: „Wir wollen über Alltagsthemen die positive Wertschätzung für das Kind zurückholen. Die Eltern sollen nicht nur die nationalsozialistischen Symbole sehen, sondern das Kind nicht aufgeben.“

Die Erfolge der Beraterinnen sind offenbar unterschiedlich. Das liegt in der Natur der Sache. Für die Psychologin Juch geht es im Gespräch mit den Eltern nicht sofort um den Ausstieg des Kindes aus der Szene, sondern um ein besseres Zusammenleben zu Hause, damit der Rauswurf des Jugendlichen aus der Familie verhindert wird. Frau Linhart hat dagegen mit Menschen zu tun, die den eigenen Ausstieg wollen. Zwei Drittel der Klienten, schätzt sie, gelingt dies. Ihr harter Maßstab, den Erfolg zu messen, ist der Rückfall der Klienten in die politisch motivierte Kriminalität. Beide Beraterinnen wünschen sich mehr Verständnis für ihre Arbeit. Aussteigerprojekte für Rechtsextremisten müssten ebenso selbstverständlich werden wie jene für Drogenabhängige.

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Jahrgang 1960, politischer Korrespondent für Nordhessen und Thüringen mit Sitz in Kassel.

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