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Rechtsextremismus Der schwierige Einstieg in den Ausstieg

Für Jugendliche ist es ebenso schwierig, sich aus neonazistischen Kreisen zu lösen, wie von harten Drogen loszukommen. In Jena versuchen zwei Beraterinnen, Wege aus der Sucht zu weisen.

© dapd Vergrößern Heil Tristesse: Jeder wird integriert, auch die Dicksten und Dümmsten

Sophia Linhart und Susann Juch sind aufgeschlossene, eloquente junge Frauen und geben bereitwillig Auskunft. Doch die beiden können auch anders. Sie beherrschen den „konfrontativen Beratungsstil“, in dem sie ihre Klienten, die sie stets mit dem förmlichen „Sie“ auf Distanz halten, mit ihren Taten konfrontieren. Frau Linhart berät Rechtsextremisten, die ans Aussteigen denken, Frau Juch deren Eltern und Angehörige. Die beiden Frauen arbeiten für den Verein Drudel 11 e.V., der von Jena aus in ganz Thüringen den „Ausstieg aus Rechtsextremismus und Gewalt“ erleichtern soll, wie der offizielle Titel verheißt. Das Programm wird aus Mitteln der Landes, des Bundes und der EU finanziert. Seit Mitte 2009 wendet sich der Verein, der sich der Jugendarbeit verschrieben hat, auch den Rechtsextremisten und ihren Angehörigen zu - wenn diese um Hilfe bitten. Seither gingen 38 Anfragen von Jugendlichen, 34 von Eltern und Angehörigen ein.

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Wenn Frau Linhart und Frau Juch die Eindrücke aus ihrem Berufsalltag schildern, dann berichten sie über Einzelfälle. Jeder sei anders und stets komplex. Die Beraterinnen warnen vor Verallgemeinerungen und vorschnellen Schlüssen. Vor allem aber ist den beiden jungen Frauen klar, dass sie es mit Menschen zu tun haben, die eine Umkehr zumindest erwägen, oder mit Eltern, die Anstoß nehmen am Verhalten ihres Kindes.

Patchwork-Weltbild der Aussteiger

Frau Linharts Klienten sind sechzehn bis 32 Jahre alt, meist männlich, und viele von ihnen haben die Schule ohne Abschluss verlassen. Ihr Bild von der Wirklichkeit schneidern sich die potentiellen Aussteiger selbst zurecht. Frau Linhart spricht von einem „Patchwork“. Der einzelne Freund oder die einzelne Freundin könne durchaus aus dem Ausland stammen. Im Allgemeinen aber lehnten die Klienten Ausländer ab, denn diese nähmen den Deutschen doch angeblich die Arbeitsplätze weg. Den jungen Männern fehle es vielfach an Allgemeinbildung. Aus der inhaltlichen Nähe zum Dritten Reich werde in ihrer Vorstellung der Zweite Weltkrieg schnell einmal zum Dritten. Frau Linhart führt dies in Situationen, in denen es ihr schwerfällt, ihr Gegenüber ernst zu nehmen.

Die Beraterin erkennt kein spezifisches Verhältnis zwischen ihren Klienten und deren jeweiligen Eltern. Es gebe Fälle, in denen die Eltern fehlten, aber auch Eltern, die liebevoll mit ihren Kindern umgegangen seien. Keinesfalls seien die jungen Neonazis alle zu Hause vernachlässigt oder autoritär erzogen worden. Auffallend ist für die Beraterinnen aber das vielfach gute Verhältnis der Klienten zu ihren Großeltern, die selbst kein rechtsextremistisches Weltbild haben müssen. Doch wenn der Großvater die Zeit des Nationalsozialismus noch erlebt hat, selbst Soldat oder Flakhelfer war oder gar ein überdurchschnittliches Engagement gegenüber dem Regime zeigte, verweisen die jungen Männer mit Stolz darauf. Es gibt aber offenbar auch einzelne Familien, in denen der Militarismus und das nationalsozialistische Gedenken gepflegt werden, in denen der Ausflug die Familie gemeinsam auf Hitlers Berghof führt.

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Veröffentlicht: 05.01.2012, 22:28 Uhr