Home
http://www.faz.net/-gpg-7kloe
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 19.12.2013, 17:38 Uhr

„Burn-Out-Syndrom“ NPD-Chef Holger Apfel tritt zurück

Selbst führende Funktionäre der rechtsextremistischen Partei sind überrascht: NPD-Chef Holger Apfel hat seinen Rücktritt erklärt und legt auch den Fraktionsvorsitz in Sachsen nieder – aus „gesundheitlichen Gründen“.

© dpa Zurückgetreten: Der NPD-Vorsitzende Holger Apfel

Der Bundesvorsitzende der rechtsextremen NPD, Holger Apfel, hat am Donnerstag seinen Rücktritt vom Parteivorsitz und dem Fraktionsvorsitz im sächsischen Landtag erklärt. Er führte gesundheitliche Gründe für seine Entscheidung an. Der NPD-Fraktion im Sächsischen Landtag liegt nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Krankschreibung vor, in der die Diagnose „Burn-Out-Syndrom“ genannt wird.

Justus Bender Folgen:

Spekulationen, es handele sich um einen vorgeschobenen Rücktrittsgrund, widersprach der sächsische NPD-Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel. „Es handelt sich nicht um eine Intrige oder einen Putsch. Holger Apfel litt unter äußeren Faktoren und einer Mischung aus Stress und Überforderung. Die entsprechenden Symptome haben sich seit Wochen abgezeichnet“, sagte Gansel der F.A.Z. Schon während einer Fraktionssitzung am Dienstag habe Apfel stark angeschlagen gewirkt. Führende NPD-Funktionäre gaben sich am Donnerstag überrascht von Apfels Entscheidung. Das Parteipräsidium berief für den kommenden Sonntag eine Sondersitzung ein, um über die Wahl eines Nachfolgers zu beraten. Zunächst soll ein Interimsvorsitzender ernannt werden. Eine endgültige Entscheidung über die Nachfolge wird erst für Januar erwartet.

Bis zur Ernennung eines Interimsvorsitzenden leiten Apfels Stellvertreter – der NPD-Landtagsfraktionsvorsitzende in Mecklenburg-Vorpommern, Udo Pastörs, das Präsidiumsmitglied Frank Schwerdt und der bayerische Landesvorsitzende Karl Richter – die Partei. Die sächsische NPD-Fraktion kündigte eine einvernehmliche Lösung der Nachfolgefrage an. Ob Apfel mit seinem Rücktritt auch die Niederlegung seines Abgeordnetenmandates verbindet, ist noch unklar. Der Präsident des Sächsischen Landtages war am Donnerstag von der NPD noch nicht über einen Wechsel an der Fraktionsspitze in Kenntnis gesetzt worden.

Widersacher Voigt steht als Nachfolger bereit

Der Hildesheimer Verlagskaufmann Apfel hatte die rechtsextreme Partei seit November 2011 geführt. Während seiner Zeit als leitender Angestellter des parteieigenen Verlages Deutsche Stimme hatte er sich parteiintern den Ruf eines Sanierers erworben. Nach einer erfolgreichen Kampfkandidatur gegen den damaligen Bundesvorsitzenden Udo Voigt hatte Apfel der Partei den Kurs einer „seriösen Radikalität“ verordnet. Durch diesen wurde nach Erkenntnissen der Verfassungsschutzbehörden allein die Außendarstellung, nicht aber der ideologische Kern der rechtsextremen Partei verändert.

Voigt gilt seit seinem Sturz als größter Widersacher Apfels innerhalb der Partei. Er hatte zuletzt mit der Gründung eines „Freundeskreis Udo Voigt“ und regelmäßiger Kritik an dem angeblich zu gemäßigten Auftreten von Apfel für Unruhe gesorgt. Voigt sagte am Donnerstag dem NDR, er stehe unter bestimmten Umständen als Parteivorsitzender zur Verfügung. Voigt steht für die unter seiner Führung vollzogene Öffnung der Partei gegenüber gewaltbereiten „Freien Kameradschaften“.

Vor der Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses 2011 ließ Voigt den Slogan „Gas geben!“ plakatieren, unter anderem vor dem Jüdischen Museum in Berlin-Kreuzberg. Seine Äußerungen werden wie die von Apfel in dem Verbotsantrag der Bundesländer als Beleg für die Verfassungswidrigkeit der Partei gewertet.

Mit der Begründung, der Rücktritt habe keine politischen Gründe, wird in Parteikreisen unter einem neuen Bundesvorsitzenden kein programmatischer Wechsel erwartet. Der von Apfel verfolgte Kurs der „seriösen Radikalität“ sei im Bamberger Parteiprogramm aus dem Jahr 2010 der NPD festgeschrieben, sagte Gansel, der als Vordenker der sächsischen NPD gilt. Weil der Kurs nicht von der Person Apfels abhängig sei, werde auch der nächste Bundesvorsitzende nicht von ihm abweichen.

Mehr zum Thema

Quelle: FAZ.NET

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Aufzug von Rechtsextremen Büdingen wehrt sich gegen Fackel-Aufmarsch

Durch die Stadt Büdingen wollen Rechtsextreme in einem Fackel-Marsch ziehen - an einem historisch belasteten Datum. Dagegen ist die Stadt vorgegangen, doch die Anmelderin legt Widerspruch ein. Mehr

28.01.2016, 14:56 Uhr | Rhein-Main
Parlamentswahlen Opposition gewinnt in Venezuela

In Venezuela hat die Opposition die Parlamentswahlen für sich entschieden. Nicolás Maduro erkannte die Niederlage seiner Sozialistischen Partei am Montagmorgen an. Seine Amtszeit geht noch bis 2019. Mehr

16.01.2016, 10:53 Uhr | Politik
Falsche Kandidaten Wahlämter prüfen NPD-Kandidatenlisten

Auf den Listen zur Kommunalwahl tauchen auf einmal NPD-Kandidaten auf, die sich nie dafür gemeldet haben. Nun prüfen die Wahlämter die Listen. Hinter den falschen Kandidaten könnte die NDP selbst stecken. Mehr

28.01.2016, 15:45 Uhr | Rhein-Main
Finanzmarkt Schwache China-Börsen belasten weiterhin die Märkte

China hat seine Währung Yuan etwas aufgewertet, die instabilen Aktienbörsen damit aber kaum beruhigen können. Gleichzeitig stiftete sie aber auch Verwirrung um den währungspolitischen Kurs. Mehr

11.01.2016, 12:11 Uhr | Wirtschaft
Umgang mit der AfD Sie verharmlosen die wahren Feinde unserer Gesellschaft

Eine kämpferische Rede des FDP-Politikers Christian Lindner macht die große Runde in sozialen Netzwerken. Er spricht über den Umgang der etablierten Parteien mit der AfD. Mehr

02.02.2016, 15:39 Uhr | Politik

Gaucks Sorgen

Von Berthold Kohler

Der Bundespräsident gibt der Bundeskanzlerin immer deutlichere Hinweise auf alternative Wege in der Flüchtlingskrise. Baut er an einer Brücke für sie? Ein Kommentar. Mehr 224