Home
http://www.faz.net/-gpg-7kloe
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

„Burn-Out-Syndrom“ NPD-Chef Holger Apfel tritt zurück

Selbst führende Funktionäre der rechtsextremistischen Partei sind überrascht: NPD-Chef Holger Apfel hat seinen Rücktritt erklärt und legt auch den Fraktionsvorsitz in Sachsen nieder – aus „gesundheitlichen Gründen“.

© dpa Zurückgetreten: Der NPD-Vorsitzende Holger Apfel

Der Bundesvorsitzende der rechtsextremen NPD, Holger Apfel, hat am Donnerstag seinen Rücktritt vom Parteivorsitz und dem Fraktionsvorsitz im sächsischen Landtag erklärt. Er führte gesundheitliche Gründe für seine Entscheidung an. Der NPD-Fraktion im Sächsischen Landtag liegt nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Krankschreibung vor, in der die Diagnose „Burn-Out-Syndrom“ genannt wird.

Justus Bender Folgen:

Spekulationen, es handele sich um einen vorgeschobenen Rücktrittsgrund, widersprach der sächsische NPD-Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel. „Es handelt sich nicht um eine Intrige oder einen Putsch. Holger Apfel litt unter äußeren Faktoren und einer Mischung aus Stress und Überforderung. Die entsprechenden Symptome haben sich seit Wochen abgezeichnet“, sagte Gansel der F.A.Z. Schon während einer Fraktionssitzung am Dienstag habe Apfel stark angeschlagen gewirkt. Führende NPD-Funktionäre gaben sich am Donnerstag überrascht von Apfels Entscheidung. Das Parteipräsidium berief für den kommenden Sonntag eine Sondersitzung ein, um über die Wahl eines Nachfolgers zu beraten. Zunächst soll ein Interimsvorsitzender ernannt werden. Eine endgültige Entscheidung über die Nachfolge wird erst für Januar erwartet.

Bis zur Ernennung eines Interimsvorsitzenden leiten Apfels Stellvertreter – der NPD-Landtagsfraktionsvorsitzende in Mecklenburg-Vorpommern, Udo Pastörs, das Präsidiumsmitglied Frank Schwerdt und der bayerische Landesvorsitzende Karl Richter – die Partei. Die sächsische NPD-Fraktion kündigte eine einvernehmliche Lösung der Nachfolgefrage an. Ob Apfel mit seinem Rücktritt auch die Niederlegung seines Abgeordnetenmandates verbindet, ist noch unklar. Der Präsident des Sächsischen Landtages war am Donnerstag von der NPD noch nicht über einen Wechsel an der Fraktionsspitze in Kenntnis gesetzt worden.

Widersacher Voigt steht als Nachfolger bereit

Der Hildesheimer Verlagskaufmann Apfel hatte die rechtsextreme Partei seit November 2011 geführt. Während seiner Zeit als leitender Angestellter des parteieigenen Verlages Deutsche Stimme hatte er sich parteiintern den Ruf eines Sanierers erworben. Nach einer erfolgreichen Kampfkandidatur gegen den damaligen Bundesvorsitzenden Udo Voigt hatte Apfel der Partei den Kurs einer „seriösen Radikalität“ verordnet. Durch diesen wurde nach Erkenntnissen der Verfassungsschutzbehörden allein die Außendarstellung, nicht aber der ideologische Kern der rechtsextremen Partei verändert.

Voigt gilt seit seinem Sturz als größter Widersacher Apfels innerhalb der Partei. Er hatte zuletzt mit der Gründung eines „Freundeskreis Udo Voigt“ und regelmäßiger Kritik an dem angeblich zu gemäßigten Auftreten von Apfel für Unruhe gesorgt. Voigt sagte am Donnerstag dem NDR, er stehe unter bestimmten Umständen als Parteivorsitzender zur Verfügung. Voigt steht für die unter seiner Führung vollzogene Öffnung der Partei gegenüber gewaltbereiten „Freien Kameradschaften“.

Vor der Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses 2011 ließ Voigt den Slogan „Gas geben!“ plakatieren, unter anderem vor dem Jüdischen Museum in Berlin-Kreuzberg. Seine Äußerungen werden wie die von Apfel in dem Verbotsantrag der Bundesländer als Beleg für die Verfassungswidrigkeit der Partei gewertet.

Mit der Begründung, der Rücktritt habe keine politischen Gründe, wird in Parteikreisen unter einem neuen Bundesvorsitzenden kein programmatischer Wechsel erwartet. Der von Apfel verfolgte Kurs der „seriösen Radikalität“ sei im Bamberger Parteiprogramm aus dem Jahr 2010 der NPD festgeschrieben, sagte Gansel, der als Vordenker der sächsischen NPD gilt. Weil der Kurs nicht von der Person Apfels abhängig sei, werde auch der nächste Bundesvorsitzende nicht von ihm abweichen.

Mehr zum Thema

Quelle: FAZ.NET

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Polizeilicher Notstand Gabriel kritisiert Versammlungsverbot in Heidenau

SPD-Chef Sigmar Gabriel, hat das Versammlungsverbot in Heidenau kritisiert. Straftäter und Menschen mit Zivilcourage dürften nicht gleich behandelt werden. Unterdessen wird gegen eine Frau ermittelt, die Kanzlerin Merkel beleidigt hatte. Mehr

28.08.2015, 13:15 Uhr | Politik
Fifa-Kongress Blatter will Fifa aus dem Schmutz" ziehen

Joseph Blatter eröffnete am Donnerstag mit einer Rede den 65. Fifa-Kongress in Zürich. Nach den Festnahmen ranghoher Funktionäre im Korruptionsskandal wollte Blatter sich zu einem möglichen Rücktritt allerdings nichts äußern. Mehr

29.05.2015, 09:30 Uhr | Sport
Syriza-Chef Tsipras pokert wieder

Nach dem Rücktritt des griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras kann die Opposition keinen Hoffnungsträger bieten. Das Volk hat die Seilschaften satt. Eine Analyse. Mehr Von Tobias Piller

28.08.2015, 08:29 Uhr | Wirtschaft
Front National Le-Pen-Familie geht getrennte Wege

Familienfehde im Front National (FN): Nach neuen verbalen Ausfällen Jean-Marie Le Pens hat die rechtsextreme französische Partei die Mitgliedschaft des Parteigründers ausgesetzt. Der 86-Jährige sprach sich daraufhin gegen einen Wahlsieg seiner Tochter, der Parteivorsitzenden Marine Le Pen, in der Präsidentschaftswahl 2017 aus. Mehr

06.05.2015, 12:25 Uhr | Politik
Rechtsextremismus in Sachsen Angekommen in der Wirklichkeit

Lange haben Sachsens Ministerpräsident Tillich und die CDU die Augen vor Fremdenhass in ihrem Land verschlossen - trotz Pegida. Das geht nun nicht mehr. Im Land herrscht angesichts der Asyldebatte ein emotionaler Ausnahmezustand. Mehr Von Stefan Locke, Dresden

28.08.2015, 18:14 Uhr | Politik

Veröffentlicht: 19.12.2013, 17:38 Uhr

Hell und Dunkel

Von Jasper von Altenbockum

Das Wort vom „Dunkeldeutschland“ hat weder Hilfsbereitschaft noch Aufnahmekapazitäten wachsen lassen, sondern ideologische Gräben. Die verlaufen mitten unter Demokraten. Mehr 751