25.08.2007 · Bevor Ermittlungsergebnisse über die Vorfälle in Mügeln vorliegen, steht das Urteil schon fest. Bemühungen gegen Radikalismus und Rassismus versinken im Strudel verfestigter Vorurteile, schreibt der frühere sächsische Innenminister Heinz Eggert in seinem F.A.Z.-Gastbeitrag.
Von Heinz EggertEs ist Sommer, und es wird feste gefeiert in den Dörfern und in den Städten Sachsens. Manchmal nach Mitternacht geht es auch noch ein wenig fester zu. Dorffeste, Alkohol, Anrempeleien und Streit um Frauen entwickeln dann ihre eigene unfestliche Dramaturgie. Hinterher ist es keiner gewesen, weil er ja nicht angefangen hat, schwanken dann nicht nur die Beteiligten, sondern auch die Wahrheit. Es gibt manchmal auch Verletzte.
So könnte es gewesen sein in der jetzt weltweit bekannten Stadt Mügeln: Ein kleiner Artikel in der Lokalzeitung. Mehr nicht! Nur: In Mügeln wurden acht Inder, vier Deutsche und zwei Polizisten verletzt. Da wird man hellhörig und misstrauisch. Besonders, wenn es um Ausländer geht und fremdenfeindliche Sprüche fallen.
Denkbar und beschämend
Die Erklärungen des Bürgermeisters sind nicht befriedigend. Es gebe keinen fremdenfeindlichen Hintergrund, und der Ruf „Ausländer raus!“ könne jedem einmal über die Lippen kommen. Fremden- oder menschenfreundlich war das Ganze jedenfalls nicht, und ein „Ausländer raus!“ rutscht nur dem besoffen raus, der es nüchtern auch schon gedacht hat.
Und so geht dann die Meldung um die Welt, dass acht Inder von einem wütenden rechten Mob unter Brüllen ausländerfeindlicher Sprüche durch die halbe Stadt gehetzt worden sind. Gar keine Frage: ein Skandal, wenn es so gewesen wäre. Denn das gab es schon, das ist denkbar und beschämend für eine Bürgerschaft, wenn sie das Menetekel an der rechten Wand übersehen hat. Nichts kommt von ungefähr.
Strudel verfestigter Vorurteile
Auch nicht das, was jetzt folgt. Eingeweihte kennen die Mechanismen. Diese haben schon die Stadt Sebnitz bekannt gemacht. Bevor Ermittlungsergebnisse vorliegen, steht das Urteil schon fest. Denn immerhin liegt Mügeln im Osten. Und dort grassiert, wie man weiß, die rechtsextreme Gewalt. Die bundesweiten Statistiken sagen zwar etwas anderes, aber wer liest sie schon. Alle in Sachsen seit Jahren verstärkten Bemühungen gegen Radikalismus, Faschismus und Rassismus versinken im Strudel verfestigter Vorurteile.
Da äußern sich Westdeutsche über Ostdeutsche in einer Art, die ihnen zu Recht als Fremdenfeindlichkeit ausgelegt werden würde, wenn sie sich so über Ausländer äußerten. Die Interpretationen verfestigen sich und heben sich vom eigentlich Geschehenen ab. Bebildert sind sie mit schnell zusammengeschusterten Fernsehbeiträgen, unter tunlichster Vernachlässigung journalistischer Sorgfaltspflicht. Man sucht sich die Zeugen, die man braucht: Am besten vor Angst vermummte, mit verzerrten Stimmen, die die fehlende Zivilcourage der Bevölkerung beklagen. Denn das Urteil steht fest und bestimmt auch das Thema. Es heißt: Rechtsextremismus im Osten!
Betroffenheit im Stundentakt
Es wird flankiert von politischen Erklärungen. Bundespolitiker äußern sich voller Betroffenheit im Stundentakt. Wenn Politik fruchtbar wäre, könnte man auch von gegenseitigen Befruchtungen sprechen. Minister Tiefensee spricht von einer Hetzjagd durch die ganze Stadt. Offensichtlich wusste er nicht, dass das Festzelt 30 Meter von der Pizzeria entfernt ist. Aber wen stören schon Kleinigkeiten in großen Betroffenheitsmomenten. Die Sprachregelung wird übernommen. So wird fehlende Situationskenntnis jetzt mit großen Forderungskatalogen verknüpft.
Die Ereignisfolie Mügeln wird bis zur Unkenntlichkeit überschrieben. Neue Programme, mehr Gelder werden gefordert. Man bezichtigt sich gegenseitig, zu wenig gegen Rechtsextremismus und Rassismus zu tun. Um wahrgenommen zu werden, muss der Argumentationshammer immer schwerer werden. Generalsekretär Kramer vom Zentralrat der Juden in Deutschland warnt: „Gestern Farbige, heute Ausländer, morgen Schwule und Lesben oder vielleicht Juden.“
Stimmen für Rechte als Trotzreaktion?
Wer zählt die Statements, wer die Namen? Je länger die Liste, umso größer das Desinteresse der Bevölkerung. Aber gerade sie brauchen wir, weil es unter uns Fremdenfeindlichkeit und Rassismus tatsächlich gibt. Wir brauchen sie auch, damit die Leute in solchen Situationen nicht stumm als Gaffer und Betrachter des Geschehens daneben stehen, sondern begreifen, dass ihre Courage gefragt ist. Gar nicht desinteressiert sind die braunen Genossen. Sie beobachten ganz genau und berechnen jetzt schon die Stimmen, die ihnen eventuell aus der Trotzreaktion der zu Unrecht Beschuldigten zufließen können.
Und das kleine Mügeln versteht die Welt nicht mehr. Und die Welt versteht Mügeln nicht mehr. Aber das ist auch kein Wunder. Oder?