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Rechtsextremismus Das eingeübte Ritual

 ·  Seitdem ein Fernsehbeitrag arme, dicke Wolgaster gezeigt hat, die sagen, sie hätten etwas gegen Ausländer, hat die Stadt ihren Ruf weg. Dabei gibt es dort gar keine Neonazi-Szene.

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Wolgast in Vorpommern dürften viele kennen, wenigstens dem Namen nach. Wer von Nordwesten her auf die Ostseeinsel Usedom will, muss durch den Ort mit 12.000 Einwohnern. Auch die Bahn überquert hier den Peenestrom. Die Klappbrücke, Mitte der neunziger Jahre errichtet, ist ein gewaltiges Bauwerk, das jene Schiffe passieren müssen, die in der Peene-Werft gebaut oder repariert werden. Die Peene-Werft steckt derzeit im Insolvenzverfahren. Zusammen mit der Stralsunder Volkswerft bildet sie ein Unternehmen. Die Probleme, die zur Zahlungsunfähigkeit führten, gab es vor allem in Stralsund. Aber Wolgast ist nun mitbetroffen, und Hunderte Mitarbeiter bangen um ihren Arbeitsplatz. Ein Ende der Werft würde Wolgast gleichsam das Rückgrat brechen.

Vom regen Ferienverkehr hat die Stadt nicht viel. Die meisten Gäste brausen nur durch den Ort. Gerade hat wieder eine der Traditionsgaststätten im Zentrum für immer geschlossen. Kreisstadt ist der Ort schon lange nicht mehr. Was beschönigend „demografischer Wandel“ genannt wird, ist hier jeden Tag zu sehen. Sehenswürdigkeiten gibt es nicht viele, die schöne Petrikirche, das charmante Rathaus, das Museum, das Geburtshaus von Philipp Otto Runge, dem großen Maler der Romantik. Wer von Greifswald her durch Wolgast fährt, kommt auch an dem Plattenbaugebiet aus DDR-Zeiten vorbei. Das hat Wolgast noch mehr als die Werftenkrise in die Schlagzeilen gebracht.

Torgelow, Rostock - Wolgast?

Dort nämlich steht das Asylbewerberheim - ein ganzer Plattenbaublock. Derzeit ist das Heim knapp zur Hälfte belegt, es leben dort etwa 110 Flüchtlinge, vor allem aus Syrien, dem Irak und aus Iran, aber auch Menschen aus Ghana und Afghanistan. Alle Bundesländer sind in der Pflicht, Flüchtlinge aufzunehmen. In Mecklenburg-Vorpommern wird es außer in Wolgast noch weitere Heime geben. Ohne Probleme geht das nirgendwo ab. Wolgast aber muss sich derzeit gegen den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit wehren und wird in die Nähe zum Rechtsextremismus gerückt - und dabei mit Rostock-Lichtenhagen verglichen.

Das ist ein eingeübtes Ritual. Diesmal hat es Wolgast getroffen, zuvor Orte wie Torgelow, Ueckermünde und Anklam. Dabei hat die Kommune versucht, aus einer Situation, die sie wenig beeinflussen kann, das Beste zu machen, und dabei frühere Fehler nicht zu wiederholen. Die Asylbewerber in Wolgast sollen am gesellschaftlichen Leben teilhaben und nicht irgendwo abgesondert hinter Stacheldraht auf das Ergebnis ihres Verfahrens warten müssen. Die Idee, fand, es war zu erwarten, nicht überall Beifall. Es gab Proteste von Nachbarn, die NPD nutzt das für ihre Zwecke aus. Der Fall wurde durch die Medien überregional bekannt, das ARD-Magazin „Panorama“ zeigte Wolgast so: arme und übergewichtige Menschen in Jogginghosen, die sagen, sie hätten etwas gegen Ausländer. Das kleine Plattenbauviertel war auf einmal ein „sozialer Brennpunkt“. Und Wolgast hat seinen Ruf weg.

„Hetze statt Aufklärung“ in Fernsehbeitrag

Auch was danach kommt, folgt dem Ritual: 200 Wolgaster schreiben an den Sender und kritisieren die einseitige Darstellung. Der Greifswalder Bischof der Nordkirche, Hans-Jürgen Abromeit, spricht von „tendenziöser“ Berichterstattung. Andere Medien hält das nicht ab, nach Wolgast zu kommen. Keiner der Reporter vergisst den Vergleich zu Lichtenhagen, obgleich die Ausschreitungen dort zwanzig Jahre zurückliegen. Eine Solidaritätsbekundung mit den Asylbewerbern in Form eines offenen Briefes der Kampagne „Stop it!“ findet Unterstützer wie die Grünen-Politiker Claudia Roth und Renate Künast, dazu grüne und linke Landespolitiker sowie Flüchtlingsräte. Schließlich fährt Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) nach Wolgast, um sich ein Bild von der Lage zu machen.

Er findet Normalität. Der Platz sei eine gute Lösung, sagt er, denn er biete den Asylbewerbern Zugang zu Kindertagesstätten und Verkehrsmitteln. Die Mehrzahl der Wolgaster hätten die neuen Gäste freundlich aufgenommen, es gebe aber auch Ablehnung und Fremdenfeindlichkeit. Sellering hat dafür sogar eine Erklärung: Eine Quelle der Ausländerfeindlichkeit in Mecklenburg-Vorpommern sei, dass die Menschen kaum ausländische Mitbürger kennen würden. Der parteilose Bürgermeister Stefan Weigler teilt die Einschätzung des Ministerpräsidenten. Es werde immer Leute geben, die gegen Asylbewerber sind, sagt er, „das kriegen Sie auch nicht weg“. Das Haus dürfe aber keine Sicherheitszone und schon gar kein umzäuntes Getto werden. Weigler nennt den „Panorama“-Beitrag „Hetze statt Aufklärung, indem man ein paar Verlierern das Mikrofon hinstreckt“. Die Redaktion entgegnet kühl, man zeige nur, was ist.

Immer gleich: die „linke Gegenkultur“

Vor einer Woche explodierte ein Knallkörper vor dem Gebäude, es gab ein paar Rauchspuren. Der Staatsschutz ermittelt. Schmierereien wie „Heute sind wir tolerant - morgen fremd im eigenen Land“ waren auch zu lesen. Inzwischen sind die Häuserwände gesäubert. Der Bürgermeister bekommt derzeit viele Ratschläge von Leuten, die nicht in Wolgast leben. Nun soll es ein Willkommensfest für die Asylbewerber geben. Der Sicherheitsdienst wurde verstärkt. Die Polizei sieht häufiger als bisher nach dem Rechten. Beim Erntedankfest waren einige der Asylbewerber im Gottesdienst in der Petrikirche dabei.

Pastor Jürgen Hanke sagte in seiner Predigt, niemand verlasse seine Heimat freiwillig. Er sagte auch, jene, die gegen die Ausländer aufgetreten seien, brauchten eigentlich selbst Hilfe. „Für die NPD ist die Unterkunft ein Symbol, diese Auseinandersetzung müssen wir führen“, meinte Sellering nach seinem Besuch. Der NPD kann so viel Aufmerksamkeit nur recht sein. Dabei hat Wolgast gar keine rechtsextreme Szene. Dass bei der Landtagswahl 9,7 Prozent der Wolgaster die NPD gewählt haben, hat nichts mit den Asylbewerbern zu tun, denn es liegt mehr als ein Jahr zurück.

Auch das gehört zum Ritual: Irgendwann lässt das Interesse an Wolgast wieder nach - wie seinerzeit an Torgelow, Ueckermünde und Anklam. Ob etwa Claudia Roth sich noch daran erinnert, dass sie auch in Anklam, ganz in der Nähe von Wolgast, auf dem Marktplatz gegen Nazis gekämpft hat, ohne einen zu treffen? Das war freilich 2006, und es war Wahlkampf. Am Donnerstag ist Frau Roth übrigens wieder da, zur Eröffnung eines Büros „Grüner Freiraum“.

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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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