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Rechtsextremismus : Das eingeübte Ritual

Ein Bild von der Lage gemacht - und Normalität gefunden: Der Ministerpräsident Mecklenburg-Vorpommerns, Erwin Sellering, im Wolgaster Asylbewerberheim Bild: dapd

Seitdem ein Fernsehbeitrag arme, dicke Wolgaster gezeigt hat, die sagen, sie hätten etwas gegen Ausländer, hat die Stadt ihren Ruf weg. Dabei gibt es dort gar keine Neonazi-Szene.

          Wolgast in Vorpommern dürften viele kennen, wenigstens dem Namen nach. Wer von Nordwesten her auf die Ostseeinsel Usedom will, muss durch den Ort mit 12.000 Einwohnern. Auch die Bahn überquert hier den Peenestrom. Die Klappbrücke, Mitte der neunziger Jahre errichtet, ist ein gewaltiges Bauwerk, das jene Schiffe passieren müssen, die in der Peene-Werft gebaut oder repariert werden. Die Peene-Werft steckt derzeit im Insolvenzverfahren. Zusammen mit der Stralsunder Volkswerft bildet sie ein Unternehmen. Die Probleme, die zur Zahlungsunfähigkeit führten, gab es vor allem in Stralsund. Aber Wolgast ist nun mitbetroffen, und Hunderte Mitarbeiter bangen um ihren Arbeitsplatz. Ein Ende der Werft würde Wolgast gleichsam das Rückgrat brechen.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Vom regen Ferienverkehr hat die Stadt nicht viel. Die meisten Gäste brausen nur durch den Ort. Gerade hat wieder eine der Traditionsgaststätten im Zentrum für immer geschlossen. Kreisstadt ist der Ort schon lange nicht mehr. Was beschönigend „demografischer Wandel“ genannt wird, ist hier jeden Tag zu sehen. Sehenswürdigkeiten gibt es nicht viele, die schöne Petrikirche, das charmante Rathaus, das Museum, das Geburtshaus von Philipp Otto Runge, dem großen Maler der Romantik. Wer von Greifswald her durch Wolgast fährt, kommt auch an dem Plattenbaugebiet aus DDR-Zeiten vorbei. Das hat Wolgast noch mehr als die Werftenkrise in die Schlagzeilen gebracht.

          Torgelow, Rostock - Wolgast?

          Dort nämlich steht das Asylbewerberheim - ein ganzer Plattenbaublock. Derzeit ist das Heim knapp zur Hälfte belegt, es leben dort etwa 110 Flüchtlinge, vor allem aus Syrien, dem Irak und aus Iran, aber auch Menschen aus Ghana und Afghanistan. Alle Bundesländer sind in der Pflicht, Flüchtlinge aufzunehmen. In Mecklenburg-Vorpommern wird es außer in Wolgast noch weitere Heime geben. Ohne Probleme geht das nirgendwo ab. Wolgast aber muss sich derzeit gegen den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit wehren und wird in die Nähe zum Rechtsextremismus gerückt - und dabei mit Rostock-Lichtenhagen verglichen.

          „Ein guter Platz“ - mit Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln und Kindertagesstätten: Das Asylbewerberheim in Wolgast kommt ganz ohne Stacheldraht aus, und es liegt auch nicht weit außerhalb, sondern in Zentrum der Stadt.

          Das ist ein eingeübtes Ritual. Diesmal hat es Wolgast getroffen, zuvor Orte wie Torgelow, Ueckermünde und Anklam. Dabei hat die Kommune versucht, aus einer Situation, die sie wenig beeinflussen kann, das Beste zu machen, und dabei frühere Fehler nicht zu wiederholen. Die Asylbewerber in Wolgast sollen am gesellschaftlichen Leben teilhaben und nicht irgendwo abgesondert hinter Stacheldraht auf das Ergebnis ihres Verfahrens warten müssen. Die Idee, fand, es war zu erwarten, nicht überall Beifall. Es gab Proteste von Nachbarn, die NPD nutzt das für ihre Zwecke aus. Der Fall wurde durch die Medien überregional bekannt, das ARD-Magazin „Panorama“ zeigte Wolgast so: arme und übergewichtige Menschen in Jogginghosen, die sagen, sie hätten etwas gegen Ausländer. Das kleine Plattenbauviertel war auf einmal ein „sozialer Brennpunkt“. Und Wolgast hat seinen Ruf weg.

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