19.07.2005 · Auch Niedersachsen macht die neue Rechtschreibung zum 1. August an verbindlich. Ministerpräsident Wulff, obzwar Reformkritiker, folgt damit nicht der Linie seiner Unionskollegen Stoiber und Rüttgers.
Auch an Niedersachsens Schulen und Behörden gelten ab August die neuen Rechtschreibregeln.
Die CDU/FDP-Landesregierung unter Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) beschloß am Dienstag in Hannover einstimmig, die unstrittigen Teile der Rechtschreibreform zum 1. August verbindlich einzuführen. Reformgegner Wulff folgt damit nicht dem Vorstoß von Bayern und Nordrhein-Westfalen, die sich für einen Aufschub ausgesprochen hatten. Das Kabinett forderte nach Angaben aus der Regierung aber eine Stärkung des Rates für Deutsche Rechtschreibung. Künftig müsse der Rat für Deutsche Rechtschreibung über „alle fachlichen Fragen der Weiterentwicklung der deutschen Rechtschreibung“ entscheiden, sagte Kultusminister Bernd Busemann (CDU) am Dienstag in Hannover.
Auch Baden-Württemberg wird die neuen Rechtschreibregeln wie von der Kultusministerkonferenz geplant zum 1. August verbindlich werden lassen. Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) sagte am Dienstag in Stuttgart, es gebe keinen Grund, von den Beschlüssen abzuweichen.
Zuvor hatten die bevölkerungsreichsten Bundesländer Nordrhein-Westfalen und Bayern angekündigt, die Rechtschreibreform vorerst nicht verbindlich werden zu lassen. Unterstützung dafür hatten die Länder auch vom Vorsitzenden des Rates für deutsche Rechtschreibung, dem ehemaligen bayerischen Kultusminister Hans Zehetmair, bekommen. Zehetmair sprach sich in mehreren Interviews für einen späteren gleichzeitigen Start der neuen Rechtschreibung in allen Bundesländern aus.
„Irgendwann muß Schluß sein“
Im Streit über die Rechtschreibreform hatten die unionsgeführten Länder am Dienstag ihre Positionen in einer Telefonkonferenz ausgetauscht. Unmittelbar vor der Schaltkonferenz war der Streit wieder aufgeflammt. Die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Johanna Wanka, appellierte an die Ministerpräsidenten, die neuen Schreibweisen doch noch wie geplant verbindlich werden zu lassen. Die CDU-Politikerin und brandenburgische Kultusministerin forderte am Dienstag im ZDF, mit der Diskussion müsse „irgendwann mal Schluß sein“.
„Nicht mehr nachvollziehbar“
Hunderttausende Kinder schrieben nach den Worten von Wanka seit vielen Jahren nach den neuen Regeln. Nach dem einstimmigen Beschluß der Ministerpräsidentenkonferenz vom Oktober und der Kultusministerkonferenz von Anfang Juni sollten die sogenannten „unstrittigen“ Teile der Reform, die den größten Teil ausmachen sollen, zum 1. August in den Schulen verbindlich werden. „Es bringt keinen Zugewinn, wenn der große Teil später in Kraft tritt“, sagte Wanka. Für einen kleinen, „wohl definierten“ Teil der Reform solle der Rat für deutsche Rechtschreibung Vorschläge machen.
Zehetmair: Änderungsvorschläge bis Jahresende
Zehetmair, der früher auch bayerischer Kultusminister war, sagte im Deutschlandradio Kultur, er halte es im Prinzip für richtig, wenn alle Länder gemeinsam gehen würden, und befürwortete eine Verschiebung der verbindlichen Einführung. Zugleich äußerte er sich zuversichtlich, daß der Rat für deutsche Rechtschreibung die nötigen Korrekturen bis zum Jahresende erarbeiten könne.
Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) hatte am Montag angekündigt, sein Land werde die Rechtschreibreform wie vorgesehen zum neuen Schuljahr umsetzen. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) hatte die Verschiebung damit begründet, er wolle warten, bis der Rat für Rechtschreibung in den nächsten Monaten Korrekturen empfehle. Es sei nicht sinnvoll, die Reform Anfang August verbindlich einzuführen und bereits im nächsten Jahr wieder Regeln zu ändern.
Der Rat für deutsche Rechtschreibung besteht aus 39 Mitgliedern und war nach heftigen Protesten an der Rechtschreibreform von der Kultusministerkonferenz eingesetzt worden. Für Teile der Reform hat der Rat bereits weitreichende Änderungen angekündigt, die auf eine Revision vieler neuer Regeln hinauslaufen.