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Rechtschreibreform Der großmütige Bajuware

20.07.2005 ·  Wer in Stoibers Rechtschreibdiktat für sein Bayern nicht die Antwort entdecken kann, wie er es mit Berlin hält, dem kann auch eine neue Schreibweise nicht helfen. Für die CSU steht die politische Orthographie der Republik fest.

Von Albert Schäffer
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Edmund Stoibers Wandel zum Sprachpfleger wird seine Biographen noch beschäftigen - weil sich mehr als nur eine machtpolitische Fußnote dahinter verbirgt. Lange Jahre ließ er seine Kultusminister auf der Großbaustelle Rechtschreibreform werkeln, ohne eine Gemütsregung zu zeigen.

Auch größere Schadensfälle wurden am Münchner Hofgarten, an dem Sitz seiner Staatskanzlei, mit kühler Distanz registriert. Der sonst so reaktionsschnelle Ministerpräsident, der zur Bekämpfung einer Rinderkrankheit ein ganzes Ministerium aus dem Boden stampfte, sah dem Treiben der Rechtschreibreformatoren mit einem Langmut zu, als ginge es um ein fernes Land auf einem fernen Kontinent.

Heilsame Einflüsse

Unvergessen ist in Bayern die Häme, mit der Stoibers langjähriger Kultusminister Zehetmair Kritiker der Rechtschreibreform überziehen durfte. Sogar CSU-Generalsekretären bekam es schlecht, wenn sie über einen Verzicht auf die Rechtschreibreform nachdachten.

So durfte 1997 Bernd Protzner der Zeitung entnehmen, daß sich Zehetmair von der Vereinfachung der Regeln auch heilsame Einflüsse auf Protzners Schreibfähigkeiten versprach. Dieser Angriff gehörte zwar zu dem Machtkampf zwischen Stoiber und dem damaligen CSU-Vorsitzenden Waigel; daß aber die Rechtschreibung dafür herhalten mußte, sprach Bände.

Symbolische Bodengewinne

Die sprachpflegerische Selbstfindung Stoibers, der im September 64 Jahre alt wird, setzte erst spät und langsam ein. Im vergangenen Oktober unternahm er einen Vorstoß in der Konferenz der Ministerpräsidenten für eine Korrektur der Reform. Der Zustand, daß es nach den Reformkapriolen keine allgemein akzeptierten Schreibweisen mehr gebe, müsse beendet werden, umwarb Stoiber die anderen Regierungschefs.

Große Drohgebärden, notfalls auch eigene Wege zu wagen, unterließ er noch; es war auch immerhin eine Zeit, in der nicht gänzlich ausgeschlossen war, daß dereinst ein Kanzler Stoiber auf die Rechtseinheit bedacht sein müßte. Stoiber beschied sich fürs erste mit symbolischen Bodengewinnen; er erreichte, daß Zehetmair den Vorsitz des Rats für deutsche Rechtschreibung übernahm - ein Zehetmair, der sich inzwischen, orthographisch gesehen, vom Reformsaulus zu einer Art Protzner gewandelt hat.

Klarheit der Sprache retten

Doch als sich die Kultusminister trotz dieser wundersamen Metamorphose Zehetmairs nicht davon abhalten ließen, weite Teile der Rechtschreibreform zum 1. August durchsetzen zu wollen, war offenkundig für Stoiber der Zeitpunkt gekommen, vorzuführen, wo der Ort der Entscheidung ist. Denn zumindest aus Sicht der CSU steht die politische Orthographie der Republik jetzt unverrückbar fest, jedenfalls bis zum nächsten Wahltermin: Ein Stoiber, der sich auf die Fahne schreibt, die Klarheit der Sprache zu retten, kann gut mit einer Kanzlerkandidatin Merkel leben, die mit - gemessen an der Frage der kulturellen Identität des Landes - Lappalien wie einer Erhöhung der Mehrwertsteuererhöhung um zwei Punkte kämpfen muß.

Ein Stoiber, der es, umweht vom Mantel der Rechtschreibgeschichte, großmütig den anderen unionsgeführten Ländern überläßt, ob sie sich ihm anschließen oder nicht, bedarf nicht irgendwelcher Koordinationsämter im Bundesrat. Noch kürzer gesagt: Wer in Stoibers Rechtschreibdiktat für sein Bayern nicht die Antwort entdecken kann, wie er es mit Berlin hält, dem kann auch eine neue Schreibweise nicht helfen.

Quelle: F.A.Z., 20.07.2005, Nr. 166 / Seite 10
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Jahrgang 1957, politischer Korrespondent in München.

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