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Rechtschreibchaos Dem Sprachgebrauch folgen

28.07.2005 ·  Angesichts der öffentlichen Ablehnung der neuen Regeln und weiterer absehbarer Änderungen hat sich die F.A.Z. entschlossen, auch nach dem 1. August 2005 bei ihrer Linie zu bleiben und die Arbeit des Rates für deutsche Rechtschreibung abzuwarten. Auch FAZ.NET schreibt weiter bewährt.

Von Heike Schmoll
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Am 1. August treten in Schulen und Behörden von 14 Bundesländern einige der neuen Rechtschreibregeln in Kraft. Nur Bayern und Nordrhein-Westfalen haben die Übergangsfrist um ein weiteres Jahr verlängert. Dort werden die neuen Regeln zwar weiter in den Schulen gelehrt, nur nicht bei der Zensierung berücksichtigt.

In den übrigen Ländern müssen die Groß- und Kleinschreibung sowie die Laut-Buchstaben-Zuordnung nach den neuen Regeln beachtet und in die Note einbezogen werden. Diese Teile der Reform hat die Kultusministerkonferenz für „unstrittig“ erklärt, obwohl sie es nicht sind. Bisher hat der Rat für deutsche Rechtschreibung sich nur noch nicht ihrer angenommen. Auch bei dieser Entscheidung ging es den Kultusministern mehr darum, ihre Macht gegenüber abweichenden Verlagen und Zeitungen zu demonstrieren, das Einvernehmen mit den Schulbuchverlagen zu wahren und in den Schulen für Ruhe zu sorgen.

Unerträglicher Zustand

Das ist ihnen freilich nicht gelungen. Die Deutschlehrer, die sich bisher um wenig mehr als die s-Schreibung gekümmert haben, was ihnen wegen der stetigen Veränderungen nicht zu verdenken ist, müssen nun bei jeder Korrektur Rechtschreibwörterbücher wälzen und stehen mit Zweifelsfällen allein. Grammatikalisch falsche Schreibungen (es tut uns Leid, heute Früh) werden sie nun als richtig gelten lassen und als Fehler markieren müssen, was die Schüler in Zeitungen, Zeitschriften und in den meisten Büchern lesen.

Weiterhin werden die Schüler täglich mit mehreren Schreibweisen konfrontiert. Nicht alle Schulbücher sind ausgewechselt worden. In den Deutschbüchern finden sich auf ein und derselben Seite neue Schreibungen sowie bisherige, denn die Literatur der Mittelstufe in allen Schulformen stammt von Autoren, die sich gegen den Abdruck ihrer Texte nach reformierter Schreibung gewehrt haben. Das ist ein unerträglicher Zustand.

F.A.Z.: Zur herkömmlichen Schreibweise zurück

Der Vorwurf der Verwirrung kann also nicht gegen Zeitungen und Verlage erhoben werden, sondern ist allein denjenigen zuzurechnen, die sich die Sprachregelung selbst angemaßt und damit enormen Schaden angerichtet haben. Das Rechtschreibchaos untergräbt die Bereitschaft, im alltäglichen Sprachgebrauch wahrzunehmen, wie Schreibweisen Sprache und Inhalt verändern. Wo jeder schreibt, wie er will, leidet auch die Verständigung. Wer Unschärfen in der Sprache zuläßt, wird auch in der Schärfe seines Denkens nachlassen.

Die Erfahrung mit sinnentstellenden Schreibweisen, unlogischen Silbentrennungen und der Einebnung jeglicher inhaltlicher Feinheiten hat diese Zeitung am 1. August 2000 bewogen, zur herkömmlichen Schreibweise zurückzukehren. Mit der Halsstarrigkeit einiger Ewiggestriger, die nicht umlernen wollten, hatte das nichts zu tun. Das Sprachbewußtsein der Schreiber und Leser zu schärfen gehört seit Bestehen dieser Zeitung zu ihren Zielen.

Revision des Regelwerks

Angesichts der öffentlichen Ablehnung der neuen Regeln und weiterer absehbarer Änderungen hat sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung entschlossen, auch nach dem 1. August 2005 bei der bisherigen Regelung zu bleiben und die Arbeit des Rates für deutsche Rechtschreibung abzuwarten. Auch wenn die Kultusminister am Inkrafttreten der Reform festhalten, ist damit zu rechnen, daß der Rechtschreibrat sich schon bald der Groß- und Kleinschreibung annimmt, die Silbentrennung kritisch betrachtet, die Schreibung der Anrede „du“ sowie die Interpunktionsregeln wieder zurücknimmt und all das genau sichtet, was sich im Sprachgebrauch nicht durchgesetzt hat.

Denn leiten läßt sich der Rat nicht von am grünen Tisch entworfenen linguistischen Projekten, sondern vom Sprachgebrauch selbst. Deshalb arbeiten inzwischen selbst die Reformer, die Verantwortlichen für die Rechtschreibneuerungen, die schon in der Zwischenstaatlichen Kommission wirkten, gemeinsam mit einigen wenigen Kritikern an der Revision ihres Regelwerks.

Völlige Entstaatlichung der Orthographie

Trotz der nahezu unüberwindlich scheinenden Kluft zwischen den Lagern ungleicher Größe, ist es dem Vorsitzenden des Rats, dem früheren bayerischen Kultusminister Zehetmair, durch besonnene Sitzungsleitung gelungen, ein gedeihliches Zusammenwirken zu ermöglichen. Von Anfang an hat er dem Verdacht entgegengewirkt, als bloßer Erfüllungsgehilfe seiner früheren Ministerkollegen eine Alibiveranstaltung zur allgemeinen Gewissensberuhigung zu leiten.

Immerhin hat er schon während seiner Amtszeit erkannt, was die meisten Politiker immer noch nicht wahrhaben wollen: Politische Einmischung in der Sprachregelung kann nur in einem Fiasko enden. Die völlige Entstaatlichung der Orthographie muß die Konsequenz daraus sein. Weder Kultusminister noch Ministerpräsidenten, auch kein Kulturstaatsminister sollten irgendwelche Beschlüsse zur Rechtschreibung fassen.

Nicht ernst nehmen

An den Schulen könnte eine Übergangszeit von zehn Jahren gelten, um die Entscheidungen des Rechtschreibrates in den Unterricht einzubeziehen. In dieser Zeit könnten die reformierten Schreibweisen zwar angestrichen, aber nicht als Fehler gewertet werden, unterrichtet würde nach den bisherigen Regeln.

Doch was wird aus der Sprachgemeinschaft mit Österreich, der Schweiz und anderen deutschsprachigen Ländern, wird mancher besorgt fragen? Völkerrechtliche Verbindlichkeit hat die 1996 vereinbarte Wiener Absichtserklärung nicht, weil es keinen entsprechenden Vertrag gibt. Rechtlich gesehen, ähnelt diese Absichtserklärung der Erklärung von Bologna zur Schaffung eines gemeinsamen europäischen Hochschulraums. Aus beiden lassen sich keine Verpflichtungen ableiten. Wenn Schul- und Wissenschaftsminister dennoch versuchen, ihre politischen Ziele mit Hinweisen auf Vertragspflichten durchzusetzen, muß das niemand ernst nehmen.

Quelle: F.A.Z., 28.07.2005, Nr. 173 / Seite 1
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Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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