20.11.2011 · Musik hält die rechtsextreme Szene zusammen. Viele Lieder sind verboten. Doch das Netz ist voll davon.
Von Philip EppelsheimDie rechtsextremistische Band „Gigi & Die braunen Stadtmusikanten“ veröffentlichte im Sommer 2010 ein neues Album. Es trug den Titel „Adolf Hitler lebt!“ 17 Lieder waren auf der Scheibe. Eines hat den Titel „Döner-Killer“: „Neunmal hat er es jetzt schon getan. /Die SoKo Bosporus, sie schlägt Alarm. /Die Ermittler stehen unter Strom. /Eine blutige Spur und keiner stoppt /das Phantom...Neunmal hat er bisher brutal gekillt, /doch die Lust am Töten ist noch nicht gestillt. /Profiler rechnen mit dem nächsten Mord. /Die Frage ist nur wann und in welchem Ort ...Bei allen Kebabs herrschen Angst und Schrecken. /Der Döner bleibt im Halsestecken, /denn er kommt gerne spontan zu Besuch, /am Dönerstand, denn neun sind nicht genug.“
„Denn neun sind nicht genug“, so endet das Lied. Eine Aufforderung, ganz unverhohlen, weitere Morde zu begehen. In einem rechtsextremen Forum kommentierten Fans der Musikgruppe das Lied mit den Worten „herrlich ironisch“ oder auch mit „lasst ihn doch machen“.
Der Mann, der hinter „Gigi & Die braunen Stadtmusikanten“ steckt, heißt Daniel Giese. Spitzname „Gigi“. Er ist ein Star in der rechtsextremen Szene, hat die Bands „Saccara“ und „Stahlgewitter“ mitbegründet und soll auch an der Gruppe „Zillertaler Türkenjäger“ beteiligt gewesen sein, doch konnte das nicht bewiesen werden. Die „Türkenjäger“ veröffentlichten bereits 1996 die indizierte CD „12 doitsche Stimmungshits“ und bedienten sich laut Landeskriminalamt Niedersachsen als „erste Gruppe geläufiger Melodien von Schlagern, um rassistische und antisemitische Botschaften zu transportieren“.
Die Texte waren wie dieser: „Ich streck ihn nieder mit einem einz’gen Schuss, /das war’s mit ihm, oh ist das ein Genuss.“ 2004 erschien die erste CD von „Gigi & Die braunen Stadtmusikanten“. Aus „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ wurde dort: „Wann wird’s in Deutschland wieder Sommer? /Ein Deutschland wie es früher einmal war/Ohne Besatzer und Vaterlandsverräter/Nicht so erbärmlich wie die letzten/fünfzig Jahr.“ Die Verfassungsschützer ordneten die Texte „unterhalb der Schwelle zur Strafbarkeit“ ein, und sie hatten einen Verdacht: Die Lieder waren vor Veröffentlichung rechtlich überprüft worden.
Die Rechtsrocker zogen bei Konzerten bisweilen mehr als 1000 Fans an. Wesentlich mehr Hörer aber erreicht die Band im Internet. Kurz nachdem „Adolf Hitler lebt!“ veröffentlicht war, fanden sich die Lieder auch schon auf der Internetseite „Youtube“ und auf anderen Portalen. Das änderte sich auch nicht, als das Album wegen Volksverhetzung indiziert wurde. Jeder konnte die Lieder hören. Leider ist das die Regel. Die Aufmachung auf den Videoportalen soll auch jene anziehen, die nicht in der rechtsextremen Szene sind, vielleicht sogar Kinder. Ein Video mit einem Bild von „SpongeBob“ beginnen zu lassen, kann da genügen.
Auch „Döner-Killer“ konnte jeder, der wollte, im Netz hören. Ohne große Mühe. Nun ist das Lied zumindest auf „Youtube“nicht mehr einfach verfügbar. Aber die Nutzernamen derer, die das Lied ins Netz gestellt haben: „unterscharfuehrer18“ zum Beispiel oder „88wotan444“. „88“ kann sowohl für „Heil Hitler“ als auch für „SS“ stehen. „444“ bedeutet „Deutschland den Deutschen“ und „18“ „Adolf Hitler“.
Die anderen Lieder von „Gigi & Die braunen Stadtmusikanten“ sind im Netz nach wie vor nur ein Mausklick entfernt. Tausende haben die Lieder bereits angehört und die Videos angesehen. Auch die anderen Musikgruppen von Giese sind mühelos zu finden. Die Werke von „Stahlgewitter“? Kein Problem. 20.000 haben ein Video zu „Nationaler Widerstand“ angeklickt: „Hier marschiert der nationale Widerstand, /treu stehen wir zu unserem Land. /Wehrmachtssoldaten -/von Bonzen, Linken und Kommies verraten./Hier marschiert der nationale Widerstand, /alte Kämpfer, wir reichen Euch die Hand. /Wehrmachtssoldaten - /wir gedenken euern Heldentaten. /Lüge und Hetze sind jetzt genug, in uns kocht die reine Wut.“ Wer mag, kann dann auch noch Kommentare auf „Youtube“ hinzufügen. „F6S6M6“ schreibt beispielsweise: „eines tages werden wir uns rächen, wir werden die knochen aller kanacken brechen...“ In diesem Tenor geht es weiter:
„Deutschland den Deutschen!!! KANACKEN raus aus UNSEREM Land!!! White Pride World Wide“; „wollt mal was sagen also ich bin 15 und ich habe angefangen diese kanacken zu hassen als ich in der 3 klasse war sprich als ich 9 war das muss doch schon was heißen wenn so junge menschen schon kanacken hassen oder“
Ähnliches bei den Videos zu den Liedern von „Kommando Freisler“. Die Band bedient sich ebenfalls der Melodien bekannter Schlager, genießt „Kultstatus“ bei Neonazis. Die meisten ihrer CDs wurden indiziert, zwei Mitglieder wegen Volksverhetzung verurteilt. Sie singen unter anderem: „In Belsen, in Belsen, da hängen sie an den Hälsen. /Fidiralala, fidiralala, fidiralalala. /In Buchenwald, in Buchenwald, da machen wir die Juden kalt. /Fidiralala, fidiralala, fidiralalala. /In Majdanek, in Majdanek, da machen wir aus Juden Speck. /Fidiralala, fidiralala, fidiralalala. /Aus Judenhaut, aus Judenhaut, da wird der Lampenschirm gebaut. /Fidiralala, fidiralala, fidiralalala. /In Auschwitz weiß ein jedes Kind, dass Juden nur zum Heizen sind.“ Auch dieses Lied übrigens ganz einfach im Internet zu finden.
Zum Lied „Deutsche Jungs“ der Band schreiben Nutzer auf „Youtube“: „Türken verschlagen ! .... Wir geben unser land nicht her ! .... GruSS 88“, „Kanacken raus aus unserem deutschen vaterland !!!!!!wenn wir wieder marschieren dann könnt ihr euch einpacken zusammen mit eurer antifa !!!!!wir sind deutsch !!!begreift es in euren verfickten hirnen !!!!!DEUTSCHLAND den DEUTSCHEN !!!!!! 6 % für NPD vor 6 jahren hätte dies keiner erwartet !!!!bald stellen wir den kanzler !!!!!!!!!passt auf !!!!!!, Heil Kommando Freisler!!!!! Heil auch der SS und der SA Sieg Heil!!!!!!!!!! Das Reich kommt wieder!!“
Noch ein Beispiel: Die Band „Nordfront“ und ihr Lied „Werft sie raus“: „Werft alle aus dem Land, denn sie wollten ja nicht hören. Werft alle raus, werft alle raus.“ Auch hier die typischen Kommentare. „Scheiß Kanacken machen in ner gruppe stress und wenn du dir dann einen von den mal alleine krallst kassiert er und heult rum Heil Kameraden!!“, „Ja wohl raus mit diesen asozialen Gesindel. Heil der arischen Rasse“. Sowohl das Lied von „Kommando Freisler“ als auch das von „Nordfront“ wurden mehr als zehntausendmal angeklickt.
Auch Lieder von „Landser“ sind wie selbstverständlich auf Videoportalen zu finden, dabei hat der Bundesgerichtshof die Band als „kriminelle Vereinigung“ eingestuft. Doch im Netz kann jeder ihre Machwerke hören - und die der Nachfolgeband.
Die Reihe von Liedern und den dazugehörigen Kommentaren ließe sich beliebig erweitern. Das Netz hält eine Flut rechtsextremer Lieder bereit. Hunderte Bands. Kontrolle ist nicht vorhanden. So gut wie alles Indizierte lässt sich finden. Oftmals klingt unverhohlen an, dass viele der Kommentatoren und Sänger die Taten von Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe zumindest mit Sympathie betrachten.
Oder selbst zu Morden aufrufen. So die Band „Sturm 18“. Der Text eines Liedes lautet: „Ihr Heuchler, ihr werdet zahlen, /für die Verbote, die euch rein gar nichts nützen/kommt der Tag der Rache /Wir gehen in den Untergrund/autonom und militant/Wir werden Terroristen sein/ja, und ich bin dabei... Wir räumen hier auf/wir räuchern sie aus/macht der Rattenbande den Garaus.“
Kommentatoren schreiben im Netz zu einem der Lieder der Band: „Das erinnert mich immer an die Worte meines Großvaters. Der Übermacht erlegen, aber im Geiste unbesiegt!“, „jawohl !!!du hast recht kamerad !!!!!!! ... !!!!!!SIEG für DEUTSCHLAND !!!!!!!!!!nieder mit den tauben,stummen und blöden !!!!!!!!! SIEG HEIL kameraden !!!!!!“, „vieleicht verboten, von den ,BLINDEN‘ und den ,TAUBEN‘ aber nicht für uns!!!vorwärts für DEUTSCHLAND.“
Nicht alle rechtsextremen Lieder sind wie die von „Sturm 18“. Manche sind von Jugendlichen vielleicht gar nicht als rechtsextrem zu erkennen - mit Titeln wie „Liebeslied“ oder „Frieden und Toleranz“ oder „Gestohlenes Herz“, mit Texten über Freundschaft, Liebeskummer oder Party.
Im Verfassungsschutzbericht 2010 heißt es, rechtsextremistische Musik habe nach wie vor „eine herausragende Bedeutung für die gewaltbereite rechtsextremistische Szene“. Sie diene „mit ihrer identitätsstiftenden Funktion als ,Lockmittel‘ für Jugendliche und junge Erwachsene, um diese an die rechtsextremistische Szene sowie deren Ideologie heranzuführen und an sie zu binden.“ Musik werde von „neonazistischen Kameradschaften und rechtsextremistischen Parteien verstärkt genutzt, um bei Sympathisanten, aber auch szenefremden Jugendlichen Interesse für die eigenen ideologischen und politischen Vorstellungen zu wecken und diese so für sich zu gewinnen“.
Was ist da geeigneter als das Internet? „Die Nutzung von Musik- und Videoportalen ist für Rechtsextremisten inzwischen zur Selbstverständlichkeit geworden“, steht im Verfassungsschutzbericht. Es sei eine Zunahme rechtsextremistischer Angebote mit strafrechtlich relevanten Inhalten auf Musik- und Videoplattformen festzustellen. „Die Urheber agieren zumeist konspirativ und unter Ausnutzung der im Internet vorhandenen Möglichkeiten der Identitätsverschleierung.“ Die Gefahr stuft der Verfassungsschutz vor allem für Jugendliche als hoch ein: „Insbesondere Jugendliche, die über traditionelle Medien nicht oder nur bedingt erreichbar wären, können über das Internet unkompliziert mit rechtsextremistischem Gedankengut in Berührung kommen. Diese Gefahr muss deshalb als beachtlich eingestuft werden.“
Diese Band
Hiep Van Tran (WatersToronto)
- 21.11.2011, 11:06 Uhr
Hass ist eine Folge von Angst.
Thomas Weber (internetweber)
- 20.11.2011, 17:28 Uhr
Durchaus schlimm, ABER ...
Christian Oppenländer (Contraton)
- 20.11.2011, 16:42 Uhr
Philip Eppelsheim Jahrgang 1981, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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