http://www.faz.net/-gpf-8d05e

Konservative Christen : Die Radikalen

  • -Aktualisiert am

Kampfbereit: Immer mehr konservative Christen fühlen sich von der neuen Rechten angezogen. Bild: Thomas Fuchs

Konservative Katholiken und Evangelikale haben endlich eine politische Kraft gefunden, die zu ihnen passt: die AfD. Sie machen Stimmung gegen Flüchtlinge und den Papst. Die neuen Helden heißen Putin und Orbán. Ein Gastbeitrag.

          In Erfurt bleibt der Dom dunkel, wenn der AfD-Rechtsausleger Björn Höcke spricht. Der katholische Bischof Ulrich Neymeyr lässt die Beleuchtung des Gotteshauses bei den Mittwochs-Kundgebungen der AfD abschalten. Er möchte den Demonstranten „keine prächtige Kulisse bieten“. Für Höcke ist das peinlich. „Es ist nicht der Dom, und es war niemals der Dom der Kirchenfürsten. Es ist der Dom unseres Volkes; das ist unser Dom“, rief er Mitte Januar.

          Mit der Domverdunklung verdeutlicht das Bistum Erfurt, dass die demagogischen Parolen Höckes mit dem Christentum nicht vereinbar sind. Höcke, Fraktionsvorsitzender der AfD im Thüringer Landtag, hatte seine Auftritte für immer neue Entgleisungen genutzt. Mal rief er „tausend Jahre Deutschland“ an und forderte die Menge auf, in Richtung der Gegendemonstranten „Lumpenpack“ zu skandieren. Oder er verkündete: „Erfurt ist schön deutsch, und schön deutsch soll Erfurt bleiben.“ Es gebe „nur noch 64,5 Millionen Deutsche ohne Migrationshintergrund“, klagte er. Die Stimmung unter den mehreren tausend Anhängern ist immer aggressiver geworden.

          Eine Flut von Hassmails

          Trotz der bischöflichen Distanzierung gibt es unter gläubigen Christen auch solche, denen derartige Parolen sehr gefallen. Das zeigen die wütenden Reaktionen, die das Bistum auch von Kirchenmitgliedern erhielt. Mit dem Kirchenaustritt wurde gedroht. Dem Erzbistum Köln erging es ähnlich, als der Dompropst anlässlich der Kölner Pegida-Demonstration im Dezember 2014 das Licht ausgeschaltet hatte. Und das Erzbistum Bamberg erhielt eine Flut von Hassmails, nachdem der dortige Erzbischof mit einer Warnung vor Pegida an die Öffentlichkeit getreten war.

          Die Radikalisierung im Bürgertum macht offenkundig vor den Christen nicht halt. Konservative Katholiken und Evangelikale erweisen sich sogar als besonders anfällig. In diesen Milieus ist es in den letzten Jahren zu einer Spaltung in einen moderaten und einen sich ideologisch verhärtenden Teil gekommen. Die Spaltung der AfD, die Pegida-Bewegung, der Streit über die „Homo-Ehe“ und die Flüchtlinge haben diesen Prozess beschleunigt. Von Anfang an zeigten Christen, die sich „konservativ“ geben, aber längst rechtspopulistisch sind, Sympathien für Pegida. Kein Wunder, denn auch sie pflegen seit Jahren Ressentiments gegenüber der etablierten Politik und der Qualitätspresse. Und sie neigen dazu, die pluralistische Demokratie in Deutschland als diktaturähnliches System zu verunglimpfen, gegen das sich das „Volk“ zur Wehr setzen müsse.

          Nicht einmal das päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ ist gegen diese Entwicklung immun. Auf dem letztjährigen „Internationalen Kongress“ der Organisation gab es ein Podium mit dem Titel „Gegen den Strom von Meinungsdiktatur und Political Correctness“. Zudem wird in Rundbriefen und Publikationen der radikalen Christen die Gefahr einer Christenverfolgung in Deutschland beschworen.

          Weitere Themen

          „In Cafés sitzen keine Frauen mehr“

          Islam und Antisemitismus : „In Cafés sitzen keine Frauen mehr“

          Kommt es durch die Einwanderung von Muslimen zum Erstarken des Antisemitismus? Und was bedeutet diese Diskussion für Feministinnen? Ein Gespräch zwischen der französischen Philosophin Elisabeth Badinter und der deutschen Journalistin Alice Schwarzer.

          „Wir sind radikale Pro-Europäer“ Video-Seite öffnen

          Schulz : „Wir sind radikale Pro-Europäer“

          Martin Schulz hat auf die Aussage des CSU-Politikers Alexander Dobrindt geantwortet, der SPD-Vorsitzende sei ein Europa-Radikaler. Zum Abschluss des SPD-Parteitags in Berlin reagierte Schulz auf Dobrindts Zitat mit einer leichten Umformulierung.

          Putin ordnet Teilabzug aus Syrien an

          Russischer Militäreinsatz : Putin ordnet Teilabzug aus Syrien an

          Der Kremlchef hat zum ersten Mal seit Beginn des russischen Militäreinsatzes in Syrien die Luftwaffenbasis Hamaimim besucht – und sich dort mit dem syrischen Präsidenten Assad getroffen. Dabei machte Putin offenbar eine weitreichende Ankündigung.

          Topmeldungen

          Merkel und Europa : Deutschland wartet

          Auf einmal muss die Europapolitik als Grund für eine schnelle Wiederauflage der großen Koalition herhalten. Dabei zählt für die Wähler etwas ganz anderes.. Ein Kommentar.
          Die französische Philosophin Elisabeth Badinter und die deutsche Publizistin Alice Schwarzer diskutieren in der Pariser Wohung Badinters.

          Islam und Antisemitismus : „In Cafés sitzen keine Frauen mehr“

          Kommt es durch die Einwanderung von Muslimen zum Erstarken des Antisemitismus? Und was bedeutet diese Diskussion für Feministinnen? Ein Gespräch zwischen der französischen Philosophin Elisabeth Badinter und der deutschen Journalistin Alice Schwarzer.
          Noch werden im Atomkraftwerk Philippsburg Brennelemente gewechselt.

          Energiewende : Wer haftet für den Atomausstieg?

          Ein Halbsatz im Gesetz zum Atomausstieg könnte die Steuerzahler Milliarden kosten. Neun Landkreise wollen diesen Passus nun vor Gericht kippen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.