Das böse Erwachen hat ein Datum, es ist der 21. Oktober 2011. An diesem Tag landen die ersten Flugzeuge auf der neuen Nordwestbahn des Frankfurter Flughafens. Von da an erleben die Menschen im westlich gelegenen Flörsheim und im Frankfurter Süden, was es heißt, direkt unter der Einflugschneise eines Weltflughafens zu leben. Sie sind schockiert. Manche erstarren in einem Gefühl der Machtlosigkeit, andere wagen den öffentlichen Protest mit Trillerpfeife und Plakaten, viele davon zum ersten Mal in ihrem Leben. Sie wollen von Kommunal- und Landespolitik erzwingen, was rechtlich kaum mehr möglich scheint: Die Landebahn soll wieder weg. Mindestens aber soll sie in der Nutzung stark eingeschränkt werden.
Einer, den der Schock unvermittelt traf, ist der Flörsheimer Erwin Barth. Der Mann mit dem exakt gescheitelten weißen Haar hat sein Arbeitsleben hinter sich. Vor 35 Jahren baute er sich ein Häuschen am Ortsrand „mit Fernblick bis nach Frankfurt. Besonders schön an Silvester“, sagt er. Barth hat schon viel versucht, er hat beim Fluglärmtelefon angerufen, beim Fluglärmbeauftragten des Landes. Dort werde er nur „veräppelt, sonst nichts“, sagt er. Barth geht zu Protesten, aber wegziehen will er nicht, dafür sei er zu alt.
Die nächsten Wahlen sind nicht weit
Inzwischen gibt es etliche Bürgerinitiativen und „Montagsdemonstrationen“ am Flughafen. Versammlungen werden organisiert, zu denen die eingeladenen Politiker meistens brav kommen, die nächsten Wahlen sind nicht weit. Zu ihrem bundesweiten Protesttag am Samstag erwarten die Bürgerinitiativen bis zu zehntausend Teilnehmer.
Ein Hauch von Stuttgart 21 ist am Frankfurter Flughafen zu spüren - und nicht nur da. In Berlin-Schönefeld, am Standort des voraussichtlich im Juni fertiggestellten Großflughafens, wollen sich zur gleichen Zeit jene versammeln, die seit Monaten gegen die Lärmbelastung in ihren Wohngebieten demonstrieren. Für den 24. März ist ein weiterer Aktionstag geplant, an dem auch Bürger in Leipzig, Köln, Bonn und München gegen den Lärm ihrer Flughäfen protestieren wollen.
Im Minutentakt fliegen die Maschinen über die Häuser in der Einflugschneise. Beim Flughafenbetreiber Fraport weiß man schon lange, dass es mancherorts eigentlich zu laut ist, um dort zu wohnen - beispielsweise in Teilen von Flörsheim. Deshalb kauft Fraport besonders betroffene Häuser auf - wenn die Besitzer das wollen. „Casa“ nennt sich das Programm. Doch es ist eng begrenzt. Der Ärger ist bisweilen auch deshalb so groß, weil das eigene Haus unmittelbar jenseits der Ankaufgrenze liegt.
Manche Wohnsiedlungen werden in einer Höhe zwischen 500 und weniger als 250 Metern überflogen. Weil Flugzeuge in der Regel gegen die Windrichtung landen, sind je nach Wetterlage andere Viertel von Fluglärm betroffen. Kommt der Wind aus Osten, was an etwa 25 von 100 Tagen der Fall ist, fliegen die Flugzeuge aus Richtung Westen an. Dann sind die Flörsheimer die Leidtragenden. Drei Viertel aller Tage herrscht allerdings die sogenannte Westwetterlage. Dann fliegen die Maschinen von Osten über die südlichen Teile Frankfurts an.
Eigentlich ein Traum, inzwischen ein Albtraum
Sabina La Rocca lebt dort zusammen mit ihrem Mann und zwei Kindern in einem Haus, in dem einmal ihre Eltern wohnten. Das hat das Paar vor gut zehn Jahren gekauft und renoviert. Ein Bau aus den Dreißigern, Obstbäume dahinter, Rasen, etwas Nutzgarten, eigentlich ein Traum, inzwischen eher ein Albtraum: „So ist das nicht mehr auszuhalten“, sagt LaRocca. Sie und ihr Mann leiden besonders unter dem Fluglärm, weil der Neurologe und Psychiater als selbständiger Medizinberater zu Hause arbeitet.
Seine Frau hat ihn dabei im Heimbüro unterstützt - bis zum 21. Oktober. Seit der Inbetriebnahme der Landebahn ist sie vor allem damit beschäftigt, in Bürgerinitiativen gegen den Fluglärm über ihrem Haus anzukämpfen - und über der Schule ihrer Kinder, denn die liegt ebenfalls in der Einflugschneise. „Wenn sich nichts tut, bleiben womöglich nur noch die hier, die nicht wegkönnen. Das wird die ganze Stadt verändern.“
Weder Flughafen- noch Wachstumsgegner
Es war ein spätes Erwachen. Wahrscheinlich weil sich kaum einer der Bewohner der gutbürgerlichen Viertel je als Gegner des Flughafens gesehen hat. Seine Nähe haben sie akzeptiert, auch für sich genutzt und von sich aus Lärmschutzfenster in die Häuser eingebaut. Als der Flughafenausbau konkret wurde, haben sich viele informiert, wie laut es werden würde. Die Auskünfte seien aber immer mindestens verharmlosend gewesen, sagt Helmut Mader, ehemals Bereichsleiter einer Großbank.
Der gebürtige Stuttgarter wohnt in Niederrad und ist in seinem Berufsleben viel geflogen. Er sei weder Flughafen- noch Wachstumsgegner, beides müsse aber dem Menschen dienen und nicht schaden, sagt er. Mader engagiert sich inzwischen mit Nachbarn in der Initiative „Eintracht gegen Fluglärm“. Als die Bahn im Oktober eröffnet wurde, war er gerade im Urlaub. Die Botschaften schockierter Nachbarn hielt er aus der Ferne zunächst für starke Übertreibungen. „Dann aber musste ich feststellen, dass es tatsächlich so schlimm war.“ Deshalb ist sein Ziel nicht ein dauerhaftes Nachtflugverbot, sondern die Schließung der Piste, die den Flughafenbetreiber Fraport immerhin vier Milliarden Euro gekostet hat.
Wer bekommt die „Quittung“?
Früher war in Niederrad alles anders. Zwar hörte man die Triebwerke der Flugzeuge in der Ferne, aber sie waren weit genug weg, um problemlos Gespräche am Gartenzaun zu führen. Heute sei das bei direkten Überflügen mit manchmal mehr als 80 Dezibel ausgeschlossen, sagt der Unfallchirurg Jochen Krauß. Er wohnt in Niederrad und hat nach dem 21. Oktober aus Protest seinen Nebenjob in der Flughafenklinik gekündigt. Nicht nur wegen dieser einen Kündigung ist es um den Flughafenchef Stefan Schulte mittlerweile einsam geworden. Weil die Oberbürgermeisterwahl in Frankfurt vor der Tür und die hessische Landtagswahl auch nicht mehr fern ist, entdecken immer mehr Politiker, dass sie eigentlich schon immer für ein Nachtflugverbot waren und eigentlich auch nichts damit zu tun haben, dass die Anfluglinien des Flughafens um 1,4 Kilometer in Richtung des Frankfurter Stadtkerns verschoben wurden. Es bleibt abzuwarten, wem die Frankfurter Bürger bei der Oberbürgermeisterwahl am 11. März dafür die „Quittung“ erteilen werden.
Dass die Wut nach dem Flughafenausbau einmal so groß sein würde, war nicht abzusehen. Die von der rot-grünen Landesregierung initiierte Mediation zwischen dem Flughafen und den Bürgern erfuhr breite Zustimmung. Ministerpräsident Roland Koch (CDU) machte den Flughafenausbau im Jahr 1999 gar zur Chefsache. Als Vertreter des Landes Hessen, das mit 31 Prozent größter Anteilseigner ist, übernahm er den Vorsitz im Aufsichtsrat von Fraport. So konnte er das Vorhaben umso mehr vorantreiben, da es nach seiner Überzeugung notwendig war, um die Position des Weltflughafens zu festigen und die wirtschaftliche Entwicklung der Rhein-Main-Region zu sichern.
Fast ein Akt der Verzweiflung
Die Variante, im Nordwesten des Geländes die vierte Piste zu bauen, fand im Landtag sogar die Zustimmung der SPD. Die Grünen blieben hingegen bei ihrer Auffassung, der Ausbau sei überflüssig. Gemessen an den Prognosen, nach denen die Region bis zum Jahr 2020 rund fünfzig Prozent mehr Flugverkehr zu verkraften haben würde, blieb der Protest über Jahre marginal. Selbst als 2009 die ersten Bäume im Kelsterbacher Wald gefällt wurden, löste dies nicht - wie nach den Protesten gegen den Bau der Startbahn West befürchtet - eine Welle des gewaltsamen Widerstandes aus.
Spätestens im vergangenen Sommer schien aus Sicht von Fraport alles gut. Statt einen Tag der offenen Tür auf der neuen Landebahn veranstaltete das Unternehmen sogar zwei. So groß war die Nachfrage nach den 80000 Karten für das „Happy Landings“ genannte Volksfest mit Würstchenbuden und Hüpfburgen. Am selben Tag ließen sich im Terminal ein Dutzend als Bäume verkleidete Ausbaugegner wie tot umfallen - fast ein Akt der Verzweiflung gegen die Menschenmassen auf dem Volksfest nebenan.
Auf einmal ein lästiges Hintergrundrauschen
Ernstzunehmende Unruhe kam erst im März vergangenen Jahres auf, als sich durch den Flughafenausbau auch die Anflugrouten in der Region veränderten. Wo bisher die Flugzeuge allenfalls wie im Sonnenlicht blitzende Spielzeuge am Himmel wahrgenommen worden waren, wurden sie auf einmal zum lästigen Hintergrundrauschen. Der Sturm der Entrüstung - den man seit Wochen bei den „Montagsdemonstrationen“ im Terminal beobachten kann - hat alle Parteien auf dem falschen Fuß erwischt und ins Lavieren gebracht.
Den Beginn machte Hessens Innenminister Boris Rhein (CDU). Als er gerade zum Kandidaten für das Amt des Frankfurter Oberbürgermeisters nominiert war, sprach er sich für ein „umfassendes Nachtflugverbot“ aus. Sehr zum Unmut von Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), der seine liebe Mühe hat, zu rechtfertigen, weshalb die Landesregierung ebenjenes, vom Verwaltungsgerichtshof angeordnete Nachtflugverbot in der Revision vor dem Bundesverwaltungsgericht überprüfen lassen will.
Das Gericht in Leipzig hat die Verhandlung für den 13. März, zwei Tage nach dem Wahlgang in Frankfurt, anberaumt. Die Koinzidenz ist purer Zufall. Aber sie kommt vielleicht gerade recht, um die seltsamen Blüten, die der Wahlkampf in Frankfurt auch sonst noch treibt, schnell wieder welken zu lassen.
Nicht jedes laute Geräusch, das Menschen hören, wird auch als Lärm empfunden. Eine Großmutter, die ihren Enkeln beim Spielen lauscht, kann die Kinderstimmen als schön empfinden. Andere Nachbarn würden im gleichen Fall über eine Lärmbelästigung klagen. Ob ein Geräusch als Lärm empfunden wird, ist erst dann keine Ansichtssache mehr, wenn der Schall gesundheitliche Folgen für den Organismus hat. Ob und wie schwer diese Folgen sind, hängt von der Lautstärke, Häufigkeit und Dauer des Lärms sowie der Zusammensetzung der Frequenzen ab.
Wird der Hörsinn direkt durch Lärm geschädigt, spricht man von einer auralen Wirkung. Dazu zählen der Verlust des Hörvermögens bis hin zur völligen Taubheit. Solche Schäden sind für Bewohner von Einflugschneisen eher ungewöhnlich - dafür sind die Flugzeuge mit ihren je nach Standort meist zwischen 50 bis 75 Dezibel lauten Triebwerken zu leise. Bei einem täglich acht Stunden andauernden Lärmpegel von über 85 Dezibel (dBA) über mehrere Jahre sind Schäden an Hörnerv oder Haarzellen möglich.
Erreicht der Pegel Spitzen von über 120 Dezibel, kann es sogar zu mechanischen Schäden an Gehörknöchelchen oder zu Rissen im Trommelfell kommen. Wenn der Lärm auch Auswirkungen auf andere Organe des Körpers hat, spricht man von extraauralen Wirkungen. Diese sind schon bei deutlich niedrigeren Schalldruckpegeln möglich. Weil Menschen etwa sehr laute Schwimmbäder im Sommer nicht als Lärm empfinden, ist die Schwelle für solche Schäden individuell. Von etwa 60 Dezibel an, der Lautstärke eines Gespräches, kann der Körper Stresshormone wie Cortisol ausschütten, wenn der Lärm als unangenehm laut empfunden wird. Blutdruck und Herzfrequenz steigen. Während der Nacht kommt es durch Lärm zu vermehrten Wachphasen. Dieser Schlafentzug kann auf Dauer das Immunsystem und die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigen.
Studien haben ergeben, dass die Gefahr, durch Fluglärm zu erkranken, mit dem Alter abnimmt. Nach Meinung von Experten liegt das an der natürlichen Zunahme von Schwerhörigkeit im Alter. Studien, die einen Zusammenhang zwischen Fluglärm und Krankheiten belegen, werden oft mit dem Hinweis kritisiert, Lärm sei keine objektive Größe. Nicht zu bezweifeln ist allerdings, dass Menschen, die Fluglärm ausgesetzt sind, zusätzlich zu allen anderen Lärmquellen des täglichen Lebens beeinflusst werden und folglich unter einer Mehrbelastung leiden. (luci.)
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