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Protest gegen Stromleitungen Schneisen im Wald

In Thüringen kämpfen Bürger gegen den Bau von neuen Stromleitungen. Sie fürchten den totalen Kahlschlag des Waldes, den sie „ihr Herz“ nennen.

© Getty Images Vergrößern

Zwölf Männer stehen unter einem Strommast. Sie blicken auf zu dem blassgrünen Stahlgerippe. Der Mast überragt alles um sie herum, die Büsche, die Baumwipfel, den ganzen weiten Fichtenwald. Nur die Vögel fliegen höher. Der Mast hat seine vier Arme ausstreckt, zwei auf jeder Seite, um die Hochspannungsleitungen zu tragen, bis der nächste Mast ihm die Last abnimmt. Die Luft ist warm, die Leitungen haben sich ausgedehnt und hängen durch wie Springseile.

Die Männer laufen unter der Hochspannungsleitung entlang. Die Trasse zerschneidet den Wald, eine Schneise musste dafür geschlagen werden, bis zu hundert Meter breit. Rechts und links stehen die Fichten, in der Mitte nur Sträucher und Büsche. Einer der Männer ist Ingenieur bei 50Hertz. 50Hertz, der Übertragungsnetzbetreiber, will eine weitere 380-Kilovolt-Trasse durch Thüringen bauen und dafür neue Schneisen in den Wald schlagen. Zum Ärger vieler Thüringer.

Der Ingenieur setzt sich einen orangefarbenen Helm auf den Kopf und stiefelt durchs Gebüsch. „Wir machen hier etwas vollkommen Neues“, sagt er. Ein paar Förster, Ordnungsbeamte und ein Naturschützer folgen ihm, um das „ökologische Schneisenmanagement“ zu begutachten. Natur und Technologie sollen im Einklang sein, sagt der Ingenieur. Die Stromtrassen sollen die Natur nicht kaputtmachen, sie sollen gut für sie sein.

Keine Berührung der Bäume

Bisher sind sie nur schädlich. Die Bäume dürfen die Hochspannungsleitungen nicht berühren, deswegen werden die Schneisen gemulcht: Alle paar Jahre fährt ein Riesenrasenmäher hindurch und zerhäckselt Flora und Fauna. Er hinterlässt einen kahlen, braunen Streifen. In Zukunft aber, das wird gerade auf diesem Streifen bei Hummelshain im südlichen Saaletal getestet, sollen Bäume, Sträucher und Gräser unter der Leitung gedeihen. Und nur was zu hoch wächst, wird einzeln abgesägt. „Gute Bedingungen für Fledermäuse, für Vogelarten, die auf Gebüsche angewiesen sind, und für Reptilien, die es sonnig mögen“, referiert ein Landschaftsplaner.

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Der Tross marschiert weiter, feiner Regen stäubt vom Himmel, ab und zu schlägt jemand nach einer Mücke. Man begutachtet den saftig-grünen Waldsaum, der am Rande der Schneise gewachsen ist und sich an den düsteren Fichtenwald schmiegt. Ein Mann vom Naturschutzbund nickt zufrieden: „Sieht gut aus. An dieser Stelle bereichert es den Wald sogar.“ Das sei besser, als wenn da nur Fichten stünden. „Je mehr Arten, desto besser für Ökosystem und Klimaschutz.“ Das deutsche Netz sei eines der solidesten Stromnetze der Welt, sagt der Nabu-Mann. Aber auch gefährlich für Vögel: „Es kann vorkommen, dass bei schlechter Sicht ein ganzer Schwarm in die Leitung fliegt.“ Sie prallen dagegen und verletzen sich. Ein Oberforstrat aus dem Landwirtschaftsministerium sagt: „Je höher der Mast, desto besser für die Natur. Aber dann beschweren sich die umliegenden Gemeinden.“ Ein anderer raunt hinter vorgehaltener Hand: „Die Südthüringer sind unwahrscheinlich heimatverbunden. Das versteht man in einem großen Energieunternehmen nicht. Dort hält man sie für durchgeknallte Gallier und behandelt sie auch so.“

Die Gallier aus Großbreitenbach

Am heftigsten kämpfen die Gallier in Großbreitenbach im Südthüringer Ilmkreis. Dort sind fast alle gegen die Schneise. Frau Glende zum Beispiel, die vor ihrem Häuschen am Waldrand steht. Sie vergräbt sich tief in ihre Wolljacke. „Sie wollen eine Schneise vor meinem Haus schlagen. Aber es ist gesundheitsschädigend, neben einer Hochspannungsleitung zu wohnen. Und bei feuchter Witterung summen die Leitungen wie Staubsauger.“ Frau Glende ballt die Fäuste. „Warum machen sie unseren Thüringer Wald kaputt? Unser Herz!“

Energie in Thueringen - Die 380kV-Leitung © dapd Vergrößern Bürgermeisterin Petra Enders und Jürgen Töpfer von der Bürgerinitiative „Bürger auf 380“ wehren sich gegen die Trassen

Herr Töpfer, der den Widerstand der Großbreitenbacher organisiert, fährt rings um den Ort herum und über den Rennsteig, wo er gern Rennrad fährt und anschließend im Teich schwimmt. Er will zeigen, was schon gerodet und zubetoniert wurde. Für die Autobahn. Für die ICE-Brücke. Und jetzt für die neue Stromtrasse. Der Weg führt vorbei an Wiesen, auf denen Trollblumen und Arnika blühen. Und an einer ICE-Deponie, auf der Abraum landet, der für einen Tunnel abgetragen wurde. Betonmischer und Schwerlasttransporter brettern an dem verschlafenen Ort mit seinen grauen Schieferhäuschen entlang, hinterlassen eine matschige Spur. Auf einen Bauzaun hat jemand mit Farbe geschrieben: „Keine 380-kV-Trasse. Es reicht.“

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