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Veröffentlicht: 20.03.2017, 19:49 Uhr

Freiheitsdenkmal in Berlin Dann lieber Helmut Kohl zu Pferde

In Berlin soll ein Denkmal gebaut werden, das an 1989 erinnert, an die Einheit und alle Freiheitsbewegungen überhaupt. Das Projekt steht und fällt je nach Jahreszeit und Parlamentsbefinden.

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© F.A.S. Ein möglicher Denkmalentwurf?

Manchmal wird der Bundestag zum Gefangenen seiner Beschlüsse. Das geplante Freiheitsdenkmal bietet dafür ein Beispiel. Das Parlament hat vor Jahren dafür den falschen Ort und die falsche Form gewählt – so denkt fast jeder. Trotzdem wird das Denkmal womöglich gebaut.

Peter Carstens Folgen:

Am Anfang stand vor zwanzig Jahren die noble Idee, die DDR-Bürgerrechtsbewegung in der Berliner Erinnerungslandschaft zu ehren. Neben all den Mahnmalen für die grässlichen Perioden deutscher Geschichte, die Verfolgungen, Massenmorde, Kriege und den Mauerbau, sollte auch an das leuchtende Vorbild der Bürgerrechtler und der friedlichen Revolution in der DDR erinnert werden. Aus vereinzeltem, zähem Widerstand gegen die Diktatur erwuchs im Herbst 1989 eine friedlich demonstrierende Masse, die schließlich das Regime stürzte. „Wir sind das Volk“, riefen sie in Leipzig. Außerdem soll an die deutsche Einheit erinnert werden, die daraus folgte. Und auch an alle anderen deutschen Freiheitsbewegungen. Bereits durch diese Vielfalt erschien das Vorhaben etwas überfrachtet.

Die friedliche Revolution als Erlebnis-Waage inszeniert

Die Idee fand dennoch Anklang, Fragen nach Ort und Gestalt blieben zunächst unbeantwortet. 2007 beschloss der Bundestag: Ein Freiheits- und Einheitsdenkmal wird gebaut. Genau genommen: zwei Denkmäler. Eines in Berlin, ein zweites in Leipzig, denn es waren die Leipziger Montagsdemonstrationen gewesen, auf denen Bürgerinnen und Bürger die Macht der Diktatur gebrochen hatten. Also zehn Millionen für Berlin, fünf für Leipzig. Schon diese Gewichtung war schief. Seltsam rechthaberisch wirkt auch die Wahl des Ortes in Berlin, die seine Vorgeschichte planiert: Das ausgelobte Erinnerungsstück soll ausgerechnet auf den Fundamenten des pompösen Nationaldenkmals für die Wiedergründung des deutschen Kaiserreichs 1871 stehen. Die Hohenzollern hatten am Stadtschloss ihrem Wilhelm I. ein Denkmal errichtet, für eine Tat, die weniger er als Reichkanzler Bismarck vollbracht hatte. Als 1950 das Schloss gesprengt wurde, kamen auch Wilhelms Reste weitgehend weg. Und darauf nun der Neubau für die spätere, kleinere Einheit? Die Befürworter des merkwürdigen Ortes erinnerten hingegen daran, dass nebenan ja der Palast der Republik gestanden habe, der Ort, an dem die DDR-Volkskammer 1990 den Beitritt zur Bundesrepublik beschlossen hat. Dieser Palast ist längst abgerissen, das neue, alte Schloss entsteht an seiner Stelle. Auch diese Folge von Bauten, Ruinen und Abrissen ist so verworren, dass darunter das Verständnis der Nachgeborenen für den Mut und die Tatkraft der DDR-Bürgerrechtler schier begraben wird.

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Der künstlerische Wettbewerb um das Denkmal verschlimmerte die metaphorische Schieflage noch. Hunderte Entwürfe wurden nach 2008 eingereicht, symbolträchtige, verspielte, alberne – keiner überzeugte die Juroren. Es schien schwierig, eine angemessene, moderne Darstellung für die schönste Seite deutscher Geschichte zu finden. Also vielleicht doch ein Reiterstandbild alter Schule: Helmut Kohl zu Pferde? Die heutige Kulturstaatsministerin Monika Grütters war schon damals dafür, es einfach beim Brandenburger Tor als dem Symbol der Einheit zu belassen. Stattdessen entschied sich eine Jury nach dem Rücktritt ihres Vorsitzenden für drei Siegerentwürfe, darunter einen, der die friedliche Revolution als Erlebnis-Waage inszeniert: Eine riesige, asphaltierte Schale kann durch eine Ansammlung von Besuchern in Bewegung versetzt werden. Der Bürger werde, hieß es zur Begründung, „Teil des Denkmals“ und könne etwas bewegen. Die Aufschrift „Wir sind das Volk, wir sind ein Volk“ sollte zudem an die Parole der Leipziger Montagsdemonstrationen und den späteren Aufbruch zur Einheit erinnern. Allerdings bewegt sich die Waagschale nach jedem Aufwärts auch wieder abwärts. Der sächsische CDU-Abgeordnete Arnold Vaatz, selbst ein Bürgerrechtler frühester Stunde, schrieb kürzlich, mit der „Einheitswippe“ werde „das wohl bedeutendste Ereignis der europäischen Geschichte auf Kindergeburtstagsniveau verzwergt“.

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Quelle: wahlrecht.de
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