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Probleme im Schulalltag : „Wir erziehen eine unmündige Generation“

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Die Phase des unbeschwerten Lebens, die „goldene Kindheit“ wird immer kürzer Bild: Archiv

Josef Kraus ist Vorsitzender des Lehrerverbands und Leiter eines Gymnasiums bei Landshut. Im Interview spricht er über Helikopter-Eltern, gefesselte Kinder und die Klageflut gegen Lehrer und Schulen.

          Sie sind schon 17 Jahre Schulleiter, Herr Kraus, welche Gruppe macht den Schulalltag am schwierigsten: Lehrer, Schüler oder gar Eltern?

          Es gibt in allen drei Gruppen nicht nur Pflegeleichte. Am schwierigsten sind zwei Gruppen von Eltern. Sie machen im Durchschnitt 20 Prozent der Elternschaft aus und kosten uns Lehrer 80 Prozent unserer Energie. Schwierig sind zum einen Eltern, die sich aus der Erziehung völlig davonstehlen. Zum zweiten sind es Eltern, die maßlos übererziehen. Unter dem Motto „Nur das Beste für mein Kind“ nehmen sie die Kinder so in Beschlag, dass sie mir wie gefesselt vorkommen.

          Wie äußert sich das?

          Wir haben Eltern, beileibe nicht nur Mütter, die ihre Kinder vom Kindergarten bis zum Studium restlos verplanen und begleiten. Inzwischen will man bereits für Dreijährige Potenzialanalysen haben. Manche Eltern decken ihre Kinder mit Terminen ein, die einem Managerkalender ähneln. Solche Eltern treten dann auch in Schulen auf, als wäre das eigene Kind der geborene Einserabiturient, und wenn der Weg nicht dort hinweist, dann ist die Schule schuld.

          Das heißt, Eltern können ihren Kindern nicht den Raum geben, sich selbständig zu entwickeln?

          Es gibt da ein Sicherheitsbedürfnis der Eltern. Sie schenken ihren Kindern Handys und benutzen diese als elektronische Fußfessel. Das Kind muss immer und überall zu orten sein. Und: Eltern glauben, für ihr Kind immer erreichbar sein zu müssen. Dazu eine Anekdote: Am Ende des Sportunterrichts holt eine Schülerin - 7. Klasse - das Handy aus der Tasche: „Mama, ich habe meine Trinkflasche vergessen, kannst du sie mir bringen.“ Und Mama bringt sie dann. Das Ergebnis ist das „Prinzessinnen-Syndrom“: verwöhnte, überbehütete Kinder.

          Warum verhalten Eltern sich heute so?

          Dafür ist der Trend zur 1,3-Kind-Familie maßgeblich. Die elterliche Fürsorge und der elterliche Ehrgeiz konzentrieren sich auf das einzelne Kind. In der klassischen Familie mit zwei bis vier Kindern, wie wir sie früher hatten, verteilte sich das anders. Die Eltern waren gelassener. Eine Rolle spielt auch die bildungspolitische Propaganda, wonach ein Kind mindestens einen Bachelor haben muss. Eltern glauben, alles tun zu müssen, damit ihr Kind aufs Gymnasium kommt. Das ist parteipolitisch gewollt.

          Die Politik hat sich gigantische Abiturquoten auf die Fahnen geschrieben. Es wird aber auch von OECD und Bertelsmann-Stiftung vorangetrieben, die meinen, dass eine höhere Abiturientenquote für eine höhere wirtschaftliche Prosperität sorgt. Eine Rolle spielt auch eine bisweilen konfuse Erziehungswissenschaft und die ausufernde Ratgeberliteratur, die häufig das Problem erst schafft, als dessen Lösung sie sich ausgibt. Zwanzig Erziehungswissenschaftler haben manchmal 25 Meinungen. Bei manchen Eltern spielt auch das schlechte Gewissen eine Rolle, dass sie sich zu wenig um ihr Kind kümmern könnten.

          Gilt das vor allem für berufstätige Mütter?

          Mütter müssen heute den Spagat zwischen Familie, Haushalt, eigener Karriere und Kind bewältigen. Gleichzeitig gelten traditionelle Rollenmuster fort. Kein Wunder, dass sie dann häufig mit schlechtem Gewissen herumlaufen. Das wird dann durch Überbehütung überkompensiert.

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