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Privates in der Politik : Im Licht der Öffentlichkeit

Sprach über seine schwierige Kindheit: der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel Bild: dpa

So wie unlängst Sigmar Gabriel machen es viele Politiker: Sie tragen ihr Privates an die Öffentlichkeit und scheuen keine Selbstentblößung mehr. Ehemals eherne Regeln werden neu definiert.

          Auf eindrucksvolle Weise hat Sigmar Gabriel, der sich gewöhnlich als Kraftpaket und Kampfmaschine zeigende SPD-Vorsitzende, in nun veröffentlichten Gesprächen mit einem Redakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“ die - in ihrem Kern bekannten - Umstände seiner Kindheit geschildert: Das bis in sein hohes Alter auf unverbesserliche Weise Bekenntnis seines Vaters zum Nationalsozialismus einschließlich dessen, was als „Auschwitz-Lüge“ zusammengefasst wird; der Streit seiner Eltern, die sich, als Gabriel ein Kleinkind war, scheiden ließen und sich um das Sorgerecht stritten; der Zwang, beim Vater leben zu müssen, dessen Erziehungsmethoden aus Strafen und Prügeln bestanden haben; die Rückkehr zur Mutter, welcher er als Junge das Leben schwer gemacht habe; die bleibende Rücksicht des dann oben in der Politik angekommenen Gabriel auf den - im vergangenen Jahr gestorbenen - Vater, dessen politische Bekenntnisse nicht öffentlich bekanntzumachen. Schließlich schilderte Gabriel auch die Folgen, die seine frühe Jugend auf seinen eigenen politischen Werdegang gehabt habe. Es ist ein Dokument über deutsche Geschichte und Gegenwart.

          Im Licht der Öffentlichkeit

          Günter Bannas

          Leiter der politischen Redaktion in Berlin.

          Seit jeher gehört es zum Brauch von Politik und medialem Betrieb, die „Vergangenheit“ der Akteure - im vermeintlich Guten wie im Schlechten - zu thematisieren. Einst war sie auch, weil es nicht anders ging, ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren. Ehedem: Schuld und Verstrickung von Politikern in den Jahren vor 1945. Später: Nach der Wende in Deutschland 1989/1990 kamen neue Aspekte hinzu. Politiker hatten ihr Leben in der DDR zu erklären; manche scheiterten daran. Von minderem Gewicht, politisch gesehen für Betroffene freilich ebenso fatal: Sogenannte Jugendsünden, welche vom Steinewerfen bis zum Abschreiben von Doktorarbeiten reichen mögen. Es versteht sich, dass sich der grundsätzlich ganz und gar auf „Öffentlichkeit“ bedachte und deswegen ja auch in die „Politik“ Gegangene dann gern verschließt wie eine Auster. Auch die Bewertung des privaten Früher unterliegt den Wechseln des Zeitgeistes. Geschichte wird immer wieder neu geschrieben. Jugendsünden können von der „Öffentlichkeit“ vergeben werden. Unversehens können sie auch skandalisiert werden - wenn Umstände danach sind.

          Woher sie kamen

          Schon ehedem gab es eine - mal verständnisvolle, mal erklärende, mal gefühlige - Berichterstattung über Jugendzeiten des politischen Personals. Das „Woher sie kamen“ kann das „Wie sie wurden“ erklären: Franz Josef Strauß, der Metzgerssohn, der erste seiner Familie, der das Abitur machte. Helmut Kohl, der seine Begeisterung für Europa an den Schlagbäumen der deutsch-französischen Grenze entwickelte; Herbert Wehner, der sich seine Härte im politischen Umgang mit anderen im Moskau des Stalinismus zulegte; Gerhard Schröder, der sich aus kleinsten Verhältnissen nach ganz oben kämpfte und der seine Mutter „Löwe“ nannte; Angela Merkel, deren Traum es in der DDR wurde, in Freiheit nach Kalifornien zu reisen; Christian Wulff, über den in seinen besseren Zeiten stets geschrieben wurde, wie er als Jugendlicher seine kranke Mutter pflegte. Für das Forschen nach dem „Wie sie wurden“ ist es nur ein kleiner Schritt zur Frage nach den Schicksalsschlägen, die mancher zu bewältigen hatte, als er längst oben in der Liste der Mächtigen stand: Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble und die Attentate in den frühen neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

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