Home
http://www.faz.net/-gpg-75o56
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Digitale Exzellenz

Privates in der Politik Im Licht der Öffentlichkeit

So wie unlängst Sigmar Gabriel machen es viele Politiker: Sie tragen ihr Privates an die Öffentlichkeit und scheuen keine Selbstentblößung mehr. Ehemals eherne Regeln werden neu definiert.

© dpa Vergrößern Sprach über seine schwierige Kindheit: der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel

Auf eindrucksvolle Weise hat Sigmar Gabriel, der sich gewöhnlich als Kraftpaket und Kampfmaschine zeigende SPD-Vorsitzende, in nun veröffentlichten Gesprächen mit einem Redakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“ die - in ihrem Kern bekannten - Umstände seiner Kindheit geschildert: Das bis in sein hohes Alter auf unverbesserliche Weise Bekenntnis seines Vaters zum Nationalsozialismus einschließlich dessen, was als „Auschwitz-Lüge“ zusammengefasst wird; der Streit seiner Eltern, die sich, als Gabriel ein Kleinkind war, scheiden ließen und sich um das Sorgerecht stritten; der Zwang, beim Vater leben zu müssen, dessen Erziehungsmethoden aus Strafen und Prügeln bestanden haben; die Rückkehr zur Mutter, welcher er als Junge das Leben schwer gemacht habe; die bleibende Rücksicht des dann oben in der Politik angekommenen Gabriel auf den - im vergangenen Jahr gestorbenen - Vater, dessen politische Bekenntnisse nicht öffentlich bekanntzumachen. Schließlich schilderte Gabriel auch die Folgen, die seine frühe Jugend auf seinen eigenen politischen Werdegang gehabt habe. Es ist ein Dokument über deutsche Geschichte und Gegenwart.

Im Licht der Öffentlichkeit

Günter Bannas Folgen:    

Seit jeher gehört es zum Brauch von Politik und medialem Betrieb, die „Vergangenheit“ der Akteure - im vermeintlich Guten wie im Schlechten - zu thematisieren. Einst war sie auch, weil es nicht anders ging, ans Licht der Öffentlichkeit zu zerren. Ehedem: Schuld und Verstrickung von Politikern in den Jahren vor 1945. Später: Nach der Wende in Deutschland 1989/1990 kamen neue Aspekte hinzu. Politiker hatten ihr Leben in der DDR zu erklären; manche scheiterten daran. Von minderem Gewicht, politisch gesehen für Betroffene freilich ebenso fatal: Sogenannte Jugendsünden, welche vom Steinewerfen bis zum Abschreiben von Doktorarbeiten reichen mögen. Es versteht sich, dass sich der grundsätzlich ganz und gar auf „Öffentlichkeit“ bedachte und deswegen ja auch in die „Politik“ Gegangene dann gern verschließt wie eine Auster. Auch die Bewertung des privaten Früher unterliegt den Wechseln des Zeitgeistes. Geschichte wird immer wieder neu geschrieben. Jugendsünden können von der „Öffentlichkeit“ vergeben werden. Unversehens können sie auch skandalisiert werden - wenn Umstände danach sind.

Woher sie kamen

Schon ehedem gab es eine - mal verständnisvolle, mal erklärende, mal gefühlige - Berichterstattung über Jugendzeiten des politischen Personals. Das „Woher sie kamen“ kann das „Wie sie wurden“ erklären: Franz Josef Strauß, der Metzgerssohn, der erste seiner Familie, der das Abitur machte. Helmut Kohl, der seine Begeisterung für Europa an den Schlagbäumen der deutsch-französischen Grenze entwickelte; Herbert Wehner, der sich seine Härte im politischen Umgang mit anderen im Moskau des Stalinismus zulegte; Gerhard Schröder, der sich aus kleinsten Verhältnissen nach ganz oben kämpfte und der seine Mutter „Löwe“ nannte; Angela Merkel, deren Traum es in der DDR wurde, in Freiheit nach Kalifornien zu reisen; Christian Wulff, über den in seinen besseren Zeiten stets geschrieben wurde, wie er als Jugendlicher seine kranke Mutter pflegte. Für das Forschen nach dem „Wie sie wurden“ ist es nur ein kleiner Schritt zur Frage nach den Schicksalsschlägen, die mancher zu bewältigen hatte, als er längst oben in der Liste der Mächtigen stand: Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble und die Attentate in den frühen neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Chronik der Edathy-Affäre Ein Strafprozess mit politischer Sprengkraft

An diesem Montag beginnt das Verfahren gegen Sebastian Edathy. Ihm wird der Kauf kinderpornografischer Bilder vorgeworfen. Für die SPD-Führung ist der Prozess brisant. Denn weiter ist unklar, wer Edathy vor den Ermittlungen warnte. FAZ.NET schildert die Chronologie einer Staatsaffäre. Mehr Von Reinhard Bingener und Eckart Lohse, Berlin/Hannover

23.02.2015, 08:55 Uhr | Politik
Pegida-Demonstration Politik sucht den Dialog

Seit Wochen diskutiert die Politik über Pegida. Soll man mit den Anhängern reden oder nicht? Nun suchen einige Politiker den Dialog, darunter SPD-Chef Gabriel. Doch dafür erntet er viel Kritik. Mehr

26.01.2015, 15:34 Uhr | Politik
Freihandelsabkommen TTIP Gabriel: Wir reden zu viel über Chlorhühner

Der Rückhalt für das Freihandelsabkommen mit Amerika schwindet. Wirtschaftsminister Gabriel mahnt nun eine offene Debatte an – und warnt: Bei einem Scheitern würde Asien das Zepter übernehmen. Mehr

23.02.2015, 16:55 Uhr | Wirtschaft
Seehofer gegen Gabriel Parteichefs teilen zum politischen Aschermittwoch aus

SPD-Chef Sigmar Gabriel und CSU-Boss Horst Seehofer haben sich in Bayern einen Schlagabtausch geliefert. Sorgen wegen der politische Konkurrenz macht man sich in der CSU dabei nicht. Manche Dinge in Bayern haben sich eben seit Jahrzehnten kaum verändert. Mehr

18.02.2015, 17:56 Uhr | Politik
Freihandesabkommen TTIP Da läuft etwas aus dem Ruder

Politik und Medien haben lange nicht gemerkt, wie explosiv das Thema Freihandel werden kann. Als sie es schließlich erkannten, war es fast schon zu spät. Eine Rekonstruktion der Anti-TTIP-Kampagne. Mehr Von Ralph Bollmann und Lisa Nienhaus

23.02.2015, 10:17 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 11.01.2013, 14:58 Uhr

Was tun gegen Ufos?

Von Reinhard Müller

In Paris werden Drohnen mit dem Streifenwagen verfolgt. Es gibt auch noch andere Möglichkeiten. Mehr 10 10