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Prädidentschafts-Kandidatin Klarsfeld und das gute Deutschland

 ·  Vor Jahrzehnten hätte Beate Klarsfeld auch eine Menge Ohrfeigen für Alt-Nazis in Ost-Berlin verteilen können. Stattdessen richtete die heutige Präsidentschaftskandidatin ihre Aufklärungswut auf den damaligen Bundeskanzler Kiesinger - zu unrecht.

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Noch hat niemand einen Ehrensold für Bürger gefordert, die die schwere Pein auf sich nehmen, für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren. Aber wenn wir Dietmar Bartsch, den Fraktionsvize der Linkspartei, richtig verstehen, dann wäre Beate Klarsfeld die erste Anwärterin darauf. Herr Bartsch machte sich am Samstagmorgen im Deutschlandfunk große Sorgen darüber, dass nun die Ehre der Frau beschmutzt werde, die so heldenhaft gegen „alte und neue Nazis“ gekämpft habe. Und dies auch noch von Unionspolitikern, die sich „in Kontinuität zum schlechten Teil Deutschlands bewegen wollen“.

Sagte der Mann aus dem guten Teil Deutschlands, der früher mal DDR hieß. Dieser gute Teil machte nach Bartschs Darstellung Jagd auf Nazis, wie Franzosen, Amerikaner und Israelis auch. Die DDR fand in Frau Klarsfeld eine tapfere Mitstreiterin, die sie nach Kräften unterstützte und mit 2000 Mark belohnte, nachdem sie den Kanzler Kiesinger geohrfeigt hatte. Ach, was waren das für tolle Zeiten!

Herr Bartsch ist wirklich dafür zu bedauern, dass er nun in jenem Teil Deutschlands leben muss, der der Aufarbeitung der Nazi-Diktatur „zu wenig gerecht geworden“ ist. Wahrscheinlich hält er auch für ein „Klischee des Kalten Krieges“, was just diese Aufarbeitung ans Licht brachte.

Noch in den sechziger Jahren saßen fünfzig frühere NSDAP-Mitglieder in der Volkskammer. Alt-Nazis wurden Minister, ein Offizier der Waffen-SS zog ins ZK der SED ein, ein SA-Mann stieg zum Generalmajor der Volksarmee auf. Frau Klarsfeld hätte eine Menge Ohrfeigen bei ihren Besuchen in Ost-Berlin verteilen können. Stattdessen richtete sie ihre Aufklärungswut auf jenen Mann, der einst denunziert worden war, weil er im Auswärtigen Amt antijüdische Propagandaaktionen ausgebremst hatte.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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