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Debatte um Tweet : Wie „links-grün-versifft“ sind Weihnachtspredigten?

Weihnachtsgottesdienst in der Evangelischen Stiftskirche in Stuttgart (Archivbild). Bild: dpa

„Wie ein Abend bei den Jusos beziehungsweise der Grünen Jugend“: Mit seiner Christmetten-Kritik stößt der „WeltN24“-Chefredakteur im Internet auf viel Zuspruch und harte Kritik. Grüne-Jugend-Sprecherin Ricarda Lang erklärt bei FAZ.NET, warum das mehr über ihn sagt als über die Kirche oder ihre Partei.

          Der Chefredakteur der „WeltN24“-Gruppe, Ulf Poschardt, hat mit einer Twitternachricht eine Debatte über die Inhalte der jüngsten Weihnachtspredigten angestoßen. „Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den bzw. der Grünen Jugend verbracht?“, schrieb Poschardt am Montag in dem Kurznachrichtendienst. Poschardts provokanter Tweet wurde von vielen geteilt und kommentiert, etwa von SPD-Vize Ralf Stegner oder der Bundesprecherin der Grünen Jugend, Ricarda Lang. Im FAZ.NET-Interview erklärt sie, warum sie auf die Nachricht reagierte.

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          Frau Lang, waren Sie als Bundesprecherin der Grünen Jugend gestern Abend in der Christmette?

          Ich war gestern nicht in der Kirche. Ich bin selbst nicht gläubig und deshalb gehe ich schon seit mehreren Jahren nicht mehr in die Kirche.

          Aber hat Ulf Poschardt Ihnen als Grünen-Politikerin mit seinem Tweet nicht indirekt empfohlen, die Christmette zu besuchen, weil Sie da grüne Werte wiederfinden können?

          Ich habe es andersherum verstanden. Nämlich dass Herr Poschardt eher allen, die erzkonservativ sind, geraten hat, nicht in die Kirche zu gehen. Ich finde es ziemlich bezeichnend, dass es ihm anscheinend extrem widerstrebt, wenn in der Kirche ein menschliches und solidarisches Miteinander vertreten wird. Für uns ist Humanität ein gesamtgesellschaftlicher Anspruch – für Ulf Poschardt scheint Nächstenliebe hingegen eine links-grün-versiffte Marotte für Jusos und Grüne Jugend zu sein. Das sagt mehr über Herrn Poschardt aus als über die Kirche – und auch mehr als über die Grünen.

          Nämlich was?

          Ihm geht es mit seinem Tweet nicht darum christliche Werte zu schützen, sondern darum, sein total veraltetes Weltbild zu verteidigen und sich gegen ein solidarisches Miteinander zu stellen. Und diese Haltung wünscht er sich offenbar auch von den Kirchen. Vielleicht hätte er gestern lieber mal zuhören sollen, statt gehässige Tweets abzusetzen.

          Wie läuft eigentlich so ein Abend bei der Grünen Jugend ab, auf den Herrn Poschardt in seinem Tweet angespielt hat?

          Meistens wird bei uns viel diskutiert, wir haben verschiedene Bildungsangebote, wo wir gemeinsam Texte lesen, uns Vorträge anhören oder Workshops veranstalten. Wir bieten Herrn Poschardt auch an, mal bei der Grünen Jugend vorbeizuschauen. Denn wenn ich mir so seinen Twitter-Account ansehe, könnte er, was faire Debattenführung angeht, dort noch einiges lernen.

          Was zum Beispiel?

          Insgesamt fand ich es schon seltsam, wie Herr Poschardt die Debatte auf Twitter geführt hat: Er stellt sich selbst als letzte Bastion der Vernunft dar, während er eigentlich nur ein Problem damit hat, dass die Kirche sich progressiver aufstellt oder Grüne Jugend und Jusos für eine humanitäre Geflüchtetenpolitik streiten, also genau das tun, was angesichts der globalen Lage vernünftig und notwendig ist.

          Ricarda Lang, die Bundessprecherin der Grünen Jugend

          In vielen Weihnachtspredigten ging es um bezahlbaren Wohnraum, gesellschaftlichen Zusammenhalt, den Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit – gibt es eine neue Nähe zwischen den christlichen Kirchen und den Grünen?

          Ich würde tatsächlich sagen, dass die Kirche sich in den letzten Jahren gerade bei der Migrationspolitik und bei der Frage nach sozialer Gerechtigkeit sehr progressiv aufgestellt hat. Wir als Grüne Jugend treten für einen säkularen Staat ein und haben auch immer wieder Kritik an den Kirchen, gerade was gesellschaftspolitische Fragen angeht. Trotzdem freuen wir uns, wenn die Kirchen sich für eine menschenrechtsbasierte Geflüchtetenpolitik oder eine gerechte Sozialpolitik einsetzen. Gerade in Zeiten des gesellschaftlichen Rechtsrucks ist das positiv.

          Wie haben Sie persönlich heute auf die Debatte reagiert?

          Ich habe mich auf Twitter zu der Debatte geäußert und darauf hingewiesen, wie absurd Poschardt auf die Kritik an seinen Tweets reagiert. Seine Arroganz bekommt teilweise schon etwas Humoristisches.

          Wie feiern Sie denn dieses Jahr Weihnachten?

          Ich feiere einfach mit meiner Familie zuhause, mit gutem Essen und genug Zeit, zur Ruhe zu kommen.

          Weihnachten mit der Familie – das klingt doch wieder ziemlich konservativ.

          Als linke politische Kraft finde ich es wichtig, immer wieder über sein eigenes politisches Handeln nachzudenken und sich Zeit zu nehmen, aus dem politischen Alltagstrott auszutreten und sich zu fragen: Was wollen wir eigentlich erreichen? Zeit zum Reflektieren ist gerade für die, die eine grundlegende Gesellschaftsanalyse vorbringen und einen gesellschaftsverändernden Anspruch formulieren wollen, sehr wichtig.

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