01.11.2005 · Matthias Platzeck ist populär, ohne populistisch zu sein, und er ist Machtmensch, ohne die unangenehmen Züge dieses Charaktertyps offen zur Schau zu tragen. Schon bald wird er seine Eigenschaften an der SPD-Spitze ausspielen können.
Von Mechthild KüpperSchon trägt Platzecks Fahrschein in die Bundespolitik den Stempel des brandenburgischen CDU-Generalsekretärs, der sonst recht ruppig urteilt. „Die Ämter des Ministerpräsidenten und SPD-Bundesvorsitzenden sind vereinbar“, sagte Sven Petke, als die Nachricht vom Ende der Ära Müntefering noch frisch war.
Da Platzeck ohnehin an den Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und SPD teilnimmt, wird er in diesen Wochen bei den Potsdamer Kabinettssitzungen von Innenminister Schönbohm (CDU) und in der Landespolitik von dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Günter Baaske vertreten. Falls die Sozialdemokraten also den 51 Jahre alten Matthias Platzeck zum Vorsitzenden der Bundespartei machen wollten, werden seine Brandenburger ihm keine Steine in den Weg legen.
Ein mauliger Wowereit
An diesem Mittwoch wird er mit seinem Landesvorstand über die Lage und seine Pläne sprechen; am Abend soll, sagte er, die Müntefering-Nachfolge entschieden sein. Vom SPD-Fraktionsvorsitzenden in Magdeburg, Bullerjahn, und dem designierten niedersächsischen SPD-Vorsitzenden Duin wurde Platzeck am Dienstag zum Vorsitz ermutigt: Er habe so etwas „Dynamisches, Unverbrauchtes, das können wir jetzt gut gebrauchen“, sagte Duin.
Der Nachbar - und wohl auch Konkurrent - Wowereit zeigte sich ausgesprochen maulig. Berlins Regierender Bürgermeister rühmte ausgiebig die Qualitäten von Frau Nahles als Generalsekretärin, über die der Brandenburger Bundestagsabgeordnete Stephan Hilsberg urteilte, wer den Rücktritt des Parteivorsitzenden in Kauf nehme, tauge nicht zur „Parteimanagerin“.
Den Sommer über hatten sich Wowereit und Platzeck noch demonstrativ gemeinsam gezeigt als, wie Platzeck kürzlich über sich und Schönbohm scherzte, „Kaderreserve“ ihrer Partei. Schönbohm wurde von der CDU nicht gerufen; Platzeck aber hätte Schröder gern zum Außenminister gemacht. Doch lehnte er ab. Am Montag aber, als er sich durch das Gedränge vor dem Willy-Brandt-Haus kämpfte, sagte er mit fester Stimme: „Ich habe mich vor Verantwortung noch nie gedrückt.“
Brandenburgs große Koalition funktioniert
Nach Ämtern gestrebt hat er auch nicht, weshalb Platzeck, der seit der friedlichen Revolution eine strahlende Karriere gemacht hat, unter den Bundespolitikern immer noch „unverbraucht“ wirkt. Schon vor dem Ende der DDR war der Umwelthygieniker Platzeck politisch aktiv: Die berühmte Potsdamer Bürgerinitiative „Argus“ (Arbeitsgemeinschaft für Umweltschutz und Stadtgestaltung) gründete er 1988 mit, er saß 1989/90 am runden Tisch der DDR und war Minister ohne Geschäftsbereich in der Modrow-Regierung. Für das Bündnis 90 kandidierte er als Volkskammerabgeordneter, deren parlamentarischer Geschäftsführer er war, er zog im Oktober 1990 in den Brandenburger Landtag ein und wurde unter Stolpe Minister für Umwelt, Naturschutz und Raumordnung.
1991 wählte ihn seine Partei in den Bundessprecherrat. Weil er aber die Fusion mit den Grünen ablehnte, war Platzeck ein parteiloser Minister. Erst 1995 trat er in die SPD ein. 1997 bewährte er sich in der Zeit der Oder-Überschwemmung, 1998 erklärte er sich bereit, den uninspirierten und erfolglosen Potsdamer Oberbürgermeister abzulösen, 1999 wurde er in den SPD-Bundesvorstand gewählt, 2000 wurde er Brandenburger SPD-Vorsitzender, 2002 Ministerpräsident in Brandenburg. 2004 gelang es der SPD in Brandenburg abermals, stärkste Partei zu werden, und dieses Mal funktioniert die große Koalition mit der CDU reibungs- und geräuschlos.
Ein inniger Redner
Platzeck stammt aus einer Potsdamer Arzt- und Pfarrersfamilie mit starken sozialdemokratischen Traditionen. Daß er seit einiger Zeit als sozialdemokratischer Hoffnungsträger gilt, kann er jedoch getrost als eigenes Verdienst ansehen. Er ist populär, ohne populistisch zu sein. Er hat ein erkennbar ernsthaftes Interesse an den ihm anvertrauten Themen, ob es der Naturschutz oder die politischen Folgen der demographischen Entwicklung sind. Er ist kein brillanter, aber ein inniger Redner, wie man an diesem 3. Oktober zum Tag der Einheit abermals hören konnte. Seine Methode, den Leuten einerseits reinen Wein über den Ernst der Lage und der kommenden Entwicklungen einzuschenken und sie andererseits hoch zu loben für ihre Leistungen, hat sich bewährt.
Platzeck ist ein Machtmensch, ohne die unangenehmen Züge dieses Charaktertyps offen zur Schau zu tragen. Den Bildungsminister Steffen Reiche etwa, der immerhin einer der Gründer der ostdeutschen Sozialdemokratie und sein Vorgänger im Parteivorsitz war, entfernte er im vorigen Jahr ohne viel Federlesens aus seinem Amt und ersetzte ihn durch einen parteilosen Schulleiter seines Vertrauens. Dem Koalitionspartner CDU nimmt er die Butter vom Brot, wo es nur geht: Auf den Wahlplakaten wird Platzeck deswegen mit Lust als „einer von uns“ angepriesen, um Schönbohm um so fremder erscheinen zu lassen, und wenn es mal gute Nachrichten aus der Wirtschaftspolitik gibt, verkündet der Ministerpräsident sie gern selbst.