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Messer-Attacke Kandel : Wie vorhersehbar war die Eskalation?

Gedenkstein und eine Rose vor dem Drogeriemarkt in Kandel. Bild: dpa

Polizei und Landrat im Fall Kandel widersprechen sich. Welche Behörde hat versagt – und hätte der gewaltsame Tod verhindert werden können?

          Im Fall des Messerstechers von Kandel rückt die Frage in den Vordergrund, ob die Mitarbeiter des zuständigen kommunalen Jugendamtes den gewaltsamen Tod der 15 Jahre alten Mia V. hätten verhindern können, wenn sie das Mädchen oder deren Eltern über die negative psychische Entwicklung des späteren Täters Abdul D. schon frühzeitig informiert hätten. Über diese Frage gibt es heftige Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Landratsamt Germersheim und der Polizei in Ludwigshafen.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Landrat Fritz Brechtel (CDU) verteidigte im Gespräch mit dieser Zeitung die Arbeit der Jugendamts-Mitarbeiter: „Abdul D. ist von unseren Mitarbeitern engmaschig betreut und gefördert worden. Es ist auch zeitnah reagiert worden. Die Polizei schätzte die ihr bekannten Drohungen sehr niedrigschwellig ein, dass niemand eine derartige Eskalation voraussehen konnte“, sagte Brechtel. Es habe „zu keinem Zeitpunkt“ Indizien dafür gegeben, dass das Leben des Mädchens konkret bedroht gewesen sei.

          Die Polizei in Ludwigshafen hatte die Vorgänge am Mittwoch in einer Pressemitteilung anders dargestellt. Sie blieb auch am Donnerstag bei ihrer Interpretation: „Wir müssen jetzt ein massives Delikt aufklären. Wir haben uns hierzu zwei Mal geäußert, und wir können die Darstellung nur bestätigen“, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums in Ludwigshafen.

          Kurz nach der Tat am 27. Dezember, als Abdul D. seine ehemalige Freundin mit einem Brotmesser in einer Drogerie im pfälzischen Kandel tödlich verletzt hatte, hatte der stellvertretende Polizeipräsident in Ludwigshafen, Eberhard Weber, auf einer Pressekonferenz gesagt, es habe keine Hinweise gegeben, die auf eine Eskalation der Situation hätten hindeuten können. Nach der Auswertung des „polizeilichen Vorgangsbearbeitungssystems“ kamen die Ermittler offenbar zu anderen Ergebnissen: Anfang Dezember trennte sich Mia V. von Abdul D. Auf seinem Handy soll der Verdächtige, der Anfang 2016 als angeblich minderjähriger Flüchtling nach Deutschland eingereist war, Nacktfotos seiner ehemaligen Freundin gespeichert gehabt haben. Aus Frust über die Trennung drohte er damit, diese im Internet zu veröffentlichen. Die Behörden bestätigen diese Informationen nicht, weil Sozialdaten strengen Datenschutzauflagen unterliegen.

          Am 27. November war es zudem zu einer körperlichen Auseinandersetzung an der Gesamtschule in Kandel gekommen, die Abdul D. besuchte. Anfang Dezember lagen der Polizei zudem Strafanzeigen gegen den Flüchtling vor. Nach Darstellung des Landratsamtes sei weder dem Vormund noch der zuständigen Fallmanagerin des Jugendamtes von der Polizei mitgeteilt worden, dass Abdul D. seiner Exfreundin gedroht habe. In der Pressemitteilung der Polizei heißt es dagegen: Die „beteiligten Stellen“ seien „umfassend“ über die Erkenntnisse und Maßnahmen der Polizei informiert worden. „Der Sachbearbeiter hat dem Vormund mitgeteilt, dass der Beschuldigte ehrverletzende Bilder des Mädchens anderen öffentlich zugänglich machte, dem Mädchen drohte, sie am Bahnhof Kandel ,abzupassen‘, und dass sie in Zukunft ,aufpassen‘ müsse.“

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          Das sei den Jugendamtsmitarbeitern, so die Polizei, am 17., 18. und 19. Dezember in Telefongesprächen mitgeteilt worden. Außerdem habe der polizeiliche Sachbearbeiter Abdul D. am 18. Dezember in der IGS Kandel aufgesucht. Dabei sei er von zwei Betreuerinnen aus Abduls Wohngruppe begleitet worden. „Im Beisein der Betreuerinnen wurde der Beschuldigte zunächst belehrt; danach fand eine Gefährderansprache statt. Ihm wurde dabei vorgehalten, er habe in sozialen Netzwerken Bilder der Geschädigten anderen zugänglich gemacht, sie beleidigt und ihr gedroht.“ Warnungen an die Jugendamtsmitarbeiter über starke Verhaltensauffälligkeiten Abdul D.s gab es also. Landrat Brechtel sagt hierzu: „Der Inhalt der Telefonate wird unterschiedlich ausgelegt. Fotos ins Netz zu stellen stellt keine körperliche Bedrohung des Mädchens dar. Fausthiebe gibt es auch unter deutschen Schülern. Von Fausthieben bis zu Messerstichen ist es ein weiter Weg. Diese Eskalation war nicht vorhersehbar.“

          Brechtel richtet stattdessen Forderungen an die Bundes- und Landespolitiker: In Rheinland-Pfalz fehle bei der Aufnahme minderjähriger Flüchtlinge eine zentrale Clearing-Stelle. „Im Saarland stellte man dadurch bei 35 Prozent der Umas fest, dass sie schon erwachsen sind.“ Brechtel sagt, man müsse prüfen, ob es für traumatisierte Flüchtlinge, die ein patriarchalisches Frauenbild mit nach Deutschland importierten, nicht spezielle Hilfsangebote jenseits der Jugendhilfe geben müsse. „Es ist auch falsch, minderjährige abgelehnte Asylbewerber grundsätzlich nicht abzuschieben“, sagt der Landrat. So war es auch bei Abdul D.: Seinen Asylantrag hatte das Bundesamt für Migration (Bamf) abgelehnt – zugleich aber seine Abschiebung untersagt.

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