Home
http://www.faz.net/-gpf-7427k
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Politischer „Protestunterricht“ Das rebellierende Klassenzimmer

Seifhennersdorf ist eine kleine Stadt im Südosten Sachsens und hat mehr als genug Probleme. Nun soll auch noch die einzige Mittelschule geschlossen werden. Die Eltern wehren sich.

© Julian Staib Die Stadt Seifhennersdorf scheint wie ausgestorben

Auf den ersten Blick wirkt die Mittelschule in Seifhennersdorf verlassen. Im Nebengebäude werden noch drei Klassen unterrichtet, aber hier, im Flur des Hauptgebäudes, ist es dunkel und still, kaum Jacken hängen an der großen Garderobe. Nur in einem Zimmer im ersten Stock sitzen ein paar Schüler der fünften Klasse, die Lehrerin geht von Tisch zu Tisch. Schulalltag - und doch ist hier nichts alltäglich. Diese fünfte Klasse ist illegal. Es gibt zu wenige Kinder in der Stadt, daher haben Landkreis und Freistaat beschlossen, die Schule zu schließen und die Schüler auf die benachbarten Orte zu verteilen. Doch zu Schulbeginn brachte ein Teil der Eltern seine Kinder trotzdem wieder in die Schule in Seifhennersdorf.

Julian  Staib Folgen:

Sie organisierten einen „Protestunterricht“. Pensionierte Lehrer und auch Freiwillige unterrichten ihre Kinder nun. Seitdem herrscht Aufregung im Ort. Von einem „Kampf“ spricht die Bürgermeisterin. Karin Berndt, eine kleine agile Frau mit den roten Haaren, steht auf einer Anhöhe und schaut auf ihre Stadt. Unten ist das große Gebäude der Mittelschule zu sehen, die Hügel dahinter gehören bereits zur Tschechischen Republik. Seifhennersdorf liegt in der Oberlausitz, im äußersten Südosten Sachsens. Früher gab es hier viel Industrie, viel Arbeit, viele Kinder. Bis zur Wende lebten hier 8.000 Menschen, aber heute sind es weniger als 4.000. Die Hälfte davon ist älter als 50 Jahre.

„Ich sehe den Ort sterben, aber der muss doch überleben“, sagt Karin Berndt. Sachsens „größtes Industriedorf“ wurde Seifhennersdorf einmal genannt, aber nach der Wende haben fast alle Fabriken zugemacht. Die Arbeitslosigkeit liege jetzt offiziell bei etwa 20 Prozent, sagt Karin Berndt, aber ohne all die Umschulungsmaßnahmen der Arbeitsagentur seien es 40 Prozent. „Der Niedergang des Ortes ist wie eine Krankheit.“ Manchmal setzte sie sich ins Archiv und lese von den Jahren, in denen es der Stadt noch gutging. Heute gibt es vor allem Probleme.

Jedes dritte Haus scheint leer zu stehen

Zum Beispiel eben das Problem mit der Mittelschule. „Warum müssen die uns auch noch die Schule zumachen?“, fragt Karin Berndt. Sie unterstützt die „Protestklasse“, auch wenn ihr das schon ein Disziplinarverfahren durch den Landkreis Görlitz eingebracht hat. „Aber ich habe doch einen Eid geschworen zum Wohle der Stadt“, sagt sie. Die Kindergärten seien voll, behauptet sie, für „fünf, sechs, sieben Jahre“ gäbe es noch genügend Kinder für die Schule. Und danach? „Danach stabilisiert sich die Einwohnerzahl auf niedrigem Niveau.“ Es ist eine vage Hoffnung. Unten im Ort gibt es kaum Anzeichen dafür, dass diese Hoffnung berechtigt ist.

Etwa jedes dritte Haus scheint leer zu stehen, viele Gebäude verfallen, der Eingang und die Fenster des Kinos sind zugemauert, der Spielplatz leer. Der Bahnhof ist stillgelegt, und auf den Gleisen wachsen Sträucher. Die Mittelschule steht wenige hundert Meter von der tschechischen Grenze entfernt, am Ende der kaum befahrenen Hauptstraße. Im Lehrerzimmer sitzen ein paar Eltern, sie halten Wache bei Kaffee und Tütensuppen. Die Morgensonne scheint herein. Andreas Herbig ist Elternsprecher, und er spricht sehr schnell. Dieses Jahr seien zum Stichtag 41 Schüler angemeldet gewesen, sagt er, und damit ein Schüler mehr, als notwendig sei, um wie per Gesetz vorgeschrieben eine zweizügige Jahrgangsstufe einzurichten.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Heidenau Flüchtlinge und Unterstützer feiern wieder friedlich

Rund 400 Unterstützer sind vor der Asylbewerberunterkunft im sächsischen Heidenau zusammengekommen. Das Bundesverfassungsgericht hatte am Morgen das Versammlungsverbot für den Ort komplett aufgehoben. Mehr

29.08.2015, 21:13 Uhr | Politik
Sachsen Tillich besucht das Flüchtlingsheim in Freital

Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich hat am Donnerstag eine Flüchtlingsunterkunft in Freital bei Dresden besucht, vor der es am Mittwoch zu heftigen Protesten gekommen war. Tillich sagte, dass sich Deutschland und Europa der Herausforderung durch die Flüchtlingsströme stellen müssen. Mehr

08.07.2015, 15:45 Uhr | Politik
Sächsische Polizei Am Ende der Kräfte

In Heidenau blieb es am Wochenende ruhig. Das ist endlich einmal eine gute Nachricht für Markus Ulbig, den Innenminister im Freistaat – denn die Polizei ist an ihre Grenzen gekommen. Mehr Von Stefan Locke, Heidenau

30.08.2015, 21:17 Uhr | Politik
Nach Brandanschlag in Tröglitz Trotzdem weiterhin Unterbringung von Flüchtlingen

Landespolitiker von Sachsen-Anhalt zeigen sich unnachgiebig: Trotz des Brandanschlags in Tröglitz sollen weiterhin Flüchtlinge in der Stadt untergebracht werden. Mehr

07.04.2015, 17:29 Uhr | Politik
Erkenntnisse eines Richters Bürger wissen zu wenig über Flüchtlinge und Asyl

Viele Bürger fühlen sich vom Staat alleingelassen und wissen wenig über Flüchtlinge und Asyl. Das ist die Erfahrung eines leitenden sächsischen Richters aus vielen Gesprächen. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Erich Künzler

03.09.2015, 12:55 Uhr | Politik

Veröffentlicht: 04.11.2012, 17:57 Uhr

Schuld und Flüchtlinge

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Auch wenn die Regierung Cameron nun ein paar tausend syrische Flüchtlinge aufnehmen will. Eine gemeinsame Strategie hat die EU damit noch nicht. Mehr 25