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Politik an der Basis Wie vom Himmel gefallen

Seine Studienkollegen zog es in die weite Welt, nach Brüssel oder Washington. Auch Christoph Meineke hätte alle Möglichkeiten gehabt. Aber er wurde Bürgermeister von Wennigsen, als einer der jüngsten in Deutschland. Wieso tut ein junger Mensch so etwas?

© Franz Bischof Vergrößern Christoph Meineke in seinem Lieblingscafé, dem Deister Café Woller in Wennigsen

Es ist ein großer Tag für Bürgermeister Christoph Meineke, denn an diesem Morgen ist in der Lokalpresse eine Bombe geplatzt. Die „Calenberger Zeitung“ liegt aufgeschlagen auf dem Tisch, als er zur Begrüßung vom Stuhl aufspringt und in großen Schritten sein schmales Büro durchquert. Meineke ist 31 Jahre alt, wirkt aber jünger, trotz seines dunklen Anzugs und der randlosen Brille. Seine Gesichtszüge sind weich wie die eines Teenagers, er ist klein und kräftig, gedrungen wie ein Boxer. An seinem Handgelenk trägt er eine sehr große Uhr, sein Händedruck ist kräftig. In seinem Büro, das gerade erst eine neue Auslegeware bekommen hat und in das ein Gummibaum etwas Leben bringen soll, wirkt er trotz allem wie ein Praktikant, der für einen Tag auf dem Chefsessel sitzen darf. Vor dem Eintreten bittet er darum, die Schuhe abzutreten.

Marie Katharina Wagner Folgen:  

Meineke ist blendend gelaunt. Die „Calenberger Zeitung“ titelt: „Barsinghausen kündigt Vertrag - Stadtwerke wollen mehr Geld für die Reinigung des Abwassers aus der Wennigser Mark.“ Seit längerem streitet Meineke mit der Nachbargemeinde darüber, wessen Kläranlage wessen Abwasser reinigen darf. Der Bürgermeister weiß, dass der Vertrag so einfach nicht gekündigt werden kann. Er hat sich akribisch in die Materie eingearbeitet, eine Pressemitteilung ist vorbereitet, sein demonstrativer Besuch bei der eigenen Kläranlage angekündigt. Später wird er auf seinem „Bürgermeisterblog“ darüber schreiben. Meineke liebt solche Probleme. Sie sind einer der Gründe, warum er sich entschied, Bürgermeister zu werden - mit 27 Jahren.

Das war vor vier Jahren. Seither regiert er Wennigsen, eine an Attraktionen nicht überreiche Gemeinde von 15.000 Einwohnern am Fuße des Deisters südlich von Hannover. Als er sein Amt antrat, war er einer der jüngsten Bürgermeister Deutschlands, trat in Talkshows auf, wurde ständig interviewt. Alle wollten von ihm wissen: Wieso macht einer so was? Beschäftigt sich mit Abwasser und Wanderparkplätzen, anstatt wie seine Kommilitonen zur Weltbank zu gehen oder nach Brüssel? Und das auch noch ohne Parteiapparat im Rücken, als Parteiloser?

meineke2 © Franz Bischof Vergrößern 10 Uhr, Kläranlage

Ein normaler Tag im Leben des Bürgermeisters beginnt mit Kaffee und Zeitung: Die „Deister-Leine-Zeitung“, die „Calenberger Zeitung“, die „Hannoversche Allgemeine“. Wenn er sie durch hat, macht er einen roten Strich auf die Titelseite. Rot ist im Rathaus die Farbe des Bürgermeisters, das war nicht zu ändern, auch wenn Meineke lieber Grün benutzen würde. Grün hat schon das Rechnungsprüfungsamt.

Im Klärwerk ist eigentlich nicht viel zu bereden

Seinen Kaffee trinkt Meineke in großen Schlücken aus einer Tasse, auf der steht „Mein Herz schlägt für Wennigsen. Und Deins?“ Ein Bürgermeister muss viel Kaffee vertragen, „zwei Liter Minimum am Tag“, denn wo er hinkommt, wird ihm eine Tasse angeboten. Auch die Mitarbeiter der Kläranlage haben schon große Thermosflaschen auf den Tisch gestellt, und weil es eigentlich nicht viel zu bereden gibt, ist es gut, dass man Milchpulver in die Becher rühren kann. Mit seinem feinen Anzug wirkt Meineke wie ein Fremdkörper in dem verrauchten, überheizten Raum, dessen Wände in den Farben von „Hannover 96“ gestrichen sind und dessen Eingang ein Playboy-Hase ziert.

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