Home
http://www.faz.net/-gpf-769iu
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Plagiatsvorwurf Schavan wird wohl den Titel verlieren

Kurz vor der entscheidenden Sitzung des Fakultätsrates zum Doktortitel von Bildungsministerin Schavan (CDU) ist ein Heft mit Zitierregeln ihres Instituts aus dem Jahr 1978 aufgetaucht. Es soll offenbar beweisen, dass ein Gutachten über ihre Arbeit nicht mehr nötig sei.

© dpa Vergrößern Bundesbildungsministerin Annette Schavan Ende Januar vor einer Kabinettssitzung in Berlin

Kurz vor der entscheidenden Sitzung des Düsseldorfer Fakultätsrats zum Doktortitel von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) am kommenden Dienstag ist ein Heft mit Zitierregeln des Instituts für Pädagogik aus dem Jahr 1978 aufgetaucht. Der Verstoß gegen die Grundprinzipien der Zitierpflicht habe „schon manchen Wissenschaftler um Ehre und Karriere und manchen Prüfungskandidaten um den Erfolg seiner Bemühungen gebracht. Und das ist gut so“, zitierte die „Süddeutsche Zeitung“ am Samstag aus dem Heft. Geistiger Diebstahl sei kein Kavaliersdelikt. Deshalb wird in dem Heft schon für Thesenpapiere verlangt, alle wörtlichen und sinngemäßen Entlehnungen aus fremden Texten kenntlich zu machen. Auch wenn längere Ausführungen eines Autors zusammenfassend wiedergegeben werden sollten, komme an Stelle eines wörtlichen nur ein sinngemäßes Zitat in Frage, das man in eigene Worte fassen müsse, so steht es in dem 32 Seiten umfassenden Heft.

Heike Schmoll Folgen:    

Verfasst wurden die „Hinweise zur Anfertigung von Seminararbeiten“ von dem 1983 verstorbenen Düsseldorfer Schulpädagogen Wolfgang Kramp, herausgegeben hat es unter anderen der Doktorvater von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU), Gerhard Wehle, der 1974 von der Pädagogischen Hochschule in Neuss an die Universität Düsseldorf berufen worden war. Frau Schavan war zwei Semester auch studentische Hilfskraft Wehles. Der heute 87 Jahre alte Wehle hatte im vergangenen Jahr gesagt: „Die Arbeit entsprach damals absolut dem wissenschaftlichen Standard.“

Wie gelangte das Heft in die Redaktion?

Es stand nie zur Debatte, dass auch 1980, in dem Jahr also, in dem Frau Schavan ihre Doktorarbeit veröffentlichte, klar war, wie zitiert werden muss. Aufschlussreich ist jedoch, dass nach Angaben der „Süddeutschen Zeitung“ nur ein Exemplar des Heftchens greifbar ist. Das Heft befindet sich in der Nachlassbibliothek der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Wehle selbst besitzt nach eigenen Angaben keines mehr. Wie gelangte es wenige Tage vor der entscheidenden Sitzung des Fakultätsrats plötzlich an eine Redaktion? Verbirgt sich dahinter eine Strategie?

Durch eine Indiskretion war das Gutachten des Vorsitzenden des Promotionsausschusses Stefan Rohrbacher an die Öffentlichkeit gelangt, woraufhin sich die Universität beklagte, sie sei bestohlen worden. Nach dem Bekanntwerden des Gutachtens, das der damaligen Doktorandin eine „plagiierende Arbeitsweise“ und eine „leitende Täuschungsabsicht“ vorwarf, kam die Empfehlung des Promotionsausschusses an den Fakultätsrat nicht mehr überraschend, er möge das Verfahren zum Entzug des Doktorgrades eröffnen.

Vorbereitungen für den Entzug des Doktorgrades?

Auf die danach entbrannte Diskussion über das Verfahren (kein Fachgutachten, keine Anhörung des Doktorvaters) reagierte die Universität wiederum wenige Tage vor der ersten Sitzung des Fakultätsrats mit der Veröffentlichung eines einschlägigen Rechtsgutachtens, das ihr die Korrektheit ihres Vorgehens aus verwaltungsverfahrensrechtlicher Perspektive bestätigte. So konnte auch die Entscheidung des Fakultätsrats, das Verfahren zum Entzug zu eröffnen, in den Augen der Öffentlichkeit nur noch logisch erscheinen.

Nun tauchen wenige Tage vor der zweiten Fakultätsratssitzung die Zitierregeln aus den Erziehungswissenschaften in Düsseldorf auf, die ganz offenkundig als Beweis dafür dienen sollen, dass ein Fachgutachten gar nicht mehr nötig ist. In der Logik der bisherigen Strategie wird die Öffentlichkeit jetzt darauf vorbereitet, dass der Fakultätsrat am Dienstag den Doktorgrad entziehen wird.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Plagiate an Hochschulen Fälschen ohne Folgen

Die Plagiatsforscherin Debora Weber-Wulff geht mit den deutschen Hochschulen hart ins Gericht: Abkupfern werde dickfellig hingenommen, Solidarität sei wichtiger als saubere Wissenschaft. Sie hat Recht. Mehr Von Theodor Ebert

19.04.2015, 08:00 Uhr | Beruf-Chance
Tolkien-Quiz Acht Stunden Hobbit in acht Fragen

Die Hobbit-Kinotrilogie ist komplett. Zum Lernen der wichtigsten Namen und Verwandtschaftsbeziehungen war ausreichend Zeit. Hefte raus, Quiz. Mehr Von Ulf von Rauchhaupt

12.12.2014, 13:00 Uhr | Feuilleton
ARD-Moderator Mister Sportschau Werner Zimmer gestorben

Der als Mister Sportschau bekannt gewordene Journalist Werner Zimmer ist tot. Er hatte die Sportsendung von 1966 bis 1993 moderiert und war anschließend zum stellvertretenden Intendanten des Saarländischen Rundfunks aufgestiegen. Mehr

21.04.2015, 11:03 Uhr | Feuilleton
F.A.Z.-Magazin Lesen Sie das Frankfurter Allgemeine Magazin

Hier können Sie das aktuelle Heft und ältere Ausgaben des Frankfurter Allgemeine Magazins als PDF herunterladen. Zur Ansicht benötigen Sie einen kostenlosen PDF-Reader. Mehr

13.04.2015, 01:18 Uhr | Stil
Exportschlager Man lernt Deutsch - fast überall

Deutsch als Fremdsprache wird in vielen Gegenden der Welt immer beliebter. Nirgends lernen heute mehr Menschen die Sprache Goethes als in Polen. Doch in Frankreich ist der Unterricht gefährdet. Mehr Von Heike Schmoll, Berlin

21.04.2015, 16:54 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 03.02.2013, 14:58 Uhr

Leugnen und vergessen

Von Rainer Hermann

Der Völkermord an den Armeniern war eine Voraussetzung für die Gründung der Republik. Ihn einzugestehen würde für die Türken bedeuten, diese zu beflecken. Mehr 18 22