Home
http://www.faz.net/-gpf-73rdb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Plagiatsaffäre Schavan Cui bono?

Fast schien das Schicksal Annette Schavans besiegelt. Aber sie entschied sich zu kämpfen. Die Forschungsgemeinde steht ihrer Ministerin in der Plagiatsaffäre bei.

© dapd Vergrößern Bedrängt, unterstützt: Annette Schavan im Bundestag

Ein wenig bleich sah sie aus und ein wenig müde. Das knallrote Jackett signalisierte, was sie zuvor angekündigt hatte: Sie kämpft. Als sie zum Rednerpult ging, war ihr nichts anzumerken. Zweimal sprach Bildungsministerin Annette Schavan am Donnerstag im Bundestag. Zwei routinierte viertelstündige Beiträge, kompetent und eloquent wie immer. Ein bemerkenswert souveräner Auftritt für eine Ministerin, deren Stuhl Anfang der Woche heftig gewackelt hatte. Da nämlich war ein Papier des Vorsitzenden des Promotionsausschusses der Universität Düsseldorf bekanntgeworden, in dem im Zusammenhang mit der Doktorarbeit der Forschungsministerin von einer „leitenden Täuschungsabsicht“ die Rede ist. Seit im Mai ein anonymer Plagiatsjäger im Internet Vorwürfe gegen die Dissertation Schavans erhoben hatte, hatte der Judaist Stefan Rohrbacher im Auftrag der Universität die Doktorarbeit der Forschungsministerin einer sorgfältigen Prüfung unterzogen. Er war zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich bei insgesamt sechzig inkriminierten Textstellen nicht um handwerkliche Fehler, sondern um bewusste Täuschung handeln müsse.

Eine Bildungsministerin, die in ihrer Doktorarbeit betrügt? Fast schien das Schicksal Annette Schavans besiegelt. Aber sie entschied sich zu kämpfen. Und sie kämpft gut. „Sehr geschickt“ sei sie vorgegangen, sagen in der CDU selbst diejenigen, die ihr wenig wohlgesinnt sind. Am Pranger steht inzwischen nicht mehr die Ministerin, sondern die Universität Düsseldorf und der Promotionsausschuss, aus dessen Reihen das Papier an die Öffentlichkeit gelangte. Der berechtigten Kritik an „Durchstechereien“ folgten Beanstandungen des Verfahrens: Die Beklagte selbst müsse gehört werden, es bedürfe weiterer Stellungnahmen von Vertretern ihres Faches, der Erziehungswissenschaft. Die Universität entschuldigte sich wortreich bei der Ministerin. Außerdem erstattete sie Strafanzeige wegen unrechtmäßiger Weitergabe von Informationen. Alles deutet darauf hin, dass es nicht bei dem Votum Rohrbachers bleiben wird. Mindestens eine weitere Prüfung solle es geben. Genaueres weiß man nicht, da sich die Universität Düsseldorf inzwischen nicht mehr äußern darf. Dafür haben die Anwälte der Ministerin gesorgt.

Die Ministerin kämpft nicht allein. An ihrer Seite steht geschlossen die Führung der Union. Unionsfraktionschef Volker Kauder, ein alter Weggefährte, ging in seiner Unterstützung weit über die bekannten Floskeln hinaus und verlangte, das Verfahren müsse „wegen Befangenheit und schwerer Verfahrensfehler“ eingestellt und neu begonnen werden. Von der Kanzlerin kam zunächst nur die übliche Formel vom „vollsten Vertrauen“ in die Ministerin. Aber während der Bundestagsdebatte am Donnerstag suchte sie auch mehrfach demonstrativ die Nähe zu Annette Schavan. Für mehrere Minuten setzte sie sich gar in die zweite Kabinettsreihe neben die Ministerin zu einem vertrauten Plausch.

Die baden-württembergische Landesgruppe im Bundestag hatte der bedrängten Ministerin schon auf ihrer Sitzung am Montag den Rücken gestärkt. „Die Runde sprach ihr Mut zu und äußerte die Erwartung, dass sie sich in ihrer Auffassung, sich zu wehren, bestätigt sehen werde“, sagt ein Teilnehmer. Was vielleicht noch wichtiger ist als die Rückendeckung: Die Gegner im eigenen Lager schweigen. Aus ihrem Kreisverband Alb-Donau/Ulm, von dem sich Frau Schavan so entfremdet hatte, dass er sie im vergangenen Jahr nicht als Parteitagsdelegierte nominierte, kamen diese Woche keine Querschläger. Auch der Landesverband, wo man der Ministerin wegen ihres bildungspolitischen Überraschungsangriffs zur Abschaffung der Hauptschule grollt, hielt sich bedeckt. Denn niemand hat im Moment ein Interesse daran, die Ministerin stürzen zu sehen. Rechtzeitig hatte Frau Schavan Mitte August angekündigt, auf dem im November anstehenden CDU-Parteitag auf eine weitere Kandidatur für den stellvertretenden Parteivorsitz zu verzichten, und damit für den Landesvorsitzenden Thomas Strobl den Weg in die Parteispitze frei gemacht. Jetzt will der Landesverband vor allem den Ministerposten behalten. Und da man selbst keinen naheliegenden Nachfolgekandidaten aufzubieten hätte, erscheint es vielen das Beste, die Bundestagswahl abzuwarten. „Danach ist sie sowieso weg“, heißt es. Allerdings steht Anfang Januar noch die Kandidatenaufstellung in Schavans Wahlkreis an.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ungewisse Perspektiven Wer will noch in die Wissenschaft?

Viele Teilzeitverträge, befristete Stellen und ungewisse Perspektive: Wer als Wissenschaftler Karriere machen will, der geht ein hohes Risiko ein. Tipps von Aufsteigern und Aussteigern. Mehr Von Isa Hoffinger

30.04.2015, 06:00 Uhr | Beruf-Chance
Flughafen von Donezk Blutiger Kampf um ein Symbol

Im Osten der Ukraine kämpfen Regierungstruppen und prorussische Rebellen weiter erbittert um den mittlerweile völlig zerstörten Flughafen. Weil sich sonst niemand in das Gebiet traut, fahren Freiwillige die bei den Kämpfen Verletzten in Krankenhäuser. Aber auch dort sind sie nicht sicher. Mehr

20.01.2015, 18:06 Uhr | Politik
Wechsel der Hochschule Wenn der Professor geht, fängt der Ärger an

Wenn der Chef die Hochschule wechselt, leiden Doktoranden und wissenschaftliche Mitarbeiter oft sehr darunter. Entweder sie gehen mit oder ihre Forschung ist erst mal futsch. Muss das sein? Mehr Von Marvin Milatz

28.04.2015, 06:00 Uhr | Beruf-Chance
Unterstützung im Irak 1500 zusätzliche Soldaten gegen den IS

Die vom amerikanischen Präsidenten Barack Obama genehmigten Kräfte sollen sich zwar nicht direkt an den Kämpfen beteiligen, aber irakische Truppen einschließlich kurdischer Kräfte unterstützen. Mehr

09.11.2014, 11:44 Uhr | Politik
Bildungsreform in Frankreich Deutschunterricht oder Gettoschule

In Montpellier blockieren Eltern eine Schule – sie wollen die internationalen Klassen gegen die Pläne der Bildungsministerin verteidigen. Sie fürchten wegen der geplanten Kürzung des Deutschunterrichts um die Chancen für ihre Kinder. Mehr Von Michaela Wiegel, Montpellier

05.05.2015, 09:29 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 21.10.2012, 16:03 Uhr

Wertschätzung

Von Reinhard Müller

Die Richter des Bundesverfassungsgerichts fordern eine amtsangemessene Richterbesoldung - mit Recht. Karlsruhe springt ein, wo der Gesetzgeber versagt. Mehr 19 10