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Plagiatsaffäre : Chatzimarkakis verliert Doktortitel

  • Aktualisiert am

Mehr als die Hälfte des Textes aus fremden Federn: Jorgo Chatzimarkakis verliert Doktortitel Bild: dapd

Der FDP-Politiker Jorgo Chatzimarkakis verliert in Folge der Plagiatsaffäre seinen Doktortitel. Die von der Universität Bonn eingesetzte Kommission stellte fest, dass mehr als die Hälfte der Dissertation aus fremden Federn stammt.

          Der FDP-Europapolitiker Jorgo Chatzimarkakis verliert seinen Doktortitel. Der Fakultätsrat habe einstimmig beschlossen, ihm die Doktorwürde abzuerkennen, sagte der Dekan der philosophischen Fakultät der Universität Bonn, Prof. Dr. Günther Schulz, am Mittwoch. In der Dissertation habe es zahlreiche Fälle gegeben, in denen sich aus anderen wissenschaftlichen Arbeiten entlehnte Passagen gefunden hätten, die nicht als wörtliche Übernahme gekennzeichnet gewesen seien.

          Chatzimarkakis habe Texte anderer Autoren eingefügt, deren Anfang und Ende jedoch nicht durch Anführungszeichen gekennzeichnet. Lediglich am Ende der Passagen habe er in einer Fußnote die Belegstelle genannt. Das sei unzureichend und verletze die Regeln
          wissenschaftlichen Arbeitens. „Eine solche Praxis vermittelt den Eindruck, dass hier Herr Chatzimarkakis spricht, während in
          Wirklichkeit Texte anderer Autoren reproduziert werden“, sagte Schulz.

          Kommission: Hälfte des Textes aus fremden Federn

          Die Kommission stellte fest, dass mehr als die Hälfte des Textes aus fremden Federn stammt. Das genüge nicht den Anforderungen an eine Doktorarbeit, sagte Schulz. „Wir werden verstärkte Anstrengungen unternehmen, um solche Machenschaften künftig zu verhindern. Einen absoluten Schutz gibt es leider nicht“, unterstrich Schulz.

          Der FDP-Politiker hat frustriert auf die Aberkennung seines Doktortitels reagiert. „Diese heutige Entscheidung ist sehr bitter für mich“, teilte er in Brüssel mit. Seine Dissertation sei ein „Grenzfall“ gewesen. Die Universität Bonn habe kritisiert, dass nicht ausreichend klar gewesen sei, wie sich sein eigener vom fremden Text abgrenze. Seiner Darstellung zufolge hatte er immer Quellen genannt, „jedoch ohne Gänsefüßchen“.

          Chatzimarkakis bereit zu zweiter Doktorarbeit

          Er bedauere, dass seine damals gewählte Zitierweise heute als unzureichend angesehen werde, sagte der saarländische Europa-Abgeordnete. Er wolle nun beweisen, dass er aus Fehlern lernen könne. „Ich bin bereit, eine erneute Doktorarbeit in Angriff zu nehmen.“

          Der FDP-Vorsitzende im Europaparlament, Alexander Graf Lambsdorff, bedauerte die Entscheidung der Universität Bonn. „Offenbar haben unzureichende Zitiermethoden zu diesem Schritt geführt“, erklärte er in Brüssel. „Wir begrüßen, wie offen Jorgo Chatzimarkakis mit seinem Fall umgegangen ist und auch heute noch umgeht. Für sein erneutes Promotionsverfahren drücken wir ihm die Daumen.“

          Dissertation erhielt Note „Drei“

          Chatzimarkakis selbst hatte die Philosophische Fakultät der Uni Bonn Anfang Mai um Prüfung seiner Doktorarbeit gebeten, nachdem im Internetforum „VroniPlag“ Plagiatsvorwürfe aufgetaucht waren. Der FDP-Politiker hatte seine politikwissenschaftliche Arbeit im Jahr 2000 vorgelegt. Die Dissertation trägt den Titel „Informationeller Globalismus: Kooperationsmodell globaler Ordnungspolitik am Beispiel des elektronischen Geschäftsverkehrs“. Er hatte dafür die Note „Drei“ erhalten.

          Plagiatsvorwürfe gegen Doktorarbeiten zahlreicher Politiker:

          Karl-Theodor zu Guttenberg : Wochenlang beherrschte Anfang dieses Jahres die Plagiatsaffäre um den CSU-Politiker die Schlagzeilen. Mitte Februar tauchten erste Berichte über Täuschungsvorwürfe im Zusammenhang mit seiner juristischen Doktorarbeit an der Universität Bayreuth auf. Der damalige Verteidigungsminister wies den Plagiatsvorwurf zunächst als „abstrus“ zurück, kurz darauf sprach er selbst von „gravierenden Fehlern“. Ende Februar erkannte die Uni Bayreuth Guttenberg den Doktortitel ab. Am 1. März trat der bis dahin beliebteste deutsche Politiker zurück. Eine Uni-Kommission kam schließlich im Mai nach dreimonatigen Prüfungen zu dem Schluss, dass Guttenberg vorsätzlich getäuscht hatte. Guttenberg hatte dies immer bestritten.

          Silvana Koch-Mehrin: Auch die FDP-Europaabgeordnete stolperte über Plagiatsvorwürfe gegen ihre Doktorarbeit. Mitte Mai trat Koch-Mehrin als Vorsitzende der FDP im Europäischen Parlament und als Vizepräsidentin des Parlaments zurück. Gut einen Monat später entzog die Universität Heidelberg ihr den Doktortitel. Die Uni klassifizierte mehr als 120 Stellen als Plagiate. Wie bei Guttenberg hatten auch in ihrem Fall Plagiatsjäger im Internet die Arbeit unter die Lupe genommen. Für Schlagzeilen sorgte Koch-Mehrin zuletzt Ende Juni, als sie erst nach heftiger Kritik ihren Sitz im EU-Forschungsausschuss aufgab.

          Bernd Althusmann : Der niedersächsische Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) steht erst seit wenigen Tagen wegen seiner Doktorarbeit unter Druck. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hatte in der vergangenen Woche über mögliche Regelverstöße in seiner Arbeit berichtet. Es bestehen demnach Hinweise, dass Althusmann auf 88 von 114 Seiten seiner Dissertation fremdes geistiges Eigentum verwendet habe, „ohne dies in der notwendigen Weise deutlich zu machen“. Seine an der Universität Potsdam vorgelegte Arbeit soll nun überprüft werden. Besonders heikel ist der Fall, weil Althusmann derzeit auch amtierender Vorsitzender der Kultusministerkonferenz (KMK) der Länder ist.

          Margarita Mathiopoulos: Die Doktorarbeit der Politikprofessorin und FDP-Politikerin Margarita Mathiopoulos kommt bereits ein zweites Mal auf den Prüfstand. Die Universität Bonn will sie nach Vorwürfen der Internetplattform „VroniPlag“ abermals überprüfen. Die in den 1980er Jahren vorgelegte Arbeit war bereits Anfang der 1990er Jahre in die Kritik geraten. Damals waren zwar handwerkliche Mängel festgestellt worden, die aber nicht zur Aberkennung des Doktortitels führten. Mathiopoulos war 1987 bundesweit bekannt geworden, als der damalige SPD-Vorsitzende Willy Brandt die seinerzeit parteilose Politikwissenschaftlerin zur SPD-Sprecherin machen wollte. Nach heftiger innerparteilicher Kritik daran trat Brandt vom SPD-Vorsitz zurück.

          Matthias Pröfrock: Der baden-württembergische CDU-Landtagsabgeordnete verlor Anfang Juli seinen Doktortitel. Der Promotionsausschuss der juristischen Fakultät der Universität Tübingen kam bei der Prüfung seiner Dissertation zu dem Schluss, dass sie „in nicht unerheblichem Maße fremde Texte wörtlich übernimmt, ohne dass dies kenntlich gemacht wurde.“ Pröfrock, der erst in diesem Jahr in den Stuttgarter Landtag gewählt wurde, will sein Mandat behalten.

          Uwe Brinkmann: Die Universität Hamburg entzog dem SPD-Politiker nach Plagiatsvorwürfen den Doktortitel. Seine Dissertation enthielt nicht oder nicht ausreichend gekennzeichnete Zitate. Auch gegen seine Arbeit hatten zuvor Plagiatsjäger im Internet Vorwürfe erhoben. Brinkmann war in der Vergangenheit auch Dozent an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. (afp)

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