09.12.2004 · Verdächtig oft ist in der Pisa-Studie von Bildungsergebnissen die Rede. Sie lohnt die Aufregung nicht, die darüber vor allem in Deutschland immer wieder ausbricht und die Debatte über das dreigliedrige Schulsystem abermals entfacht.
Von Heike SchmollVerdächtig oft ist in der Pisa-Studie von Bildungsergebnissen die Rede. Zur Anhebung des Leistungsniveaus haben die Kultusminister Bildungsstandards eingeführt. Doch mit Bildung haben sie nichts zu tun, allenfalls mit Bildungsvoraussetzungen.
Für eine Bildungsvorstellung, die sich mit standardisierten Zielen und genormten Ergebnissen nicht zufriedengibt, hat die Pisa-Erhebung daher auch nur eine geringe Bedeutung. Sie lohnt die Aufregung nicht, die darüber vor allem in Deutschland immer wieder ausbricht. Das auf Ranglisten fixierte Interesse der Öffentlichkeit führt zu einer fatalen Reduktion des Bildungsbegriffs.
Ökonomisches Nutzdenken
Wie sehr der funktionale Bildungsbegriff nach Pisa von ökonomischem Nutzdenken durchdrungen ist, spiegelt sich schon in den deutschen Bildungsinitiativen der vergangenen Jahre: Notebooks statt Schulbücher, um sofort ans „Wissen zu gelangen; Schulen ans Netz, um mit der Informationsgesellschaft Schritt zu halten; Fremdsprachenunterricht ab Klasse 1, um mit den Nachbarn leichter ins Geschäft zu kommen; die Einschulung schon mit vollendetem dritten Lebensjahr, um die besten Jahre nicht ungenutzt verstreichen zu lassen; Einführung der Ganztagsschule, um die Berufstätigkeit von Frauen zu fördern; Abitur nach Klasse 12, damit endlich früher mit der Ausbildung begonnen wird - und jetzt: nationale Bildungsstandards, um in der Globalisierung mithalten zu können.
Am deutlichsten tritt der ganz auf seine unmittelbare Verwertbarkeit ausgerichtete Leistungsbegriff bei den Vorgaben zur Lesefähigkeit hervor, die für die Pisa-Studien entwickelt wurden. Schon im Untertitel wird das „literacy-concept so umschrieben: „Gebrauch von gedruckten und geschriebenen Informationen für das Funktionieren in der Gesellschaft. „using printed and written information to function in society“.
Funktionale Sicht
Für Begriffstutzige wird im Text noch einmal präzisiert, was gemeint ist: eine „funktionale Sicht auf muttersprachliche, mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen als basale Kulturwerkzeuge. Der Inhalt spielt keine Rolle. Kompetenzen sind formale Fähigkeiten und Bereitschaften, die beherrschbar und meßbar sein müssen. Kompetenzen haben keinen Eigenwert, sie haben allenfalls einen Nutzwert; sie verleihen alle möglichen praktischen und abstrakten Fähigkeiten, aber führen nicht etwa zur Bildung, wie der Begriff der Bildungsstandards fälschlich vorspiegelt.
In den Standards der Kultusministerkonferenz für Deutsch heißt es in ebenfalls erschreckender Eindeutigkeit, die Schüler sollten „literarische Texte verstehen und nutzen“ können. Das muß aber weder an Goethe noch an Grass, es kann genausogut an einer Handy-Gebrauchsanweisung überprüft werden. Entsprechend inhaltsleer und methodenfixiert sind viele Lesetrainingsprogramme. Doch Lesen führt nur dann zur Lesebegeisterung, wenn den Schülern Texte vorgelegt werden, die sie fesseln.
Bildung als subjektiver Prozeß
Im Zeitalter der Reformation und des Humanismus haben Pädagogen das noch gewußt. Unterrichtsinhalte wurden danach ausgesucht, ob sie dazu geeignet waren, Schüler zu interessieren, sie intellektuell und persönlich weiterzubringen. Humanisten wie Reformatoren hätten sich einer Zerlegung des Bildungsbegriffs in Kompetenzen entschieden widersetzt, weil fachliche Bildung mit Persönlichkeitsbildung untrennbar verbunden ist. Bildung wurde als subjektiver Prozeß gesehen, in dessen Verlauf sich Schüler Inhalte aneignen, die dann in der Auseinandersetzung mit der eigenen Lebens- und Welterfahrung reflektiert und selbständig beurteilt werden konnten.
Solch eine Bildung meint gerade nicht jederzeit und überall abrufbare Informationen, sondern die Befähigung, in den unvorhersehbaren Situationen des Lebens vernünftig zu denken, zu handeln und zu entscheiden und dieses Handeln auch zu verantworten. Wissen ist immer subjektiv gebunden, deshalb kann es auch keine DIN-genormten Wege zur Bildung geben. Selbst ein Bildungskonzept, das auf volkswirtschaftliche Bedürfnisse ausgerichtet ist, kommt nicht daran vorbei, daß die Gesellschaft Menschen braucht, die nicht nur Standards erfüllen, sondern selbständig Standards setzen können.
Finnische Eigenheiten
Finnland erzielt nicht deshalb die besten Ergebnisse, weil es die Pisa-Ideologie am frühsten verinnerlicht hätte, sondern weil Bildung in der finnischen Öffentlichkeit von jeher einen hohen Stellenwert hatte. Die skandinavischen Lutheraner hatten entscheidenden Anteil daran, daß Finnland schon im 18. Jahrhundert zu den am stärksten alphabetisierten Ländern gehörte.
Während der langen Zeit schwedischer Fremdherrschaft und russischer Hegemonie war die Pflege ihrer Nationalliteratur für die Finnen der rettende Anker, der sie vor dem Verlust ihrer nationalen Identität bewahrte. Außerdem haben die Finnen schon lange Erfahrung mit Leistungstests in ihren Schulen. Sie gehören zum Alltag und erregen kein Aufsehen mehr, auch von Pisa wird kaum Notiz genommen.
Auf der Suche nach dem rechten Maß
Im Gegensatz dazu hat Deutschland jahrzehntelang darauf verzichtet, die Lernergebnisse seiner Schulen zu überprüfen. Deshalb werden die deutschen Länder noch einige Pisa-Studien brauchen, um sie ins rechte Licht zu setzen. Es wird auch noch dauern, bis für die Bewertung der zu Bildungsstandards erhobenen Testaufgaben das rechte Maß gefunden ist. Bildungsstandards und regelmäßige Leistungstests für die Schulen sind unerläßlich.
Doch beide Verfahren werden in Deutschland überbewertet, weil die prägenden Vorstellungen der europäischen Bildungstradition als überholt gelten. Bildung wird auf Kompetenzen reduziert. Sollten sich Pisa-Studien und Bildungsstandards verselbständigen, besteht die Gefahr, daß sie selbst zum Teil des Problems werden, zu dessen Lösung sie beitragen sollen. Zur Bildung führen weder Pisa noch Bildungsstandards; sie sind nicht mehr und nicht weniger als Handwerkszeug zur Leistungsmessung.
Heike Schmoll Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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