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„Pille danach“ Die Moral danach

 ·  Ob Sturm der Entrüstung oder Erleichterung: Nichts zeigt deutlicher als die Karriere der „Pille danach“, was die Gesellschaft von der Morallehre der Katholischen Kirche erwartet. Nichts.

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Das hatte der Kölner Kardinal Meisner sich nicht vorgestellt: Kaum hatte er in Abstimmung mit der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre und der Päpstlichen Akademie für das Leben einer „Pille danach“ die Absolution erteilt, sofern sie nicht abtreibend wirke oder die Einnistung einer befruchteten Eizelle in die Gebärmutter verhindere, war der Sturm der Entrüstung groß.

Ebenso heftig aber war die Erleichterung darüber, dass einer der Kirchenoberen den Mut gehabt haben könnte, aus dem Moralgetto auszubrechen, in dem sich die Kirche seit dem kategorischen Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung eingerichtet hat.

Dass Meisner seinen Vorstoß mit Rom, nicht aber mit der für Deutschland mindestens ebenso zuständigen Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz abgesprochen hatte, mochte für ihn noch angehen - wird diese doch von dem Mainzer Kardinal Lehmann geleitet, auf den Rücksicht zu nehmen Meisner noch nie für notwendig hielt.

Doch auch andere Gremien in Deutschland wollen dem Kölner Kardinal nicht ohne Weiteres folgen. Genauso, wie es Meisner jetzt aus den Reihen der Pro-Life-Aktivisten in den Vereinigten Staaten entgegenschallt, halten viele Moraltheologen und Medizinethiker dafür, dass die Wirkprinzipien der verschiedenen „Pillen danach“ soweit geklärt sind, dass „tödliche“ Nebenwirkungen mit Sicherheit ausgeschlossen werden können.

Genau darauf kommt es nach der Logik der katholischen Kirche an, wonach menschliches Leben mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle beginnt: Alles, was darauf abzielt, dieses Leben bewusst zu vernichten, ist von Übel - es sei denn, ein Arzt steht in einem späteren Stadium der Schwangerschaft vor der Wahl, auch das Leben der Mutter aufs Spiel zu setzen, wenn er das Kind nicht tötet.

Die Bischofskonferenz hat diese „vorsichtige“ Linie bekräftigt - nicht ohne indirekten Hinweis darauf, dass die „Pille danach“ zu einem Verhütungsmittel und Instrument der Familienplanung geworden ist. Mittlerweile werde diese Pille mehr als 400.000 Mal im Jahr verschrieben, in jedem dritten Fall für Frauen im Alter von weniger als zwanzig Jahren. Längst steht von interessierter Seite auch die Forderung im Raum, diese Pillen ohne Rezept verfügbar zu machen. Nichts zeigt deutlicher als die Karriere der „Pille danach“, was die Gesellschaft von der Morallehre der Kirche erwartet. Nichts.

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21.02.2013, 17:31 Uhr

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