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PID-Verordnung Mehr als ein Unbehagen

 ·  In Ausnahmefällen wird die Präimplantationsdiagnostik in Zukunft erlaubt. Alle Beteiligten müssen nun sehr genau aufpassen. Damit die Ausnahme vom Verbot nicht irgendwann die Regel wird.

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© dpa Vergrößern Jeder Einzelfall, in dem die Präimplantationsdiagnostik angewendet werden soll, muss von einer Ethikkommission genehmigt werden

Ein Paar wünscht sich ein Kind. Wie jedes Paar wünscht es sich natürlich ein gesundes Kind. Aber es gibt ein Risiko, dass das Kind, das diese Frau und dieser Mann zusammen bekommen wollen, eine schwere Erbkrankheit hat; vielleicht haben die beiden auch schon ein krankes Kind. Bisher verlief ein möglicher Weg für ein solches Paar so: Die Frau wird schwanger, ein Arzt macht eine Pränataldiagnostik, kurz PND. Er prüft dabei, ob der Embryo mit hoher Wahrscheinlichkeit krank ist. Wenn nein, kann das Paar aufatmen. Und wenn ja? Schwangerschaftsabbrüche sind in Deutschland bis zur zwölften Woche rechtswidrig, aber straffrei. Die beiden Partner sind nun in einer schlimmen Situation. Sie könnten sich für eine Abtreibung entscheiden und es später noch einmal versuchen. Dann ginge alles wieder von vorne los.

Für solche Paare gibt es jetzt einen neuen Weg. Auch dieser ist für die Frauen und auch für die Männer, die sich dafür entscheiden, beschwerlich: körperlich, seelisch - und moralisch. Denn auch hier geht es um Krankheit, um Leben und um Tod. Und um die Frage: Rechtfertigt es der Wunsch nach einem gesunden Kind, aus einer Menge künstlich erzeugter Embryonen gesunde auszuwählen und kranke zu „verwerfen“? Die Präimplantationsdiagnostik, kurz PID, ist in Deutschland im Gegensatz zur PND verboten - grundsätzlich. Das steht seit 2011 im Embryonenschutzgesetz: Wer Zellen eines im Reagenzglas erzeugten Embryos vor dem Einsetzen in die Gebärmutter genetisch untersucht, muss mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder mit einer Geldstrafe rechnen. Der Bundestag hatte die Einführung des Paragraphen 3a nach einer emotionalen, ernsten Debatte beschlossen.

Kritiker befürchten „Kommissions-Hopping“

Das Verbot der PID ist aber nur der erste Absatz des neuen Paragrafen. Die folgenden Absätze erlauben die PID in Ausnahmefällen: wenn das Risiko einer schwerwiegenden Erbkrankheit hoch ist oder wenn die Gefahr besteht, dass der Embryo so schwerwiegend geschädigt ist, dass eine Tot- oder Fehlgeburt wahrscheinlich ist. Diese Ausnahmen regelt eine Rechtsverordnung des Bundesgesundheitsministeriums, und der Bundesrat hat ihr erst am Freitag zugestimmt. Deshalb war die Rechtslage mehr als anderthalb Jahre unklar. Es gab Streit über die Zahl der Zentren, die PID anbieten dürfen, über die Zahl der Ethikkommissionen, die jede PID erlauben müssen, und darüber, ob in einer solchen Kommission die Ärzte in der Überzahl sein sollten oder die Kirchenleute und Ethiker.

Die Länderkammer hat den Entwurf bedauerlicherweise nur leicht verändert: Die Zahl der PID-Zentren soll sich an „Bedarf und öffentlichem Interesse“ orientieren, und die Ethikkommissionen sollen nicht nur medizinische, sondern auch andere Aspekte berücksichtigen, etwa die Frage, ob ein Paar schon ein krankes Kind hat. Dafür lenkte der Bundesrat an anderer Stelle ein: Die Zahl der Kommissionen wird nicht begrenzt, und die Ärzte bleiben darin in der Überzahl. Kritiker befürchten hier wahrscheinlich zu Recht ein „Kommissions-Hopping“, wenn sich herumgesprochen hat, welche eher liberal und welche eher streng sind.

Die Angst speist sich aus zwei Quellen

Gesundheitsminister Daniel Bahr freut sich, dass es jetzt „endlich Rechtssicherheit“ für alle Beteiligten geben wird. Außer den Paaren sind das auch die Ärzte in den PID-Zentren. Ihnen gibt die neue Rechtslage eine große Verantwortung. Nur: Wie will man ausschließen, dass manche Reproduktionsmediziner die jetzige Regelung missbrauchen? Dass sie Paare nach einer PID nebenbei fragen: Von den gesunden Embryonen hätte ich ein Mädchen und einen Jungen im Angebot, welchen sollen wir nehmen? Das kann man nicht ausschließen. Sorge bereitet auch die zweite Ausnahme vom PID-Verbot: wenn wegen möglicher schwerer Schädigung des Embryos eine Fehl- oder Totgeburt droht. Hier sind Ärzte abermals in der Pflicht, bei künstlichen Befruchtungen älterer Frauen nicht gleich eine PID mitzumachen, nur weil bei diesen Frauen zum Beispiel das Trisomie-21-Risiko höher ist. Insofern ist es auch gut, dass die Verordnung die Zahl der PID-Zentren begrenzt. So ist deren Kontrolle leichter. Allerdings gibt es keine konkret empfohlene Zahl - Politiker verschiedener Parteien hatten zuletzt gefordert, es dürfe nicht mehr als zwei bis drei solcher Zentren geben.

Am Ende bleibt mehr als ein Unbehagen. Selbst wenn die Gefahr von sogenannten Designerbabys angesichts der medizinischen und ethischen Prüfung jedes Einzelfalls gering erscheint; selbst wenn man es jedem Paar wünscht, ein gesundes Kind zu bekommen; selbst wenn es hier, sofern die Ärzte ihrer Verantwortung gerecht werden, wahrscheinlich um nur wenige hundert Fälle im Jahr geht. Die Angst speist sich aus zwei Quellen: zum einen aus dem christlichen Ja zu jedem Leben, zum anderen aus der deutschen Geschichte, die wachsam werden lässt bei jeder Art von Selektion. Alle Beteiligten müssen sehr genau aufpassen. Damit die Ausnahme vom Verbot nicht irgendwann die Regel wird.

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02.02.2013, 17:32 Uhr

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