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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Philipp Rösler Nimm das nächste Pferd

Kurz vor Mitternacht begleitet Philipp Rösler seinen Gast noch durch die verlassenen Flure seines Ministeriums zur Pforte. Dann kehrt er zurück ins Büro, wo noch die Akten warten. Er übernachtet in einem Hinterzimmer.

© dpa Vergrößern „Ich habe das überstanden. Ich bin zäh“ – Philipp Rösler im September 2012 in Hanoi

Ein Lied von Udo Jürgens heißt: „Zieh den Kopf aus der Schlinge Bruder John“, und der Refrain geht so: „Nimm das nächste Pferd, und reite schnell davon, / denn was nützt es, wenn du lieb bist, / aber hinterher ein Sieb bist, / zieh den Kopf aus der Schlinge, Bruder John.“ Den Bruder John der FDP findet man derzeit im Wirtschaftsministerium. Philipp Rösler ist ein Fan von Udo Jürgens und aus der FDP wird derzeit scharf auf Rösler geschossen. Meist aus dem Hinterhalt. Der Mann wird durchsiebt.

Mal ist er „der Nette“, der es nicht kann, mal der „Wirtschaftsminister aus Vietnam“. „Der ist weg“, flüstert ein FDP-Abgeordneter seinem Nachbarn zu, als der Parteivorsitzende zu einem Mittagessen im Parlament eintrifft. „Niemand in der Fraktion kann sich vorstellen, mit dem in den Wahlkampf zu ziehen“, seufzt ein FDP-Hinterbänkler im Café Einstein. „Eine einzige Katastrophe“, sagt ein Präsidiumsmitglied über den Zustand seiner Partei. Wolfgang Kubicki antwortet im Fernsehen unter dem Gelächter des Studiopublikums auf die Frage, ob er Rösler noch mal wählen würde: „...wenn ansonsten niemand kandidiert“. Ein paar Tage später schweigt Kubicki lautstark, als der Talkshow-Moderator den Parteivorsitzenden in billigen Alltagsrassismus tunkt und zu Kubicki sagt: „Wenn Rösler das beim Abendessen sieht, fallen ihm hoffentlich nicht die Stäbchen aus der Hand.“ Reaktionen aus der Partei: keine.

Traditionsreiches Haus in geschichtsträchtiger Umgebung

Freitagmorgens um halb neun. Frühstückstermin beim Bundeswirtschaftsminister. Philipp Rösler trägt eine ausgewaschene Jeans. Unter dem offenen Hemdkragen schaut ein weißes T-Shirt hervor. Der FDP-Politiker wirkt wie der Chef eines jungen Start-up-Unternehmens. Das Büro des Ministers hat die Größe eines kleinen Tanzsaales, holzvertäfelte Gediegenheit mit einem Hauch von Moderne. Angeblich ließ einer von Röslers Vorgängern in die Schränke versteckt Stereo-Boxen einbauen, um Wagner oder Beethoven zu hören. Rösler hat nicht nachgeschaut, er bringt sein iPhone und seine Kopfhörer mit ins Büro. Udo Jürgens hören. Einmal hat er sogar versucht, Angela Merkel für ein Konzert des Schlagersängers zu begeistern. Es wurde nichts daraus.

Deutscher Bundestag - Nach mehrmonatiger Diskussion entscheidet der Bundestag in Berlin in abschließender Lesung über die Erweiterung des Euro-Rettungsfonds "Europäische Finanzstabilisierungsfazilität" (EFSF). © Anna Jockisch Vergrößern In Berlin: Rösler, der Vizekanzler

Das gilt für viele Vorhaben Röslers, die er damals, im Juni 2011, beim Frühstück für seine Partei plante. Er war eben mit einem 95-Prozent-Ergebnis zum Vorsitzenden gewählt worden. Über Sacharbeit und Regierungserfolge wollte er die Partei nach wochenlangen Personaldebatten und Westerwelles Abgang wieder auf Erfolgskurs bringen und „liefern“. 17 Monate später, im November 2012, steckt die FDP noch immer in der Krise: Umfragewerte bei vier Prozent, der Parteivorsitzende unbeliebt, das Präsidium zerstritten. Eben hat Rösler im Koalitionsgerangel seine Zustimmung zum Betreuungsgeld gegen die Abschaffung der Praxisgebühr eingetauscht. Die FDP spricht von einem Erfolg und einem Wendepunkt.

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