18.10.2009 · Der Vorsitzende der Jungen Union weiß, dass einem Politik fast alles bedeuten muss, wenn man Erfolg haben will. Den kann man Philipp Mißfelder in seiner Organisation nicht absprechen. Doch auf Dauer wird er sich anderweitig profilieren müssen.
Von Timo FraschDer 30 Jahre alte Philipp Mißfelder hat mehrmals erfahren, dass Politik zur einzigen Lebensoption nicht taugt: Er hat es häufiger mit Volker Kauder zu tun bekommen, der vor wichtigen Abstimmungen im Bundestag die jungen Leute schon einmal daran erinnert, dass sie noch was werden wollten. Er hat 2002 Zweifel an seiner politischen Zukunft genährt, als er äußerte, staatlich finanzierte Hüftgelenke für Fünfundachtzigjährige seien entbehrlich. Und er musste einen Artikel in einer Zeitschrift über sich ergehen lassen, die in ihm einen Karrieristen sehen wollte, der für ein Lächeln der Kanzlerin seine fehlenden Ideale preisgebe.
Dabei weiß der studierte Historiker nur, dass es sich nicht lohnt, gegen Windmühlen zu kämpfen, und dass einem Politik fast alles bedeuten muss, wenn man Erfolg haben will. Den kann man dem Vorsitzenden der Jungen Union seit 2002 nicht absprechen. Seine Organisation, die er auch mit Hilfe moderner Kommunikationsmittel wie Twitter und Facebook zu seiner Hausmacht ausgebaut hat, hat an Mitgliedern gewonnen. Sie ist unter ihm in den Medien deutlich präsenter geworden. Und die Älteren derer, die am Wochenende zum Deutschlandtag kamen, wissen zu schätzen, dass sich das Treffen auch wegen Mißfelder zu einem Event gemausert hat, für das es sich lohnt, weite Anreisewege auf sich zu nehmen.
„Guter Kontakt“ zur Kanzlerin
Mißfelder will sich im kommenden Jahr wieder wählen lassen. Ernsthafte Konkurrenz hat er nicht. Er weiß aber auch, dass er nicht ewig den Spagat zwischen seinem sozialdemokratisch geprägten Wahlkreis Recklinghausen, in dem er gut dreißig Prozent der Erststimmen holte, dem JU-Vorsitz und den eigenen Karriereansprüchen aushalten kann. Er muss sich fachpolitisch stärker profilieren, am naheliegendsten in der Wirtschaftspolitik. Er gilt als Wirtschaftsliberaler und Konservativer, der freilich zum „Arbeiterführer“ Rüttgers, der ihn ins Parteipräsidium brachte, ein ähnlich gutes Verhältnis pflegt wie zu Roland Koch. Mit der Kanzlerin habe er „guten Kontakt“, auch wenn er sich wünschte, sie würde das Konservative in der Union stärker akzentuieren. Ebendaran hat sich der Stahlfacharbeitersohn, der nebenbei Buchprojekte für einen Verlag betreut, vor zwei Jahren selbst versucht: mit dem „Einstein-Pakt“, dem sich sein JU-Freund Hendrik Wüst sowie der Bayer Markus Söder und der Baden-Württemberger Stefan Mappus anschlossen. Das gemeinsame Papier entfachte aber nur ein Strohfeuer. Bald soll es wieder ein Treffen der Gruppe geben, die einen modernen Konservatismus konkretisieren will.
Wer Mißfelder Böses will, schrieb in der Vergangenheit über seine Figur, an der er mittlerweile erfolgreich im Fitnessstudio arbeitet. Man schrieb, dass er bei einem Termin nur ein Glas Wein trank, um zu dokumentieren, dass er sich nicht gehen lassen könne – oder, dass er zwei Flaschen Wein trank, um zu beweisen, dass er gefrustet sei. An diesem Sonntagmorgen gegen halb sechs war Mißfelder eher im Promillebereich der zwei Flaschen. Er war entspannt. Für seine Augenringe ist weniger der Alkohol als vielmehr seine Tochter verantwortlich, die seine Frau, eine angehende Ärztin, vor fünf Wochen zur Welt brachte.