Zweieinhalb Wochen lang ist Petra Roth noch Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt, ihr Abschied wird heute schon gefeiert. Und wie: Der Festakt findet in der Paulskirche statt, die Kanzlerin spricht, das Ensemble Modern spielt. Das anspruchsvolle Programm spiegelt das Selbstbild Frau Roths. Mit der Ortswahl stellt sich die CDU-Politikerin in die beste, demokratische Tradition der deutschen Geschichte, die Festrednerin bestätigt die überregionale Bekanntheit, und das Weltklasse-Orchester, das vor allem die Musik der Avantgarde pflegt, belegt den erlesenen Kunstgeschmack der zu Ehrenden.
Selbst Walter Wallmann, der die Stadt von 1977 bis 1986 regierte und anders als seine beiden sozialdemokratischen Nachfolger bleibende Spuren im Stadtbild hinterlassen hat, begnügte sich einst mit einer Abschiedsfeier im Kaisersaal des Rathauses Römer. Und doch empfindet niemand in der Stadt die Prachtentfaltung zu Roths Abschied als unangemessen. Die 68 Jahre alte gebürtige Bremerin, die als junge Frau nach Frankfurt zog, hat in den 17 Jahren ihrer Amtszeit ohne Zweifel eine Ära geprägt.
Bürgergesellschaft nicht nur in Sonntagsreden
Ihr Einfluss ist nicht so sehr an einzelnen Prestigeprojekten festzumachen, so wie etwa das Museumsufer mit dem Namen Wallmanns verbunden ist. Sicher, die Ansiedlung der Europäischen Zentralbank, der Aufbau eines neuen Universitätscampus im Westend und der Beschluss zum Wiederaufbau der Altstadt fallen in ihre Amtszeit. Doch es waren nicht im engeren Sinne ihre eigenen Vorhaben.
Frau Roths entscheidende Leistung liegt darin, das Selbstbild der Frankfurter verändert zu haben. Die vielbeschworene Bürgergesellschaft, in der ehrenamtliches Engagement großgeschrieben wird, ist hier nicht nur Wunschbild in Sonntagsreden, sie wird gelebt. Das Kulturleben blüht wie selten zuvor. Das konservative und das alternative Milieu nähern sich an, wie die seit sechs Jahren gut funktionierende schwarz-grüne Koalition zeigt.
Wie schnell verblasst die Erinnerung?
Frau Roth hat zu all dem durch ihre Präsenz beigetragen, im doppelten Sinn des Wortes. Betritt sie einen Raum, dann wird das bemerkt, spricht sie, dann hat sie die Aufmerksamkeit der Zuhörer. Die Reichen und Mächtigen schätzen ihre Anwesenheit, und Frau Roth versteht es, diese im Gegenzug für eine gute Sache in die Pflicht zu nehmen. Sie, die keine Berührungsängste kennt, zeigt sich gern und oft in der Stadt. Auf Volksfesten ist sie genauso zu sehen wie bei Opernpremieren. Veranstaltungen, die an Klamauk rührten und mit der Würde des Amts nicht vereinbar waren, wusste sie dabei mit sicherem Gespür zu meiden.
Sie wird fehlen, keine Frage. Aber die Erinnerung an ihre Zeit wird vermutlich schnell verblassen, da macht sie sich selbst keine großen Illusionen. Gleichwohl wird ihr Nachfolger, der Sozialdemokrat Peter Feldmann, zumindest am Anfang an jenem Glanz gemessen werden, den Frau Roth zu verbreiten wusste. Er ist hoffentlich klug genug, einen eigenen Stil zu prägen.
Ludes et circenses
Günter Jäger (rohrbacher)
- 11.06.2012, 15:56 Uhr