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Aktualisiert: 05.01.2015, 10:25 Uhr

Pegida-Proteste Schrecklich einfach

Pegida ist nur die Spitze des Eisbergs. Auf der endlosen Montagsdemonstration im Internet werden der Politik und den Medien schon lange hasserfüllte Vorwürfe gemacht. Doch ist es wirklich „das Volk“, das da Gift und Galle gegen die „herrschenden Eliten“ speit? Ein Kommentar.

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© dpa Pegida-Demonstration in Dresden. Wir sind das Volk?

Die Koalitionen der Kanzlerin werden immer größer. Der Appell Angela Merkels, nicht jenen zu folgen, die „mit Hass in den Herzen“ zu Demonstrationen gegen die angebliche Islamisierung des Abendlandes aufrufen, brachte ihr Lob von allen im Bundestag vertretenen Oppositionsparteien ein, selbst noch von der Linken. Offen kritisiert wurde sie nur von der AfD, die als Schutzherrin der umstrittenen „Bewegung“ auftritt, ohne sich schon einig zu sein, ob sie das wirklich wollen soll. Aber auch die Ablehnungsphalanx der „Altparteien“ ist nicht so geschlossen, wie die AfD, die Pegida-Aktivisten und die Bundeskanzlerin es gerne hätten.

Berthold  Kohler Folgen:

Merkels Festlegung kann nicht verdecken, dass Union und SPD ebenfalls noch mit der Frage ringen, was Pegida wirklich ist und wie damit umzugehen sei. Der sich unter dieser Fahne sammelnde Protest ist zu vielschichtig, als dass man ihn nur in der Schublade ablegen könnte, die der Justizminister reflexartig aufzog nach dem Motto: hat doch immer so gut funktioniert.

© dpa, reuters Merkel warnt vor Pegida-Protesten

Es stimmt: Rechtsradikale machen sich die Demonstrationen zunutze. Diese Leute und ihre Motive sind eine Schande und eine Gefahr für Deutschland. Doch nicht jeder, der mitmarschiert oder auch nur mit dem Protest sympathisiert, ist ein Nazi. Auch geht es – und das müsste der Politik viel größere Sorgen machen – nicht nur um die „Islamisierung“. Sie ist eine Chiffre für einen umfassenderen Vorwurf: den eines weit über die Felder von Einwanderung und Integration hinausreichenden Politikversagens, um nicht zu sagen Politikverbrechens.

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„Aufstand gegen das System“

Diese Beschuldigung wird auf der endlosen Montagsdemonstration in der digitalen Welt schon lange erhoben. Was sich auf Dresdens Straßen zeigt, ist nur die Spitze des Eisbergs, der im Meer des Internets treibt. Dort tobt seit Jahren ein Aufstand gegen „das System“ und alle, die es tragen, in Berlin, in Brüssel, in Washington. Im Grunde geht es überall gegen die „herrschenden Eliten“: in der Politik, in der Wirtschaft, in den Medien. Ihnen wird vorgeworfen, aus Eigennutz (Geld und/oder Macht) „das Volk“ für dumm zu verkaufen. Oder selbst so dumm zu sein, dass es nicht einmal dafür reicht.

Zeitgenossen, die nicht erkennen wollen, dass eigentlich hinter allem – 11. September, Krim, Euro-Krise, Ölpreis, Abschaffung des Abendlandes – der amerikanische Jahrtausendplan zur Beherrschung der Welt steckt, werden zu Idioten oder willigen Helfern der CIA deklariert. Die Verschwörungstheorie ist in den unendlichen Tiefen des Internets zur alles erklärenden Weltformel geworden. Diesen Wachstumsmarkt haben sich auch schon geschäftstüchtige „Enthüller“ erschlossen, die der phantastischen Literatur zu einem neuen Subgenre verhalfen: dem als Sachbuch verkleideten Schauerroman. In ihm wird dem fröstelnden Leser erzählt, wie die Welt in Wahrheit sei – einfach schrecklich, schrecklich einfach.

Sehnsucht nach simplen Lösungen

Das ist auch das Geheimnis von Pegida. Sie bedient die Sehnsucht nach simplen Lösungen für politische Probleme, die als immer undurchschaubarer empfunden werden. In keinem der Dresdner Slogans kam diese Sehnsucht besser zum Ausdruck als in: „Putin, hilf!“ Ein autoritärer Führer, der, ungebremst von einem Parlament, tun kann, was er für richtig hält, wird als fünfzehnter Nothelfer angerufen. Im Namen des Volkes geht es mit der Parole Putin gegen die Demokratie.

Dahinter steckt nicht bloße Unzufriedenheit, die auch schon schwer zu erklären wäre. Waren die Deutschen in Ost und West jemals freier? Noch nie ging es ihnen so gut wie jetzt. Noch nie hatte jeder einzelne solche Möglichkeiten, den Rest der Republik von seinen Ansichten zu überzeugen. Doch wird davon wenig Gebrauch gemacht. Die Internetforen sind trotz vieler besonnener Stimmen oft zu Orten verkommen, wo unter den Bannern der Meinungsfreiheit und der Toleranz Andersdenkende beleidigt und diffamiert werden. Internetportale, die nicht länger als Vehikel für Schmähungen, Falschbehauptungen und Propaganda dienen wollen, werden mit dem Vorwurf der „Zensur“ überzogen. Das ist noch lange nicht die absurdeste Unterstellung, auf die man stößt.

Belege des Hasses

Doch woher bezieht die Radikalisierung in Inhalt und Ton ihre Energie? Die Quelle dafür ist, da hat die Kanzlerin recht, oft schierer Hass. Hass auf Systeme jeder Art, denen man nicht mehr angehören will oder darf; Hass auf Menschen, die erfolgreich(er) sind und schon deswegen korrupte Schweine sein müssen; Hass auf alle, die das partout nicht so sehen wollen. Die Postfächer der Politik und der Medien werden geflutet mit Belegen dieses Hasses. Denn erstmals verschafft ein Massenmedium jenen, die sich übergangen und zensiert fühlen, die grenzen- und kostenlose Möglichkeit, ihre Wut auf die angeblichen Unterdrücker und Zensoren auszuleben, zu teilen und sich gegenseitig zu versichern: Wir sind nicht allein.

Doch ist es wirklich „das Volk“, das da Gift und Galle speit? Die große Mehrheit hat offensichtlich immer noch Besseres zu tun, als tagsüber auf Pegida-Demonstrationen zu gehen und nachts Hasstiraden in den Computer zu hacken. Die Besitzer der Wahrheit können selbstverständlich auch das erklären: Die breite Masse lasse sich einfach immer noch zu sehr von der „Lügenpresse“ und den „Mainstream“-Parteien steuern. Das zu erkennen ist natürlich nur wenigen vorbehalten: einer Elite, die alle anderen Eliten verteufelt.

Quelle: wahlrecht.de
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