http://www.faz.net/-gpf-8aa51

Pegida : Aus diesem Schoß kann etwas kriechen

Unterstützer der Pegida-Bewegung marschieren durch die Innenstadt von Dresden. Bild: AFP

Der befürchtete Zulauf nach der Blutnacht von Paris blieb für die Pegida-Bewegung aus. Dafür wird ihre Rhetorik immer menschenverachtender. Wohin führen die Hasspredigten auf dem Dresdener Theaterplatz?

          Da wehen sie wieder, die Fahnen des selbsternannten nationalen Widerstandes. Sie strecken sich im Südwestwind, der dem nahenden Regen vorauseilt, über den Köpfen der Demonstranten, auf dem Platz zwischen Semperoper und der katholischen Hofkirche, diesen Symbolen von Humanismus, Toleranz und abendländischer Kultur.

          Es wehen ungeheuer viele Flaggen, die Pegida-Bewegung liebt den Fahnenkult, die versteckten Codes der Farben, Wappen, Runen, sie ist ausgesprochen vielschichtig und für einen nicht Eingeweihten ist es schwer, anhand der Tücher herauszufinden, was diese Menge wohl einen könnte. Ist es der Hass auf den Islam? Der Hass auf die Regierung? Der Hass auf die vermeintlich Verantwortlichen für tief empfundene Verunsicherung und Unordnung?

          Vor allem ist es eine Sehnsucht nach der hart bis rücksichtslos ordnenden Hand. „So jedenfalls geht es nicht weiter“, ist der kleinste gemeinsame Nenner, den hier fast jeder Zuhörer formuliert. Wenn diese Sehnsucht „rechts“ ist, dann sind hier fast alle Schattierungen jenseits der Union vertreten. Die Nationalbewussten sind da und sorgen sich schlicht um „unser Deutschland“. Die Amerikahasser sind gekommen und schwenken ihre Russland-Fahnen oder Tafeln mit der Aufschrift „Ami, verpiss Dich“. Die Anhänger der jungen identitären Bewegung recken das Lambda ihrer völkischen Vereinigung in den Abendhimmel. Das gelbe Kreuz auf blauem Grund, das Zeichen der Europäischen Aktion, ist mehrfach zu sehen, einer Gruppierung von Holocaust-Leugnern.

          Die Südstaatenflagge flappt im Wind, ein untrügliches Symbol für rassistische Gesinnung. Unter mehreren israelischen Flaggen haben sich Berliner Antimuslime versammelt und ein älterer Herr schwenkt die thailändische Fahne, die neuerdings als Signal für NS-Sympathisanten herhalten muss. Es gibt ganz wenige Deutschlandfahnen, dafür aber ganz viele Flaggen in deutschen Farben nach skandinavischem Muster, das schwarze Kreuz mit gelbem Rand auf rotem Grund, die sogenannte Wirmer-Flagge, entworfen von Josef Wirmer für die Widerstandsbewegung des 20. Juli 1944.

          Unzufrieden mit der Freiheit

          Zum Grauen von Wirmers Nachfahren ist das einstige Kampf-Symbol für Demokratie und Verfassung die eigentliche Flagge all derer geworden, die hier nach Dresden gekommen sind, um vor allem eines zu demonstrieren: Ihre abgrundtiefe Unzufriedenheit mit der Demokratie, der Politik, den Medien – eigentlich allem, was in diesem Land die freiheitliche politische Kultur prägt.

          Rund 8000 Menschen sind es diesmal, eine Enttäuschung für die Veranstalter. Es sind nicht mehr als am vorvergangenen Montag, obwohl es die erste Demo nach der Blutnacht von Paris ist. Viele hatten mit einem Massenzulauf gerechnet, einer machtvollen Manifestation des Anti-Islamismus, einem radikalen Signal gegen die Regierungspolitik der offenen Grenzen.

          Ton wird lauter

          Doch die Zahl blieb konstant. Dafür wurde der Ton mal wieder lauter. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich und Innenminister Markus Ulbig (beide CDU) hatten vor der Kundgebung am Montag davor gewarnt, die Anschläge von Paris politisch zu missbrauchen. Als ob sich in dieser Menge irgendjemand irgendetwas aus einer Mahnung irgendeines Regierungsvertreters machen würde, die auf diesem Platz noch am harmlosesten als Mitglied der „Regierungsbande“ tituliert werden.

          Weitere Themen

          Das bringt der Montag

          Der Tag : Das bringt der Montag

          Die Stromnetzbetreiber geben die Höhe der EEG-Umlage bekannt. Das Ultimatum für Katalonien läuft ab, ebenso die Abgabefrist für Angebote für Alitalia.

          Türkische Winzer haben es schwer Video-Seite öffnen

          Weinbau : Türkische Winzer haben es schwer

          In vielen Regionen der Türkei herrschen ideale Bedingungen für den Weinanbau, doch die zunehmend strengere Auslegung des Islams im Land macht es den Winzern schwer ihren Wein herzustellen und zu verkaufen.

          Das bringt der Mittwoch

          Der Tag : Das bringt der Mittwoch

          In Berlin beginnen die Sondierungsgespräche für eine Regierungskoalition, in Peking das KP-Plenum. Das Marktforschungsinstitut GfK veröffentlicht seine EU-Konsumklimastudie.

          Topmeldungen

          Monokulturen und der Einsatz von Agrarchemikalien stehen im Verdacht als Auslöser des Insektenschwunds.

          75 Prozent weniger Insekten : „Wir befinden uns mitten in einem Albtraum“

          Das Insektensterben lässt sich nicht mehr abstreiten. Der oft kritisierte Krefelder Entomologen-Verein hat jetzt in einer Langzeitstudie gezeigt: Die Populationen sind seit der Wende um drei Viertel geschrumpft. Welchen Anteil hat die Landwirtschaft, welchen das Klima?
          Abgang: Stanislaw Tillich am Mittwoch

          Tillichs Rücktritt : Sächsischer Befreiungsschlag

          Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich tut jetzt das, was während seiner Regentschaft viele bitter vermisst haben: Er handelt konsequent. Die Luft um ihn war schon lange vor seinem Rücktritt dünn geworden.
          Andrea Nahles und Thomas Oppermann, kurz nachdem sie zu seiner Nachfolgerin gewählt wurde. Oppermann schielt jetzt auf das Amt des Bundestags-Vizepräsidenten – nur ist er da nicht der einzige.

          Neuer Bundestag : Das Postengeschiebe hat begonnen

          Die Nominierung des Kandidaten für die Bundestags-Vizepräsidentschaft bereitet der SPD einige Schwierigkeiten. Währenddessen hält die FDP für den Posten ihrer Partei eine Überraschung bereit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.