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„Bogida“-Demo in Bonn : Wir simulieren das Volk

Ein „Bogida“-Demonstrant schwenkt in Bonn die deutsche Flagge. Bild: dpa

Zum Bonner „Pegida“-Ableger „Bogida“ kommen nur 300 Demonstranten. Organisatoren und Redner geben sich ungezügelt radikal. NRW-Innenminister Jäger meint: „Die Organisatoren stammen aus dem rechtsextremistischen Spektrum.“

          Dresden, immer wieder Dresden. Melanie Dittmer kommt ins Schwärmen, wenn sie über Dresden spricht. In Dresden seien beim ersten Mal auch nur 100 Leute zum Spaziergang der „Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlands“ (Pegida) gekommen, sagt die 36 Jahre alte Frau. „Am vergangenen Montag waren es dann 10.000!“ So wie in Dresden soll es auch in Bonn werden, wünscht sich Dittmer, „Pegida“ soll in den Westen überschwappen! „Und warten Sie nur ab, da kommen heute noch viele Leute dazu.“ Aber wie vor einer Woche bei „Dügida“ in Düsseldorf ist es in der früheren Bundeshauptstadt bei „Bogida“ nur ein kleines Häuflein, das sich nach und nach einfindet. Zwei große Transparente sind auf dem Kaiserplatz zu sehen. Auf dem einen steht: „Stoppt die Islamisierung Deutschlands“; auf dem anderen heißt es über Porträtfotos von Claudia Roth, Jürgen Trittin (beide Grüne) und Sigmar Gabriel (SPD): „Mörder Deutschlands.“

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Offen geben Radikale bei „Bogida“ den Ton an. Demonstrations-Anmelderin Melanie Dittmer sitzt im Landesvorstand der rechtsextremen Splitterpartei „ProNRW“, früher war sie Funktionärin in der NPD-Jugendorganisation JN. „Wir sind die Friedlichen“, ruft Dittmer ihren Anhängern zu, als klar ist, dass es nach der Kundgebung keinen „Spaziergang“ wie in Dresden geben wird, weil sich auf allen Straßen rundum schon Gegendemonstranten versammelt haben. „Wir lassen uns nicht noch einmal einen unterschieben, wie bei Hogesa“, ruft Dittmer. Was sie damit meint, erläutert sie nicht. In Köln war es Ende Oktober bei einer Demonstration der „Hooligans gegen Salafismus“ (Hogesa) zu schweren Ausschreitungen gekommen. Beinahe 50 Polizeibeamte waren von Hogesa-Demonstranten verletzt worden, es entstand erheblicher Sachschaden.

          Erster Redner bei „Bogida“ in Bonn ist der deutsch-türkische Autor Akif Pirinçci. Er liest eine kurze Passage aus seinem Buch „Deutschland von Sinnen“ vor. Sie endet mit den Worten: „Ihr seid Deutsche, keine feigen Ratten. Es lebe das heilige Deutschland!“ Die 300 jubeln. Dann rufen einige „Ahu, Ahu, Ahu“. Es ist der Schlachtruf, den auch Hooligans benutzen. Von den mittlerweile mehr als 1000 Gegendemonstranten, die sich rund um den Kaiserplatz versammelt haben schallen Rufe wie „Nazis raus!“ herüber.

          Ungezügelte Hassrede

          Hauptprogrammpunkt von „Bogida“ ist die ungezügelte Hassrede eines Mannes, den Organisatorin Dittmer als „Michael Mannheimer“ vorstellt und bei dem es sich also offenbar um den Internet-Publizisten Karl-Michael Merkle handelt. Die gemeinsame „deutsche Bewegung hier und in Dresden“ werde anschwellen und „die Verbrecher von Politik, Medien und Gewerkschaften von unserer Landkarte spülen“, ruft der Mann erregt ins Mikrofon. Die Deutschen müssten sich von „sozialistischem Dreckspack“ regieren lassen, was „uns zu Untieren, kollektiven Nazis und Unmenschen stigmatisiert“. Patriotismus sei ein Ur- und Naturrecht, die „sozialistischen Drecksvölker“ seien übrigens am patriotischsten. Immer mehr erregt sich Merkle: Der Journalismus sei die „Hure der Abschaffung Deutschlands. Die Journalisten sind mit den Gewerkschaften und den Linksparteien, ganz vorne dabei die Grünen, die Totengräber des deutschen Volkes. Sie wollen uns als Deutsche ausrotten.“ So in Rage redet sich Merkle, dass er, als er endlich zum eigentlichen Thema, der angeblichen Islamisierung kommt, mit den Zahlen heftig durcheinander gerät. Im Jahr 2014 habe man „53 Millionen Muslime bereits in diesem Land“. Aber im „Hier und Jetzt“ formiere sich ein „großer Widerstand“, ruft er den 300 auf dem Kaiserplatz zu. Sie seien der Kern dessen, was die „deutsche Mitte, die schweigende Mehrheit“ bedeutet. „Es lebe das heilige Deutschland!“, ruft auch Merkle zum Abschluss.

          Auch eine junge Frau von Hogesa und der Bonner Stadtrat Christopher von Mengersen (ProNRW) treten auf dem Kaiserplatz auf. Mengersen wird von Versammlungsleiterin Dittmer als derjenige vorgestellt, der im Mai 2012 bei einer Demonstration seiner Partei in Bonn eine islamkritische Karikatur in die Höhe gehoben hatte. Daraufhin war es zu schweren Ausschreitungen von extremistischen Salafisten gekommen. Zwei Polizisten, die die Demonstrationsparteien auseinanderhalten wollten, waren von einem extremistischen Salafisten lebensgefährlich mit einem Messer verletzt worden.

          „Aus dem rechtsextremistischen Spektrum“

          Als sich die „Bogida“-Versammlung dem Ende zuneigt, teilt Dittmer mit, dass in Dresden in diesen Minuten 17.000 Menschen demonstrierten. „Das ist doch Wahnsinn! Wir müssen jede Woche wachsen“, ruft Dittmer. „Wir sind das Volk!“, antworten die 300. Dann spricht Dittmer noch ein bisschen über sich. Ja, sie sei früher bei den „Jungen Nationaldemokraten“, der Jugendorganisation der NPD, gewesen. Sie werde sich davon nicht distanzieren, ruft sie ihren Mitstreitern zu. „Ich mache den Distanzierungswahn nicht mit.“ Einige in der Menge rufen darauf „Ahu! Ahu!“

          Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) sieht sich in seiner schon in der vergangenen Woche geäußerten Einschätzung der westdeutschen Pegida-Ableger bestätigt. „Die Organisatoren der nordrhein-westfälischen Pegida-Ableger Dügida und Bogida stammen aus dem rechtsextremistischen Spektrum“, sagte Jäger FAZ.NET. „Dass in Bonn ein führendes ProNRW-Mitglied als Organisatorin aufgetreten ist, macht dies besonders deutlich.“

          Quelle: FAZ.NET

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