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Peer Steinbrück Tränen lügen nicht

Auf dem Parteikonvent der SPD am letzten Sonntag sollte Kanzlerkandidat Peer Steinbrück der Öffentlichkeit neu vorgestellt werden: als Mensch. Das hat funktioniert.

© dpa Vergrößern Die tröstende Hand wehrt er ab: Steinbrück mit seiner Frau Gertrud vergangene Woche

Wir recherchieren jetzt seit vielen Monaten über Missstände im Bistum Limburg. Weil deren Quelle der Bischof selbst ist, haben die meisten Gesprächspartner Angst. Kein Wunder, an einem Mitarbeiter wurde demonstriert, wie es Leuten ergeht, die den Mund nicht halten. Er wurde nach 25 Jahren im Dienst der Kirche einfach rausgeworfen. Aber die Leute haben nicht nur Angst um ihren Job. Es geht um mehr: ihre Bedürfnisse, ihre Bindungen, ihre Loyalitäten und natürlich auch um ihren Glauben. Und um ihren Entwurf, ihre Idee von sich selbst.

Viele wissen ganz einfach nicht, ob sie das Richtige tun, wenn sie mit einem Journalisten reden. Sie wollen das, ja, aber sie fühlen sich auch als Verräter. Man muss ihnen erklären, was wir tun: die Pressefreiheit genießt bei uns Verfassungsrang. Deshalb dürfen Journalisten ihre Quellen schützen. Der Gesetzgeber hat mit Bedacht eine Möglichkeit geschaffen, Institutionen von außen zu durchdringen. Weil die Presse nur so ihre Rolle erfüllen kann, und die ist in einer demokratischen Gesellschaft unentbehrlich.

Journalisten tun etwas Wichtiges, sogar etwas Gutes. Nicht unbedingt etwas Nettes. Aber das tun Müllmänner oder Chirurgen auch nicht. Was hätte einer, der heute Journalist ist, im Mittelalter oder in der Steinzeit getan? Wäre er Geschichtenerzähler, Hofnarr, Prophet? Oder Jäger? Was ist der Kern dieses Berufs, den es erst seit Erfindung der Zeitungen, wenn nicht der Pressefreiheit gibt? Journalisten entscheiden maßgeblich mit, welches Bild die Gesellschaft von sich selbst hat. Welche Vorstellungen sich durchsetzen. Das ist auch das Schlachtfeld der Politik. Wer dort gewinnen will, muss seine Deutungen verbreiten.

Nicht nett, aber wichtig

Der Beruf des Journalisten ist, solche Deutungen infrage zu stellen. Oder zu beweisen, dass sie falsch sind, weil die Wirklichkeit eine andere ist. Journalismus ist dazu da, legitimatorische Schleier zu zerreißen. Wie gesagt: Das ist nicht nett. Aber es ist wichtig. Weil es kein anderer tut, jedenfalls nicht als Beruf. Allerdings kann man jeden Beruf auch als Privileg missverstehen; dann verwechselt man ihn mit seinen Begleiterscheinungen: Geld, Macht oder Ruhm. Ein Privileg im Journalismus ist, Gehör zu finden, öffentlich zu reden.

Das macht den Journalismus gleichzeitig attraktiv und verhasst: ein Traumberuf mit miserablen Image. „Journaille“ heißt das Schimpfwort, in Deutschland etabliert von Helmut Schmidt; es soll nach Kanaille klingen. Das stammt aus dem Französischen und bedeutet so viel wie Schurke; und hervorgegangen ist es wiederum aus dem Latein: canis, Hunde sind gemeint, die Meute. Heutzutage sprechen sogar manche Journalisten von „Journaille“, und meinen sich selbst, und haben ja recht. Denn wie in jedem anderen Beruf üben auch im Journalismus manche nur die Privilegien aus. Und diese Journalisten sind es dann auch, die eine Meute bilden. Aber erst, wenn die eigentliche Sache schon gelaufen ist.

Das Schema ist immer gleich: Journalisten benennen einen Sachverhalt oder decken ihn auf, dazu ist in der Regel eine Anstrengung erforderlich, die Recherche. Das ist übrigens auch beim Journalisten selbst ein Vorgang, in dem Deutungen geschrottet werden - wer draußen nur vorfindet, was er bereits im Kopf hatte, hat nicht recherchiert. Recherchen haben zumeist lästige, oder sogar üble, oder sogar vernichtende Folgen für die Person oder die Gruppe, der man damit in die Quere kam, und in der Politik kommt man immer jemandem in die Quere - sonst wär’s ja keine.

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