Home
http://www.faz.net/-gpg-77cy4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Peer Steinbrück Ansichten eines Clowns

Ein SPD-Kanzlerkandidat, der gut die Hälfte der italienischen Wähler beschimpft, indem er deren Spitzenkandidaten als „Clowns“ herabwürdigt, ist in Wahrheit selbst ein gefährlicher Narr. Selbst einfachstes Kalkül beherrscht Peer Steinbrück nicht.

© dpa Vergrößern SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück: Immer imstande, vorherzusehen, was er mit dem eigenen Geschwätz anrichtet?

Nach Griechenland und Frankreich ist Italien nun das dritte Land, in dem Wahlkampf und Wahlergebnis unübersehbar mit dem Thema „Deutschland“ gemacht wurden. Dabei verkörpern die Bundesrepublik und ihre Kanzlerin eine Macht, die den Leuten ihr Leben verdirbt: In deren Wahrnehmung ist es Deutschland, das den Nachbarn seinen Willen aufzwingen und dabei auch noch den Ärmsten in die Tasche greifen will. Ein sozialdemokratischer Kanzlerkandidat, der diese Lage zum Anlass nimmt, gut die Hälfte der italienischen Wähler zu beschimpfen, indem er deren erfolgreiche Spitzenkandidaten als „Clowns“herabwürdigt, ist in Wahrheit selbst ein gefährlicher Narr.

Steinbrück wird seit Jahren als geistig unabhängig und klug beschrieben. Dieses Image ist grundfalsch. Der Kandidat beweist das, seit er einer ist, unablässig. Dass jemand eine scharfe Zunge hat, ist zu wenig, um seinen Verstand zu erweisen - denn vom Verstande eines Mannes muss man, wie schon Bismarck sagte, seine Eitelkeit in Abzug bringen. Deshalb bleibt bei Steinbrück nur wenig übrig. Die seltsame Idee, er sei wegen finanzpolitischer Kompetenz Angela Merkels bester Herausforderer, hat das Wesentliche außer Acht gelassen: Merkels größte Stärke ist gerade, dass sie so uneitel ist. Sie ist durchaus nicht immer klüger als ihre Widersacher (nicht zuletzt die aus der eigenen Partei), aber meist bleibt bei ihr mehr vom Verstande übrig.

Von einem Kanzler muss man erwarten, dass er genügend Intelligenz besitzt, um es mit Leuten aufzunehmen, die, wie zum Beispiel der als Clown verkannte Berlusconi, mit allen Wassern gewaschen sind. Aber Steinbrück ist noch nicht einmal imstande, vorherzusehen, was er mit dem eigenen Geschwätz anrichtet. Selbst einfachstes Kalkül beherrscht er nicht: Wer Kanzler werden möchte, tut nicht gut daran, über dessen niedriges Gehalt zu lamentieren; schon gar nicht, wenn er selbst nach einer wochenlangen Debatte über die eigenen Bezüge aus halböffentlichen Quellen bereits dasteht wie der Käsemieserich. Wer aber will so jemandem das Staatsschiff anvertrauen?

Die SPD. Beziehungsweise die gute Handvoll Männer in und außerhalb der Parteiführung, die das so entschieden haben. Die Partei tut, was über sie entschieden wurde - es ist ja nicht das erste Mal, sondern seit dem Rücktritt Willy Brandts vom Kanzleramt die Regel, dass sie Kandidaten an die Spitze stellt, die sie nicht einmal besonders leiden kann. Oder hat sie einfach einen Hang zu diesem Typ, den auch Steinbrück verkörpert und vor ihm Gerhard Schröder und davor Helmut Schmidt: dem Typ Großmaul?

Bild / Steinbrück / Vorwärts

Das Schlimmste für die SPD war immer, wenn so einer wirklich Kanzler wurde; die Selbstverleugnung zerriss sie dann buchstäblich. Das wird auch jetzt schon deutlich. Während Steinbrück das Land mit seiner Klage über die Kanzlerbezüge verblüffte, prangte er auf dem „Vorwärts“ in einer Adaption der berühmten Karikatur aus dem Londoner „Punch“; jetzt stand „Der Lotse geht an Bord“ darüber. 1890 hatte es noch geheißen, dass der Lotse von Bord gehe, gemeint war Bismarck. Das griff der „Spiegel“ wiederum 1982 auf, um Helmut Schmidt als Lotsen darzustellen, ohne den die Republik, wenn nicht die ganze Welt in einen Katastrophe zu treiben drohe. Gut, das war der „Spiegel“, nicht die SPD. Aber nun auf dem „Vorwärts“, der Zeitung der deutschen Sozialdemokraten, Steinbrück als Bismarck! Gibt es noch Genossen, die sich erinnern, wie der preußische Ministerpräsident und spätere Reichskanzler mit ihren Vorvätern umgesprungen ist? Schon mal was vom Sozialistengesetz gehört? Oder wie sonst soll man begreifen, dass Sozialdemokraten ihren Verfolger von einst zum Leitbild für ihren Kandidaten von heute stilisieren? Ist das Geschichtsvergessenheit oder Unwissenheit, Auflösung der Identität, Sehnsucht nach dem starken oder wenigstens lautstarken Mann?

Das Problem liegt wohl im Selbstverständnis, wenn nicht im Selbstbewusstsein der Sozialdemokratie - ein Selbstbewusstsein in Bodenhaltung. Es ist zu schwach. Nach innen nicht, da trumpft es auf. Es ist zu schwach nach außen. Und außen beginnt bereits dort, wo die Partei endet. Diese Außenwelt soll dann vom Kandidaten bespielt werden, am liebsten völlig losgelöst von sozialdemokratischer Erde. Dafür sind Männer ideal, die vor Wortkraft und Kraftwort kaum laufen können, eben solche wie Steinbrück, der zum italienischen Wahlergebnis kaum mehr beizutragen hat als Ansichten eines Clowns.

Dabei ist die Botschaft aus Italien nicht zuletzt für die SPD bedeutsam: Das Wichtigste dort war doch nicht, wer gewonnen, sondern wer verloren hat. Die Wahl brachte die fast totale Niederlage Montis. Er wird von den Italienern a) als EU-Technokrat und b) als einer dieser neoliberalen Sparmarktkommissare wahrgenommen, die nicht bekümmert, was Reiche reicher und Arme ärmer macht, sondern nur, wenn die Armen reicher und die Reichen ärmer werden. Sowie c) als Deutscher.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.S.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben