Home
http://www.faz.net/-gpg-6ziv1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Parteitag der Piraten Struktur statt Spielerei

 ·  Für das Jahr vor der Bundestagswahl sind bei den Piraten Organisatoren gefragt, nicht Phantasten. Ein neues Gesicht, das die Partei in der Öffentlichkeit erklären könnte, tauchte beim Bundesparteitag nicht auf.

Artikel Bilder (10) Video (1) Lesermeinungen (3)
© Daniel Pilar Abtauchen im Bällebad: Beim Bundesparteitag der Piraten

Paul Weiler irrt durch die Holstenhallen. Er kennt hier nicht viele, er ist älter als die meisten, er sieht anders aus. Weiler trägt einen Strickpullover mit abstraktem Muster und einen Haarkranz. Er ist 49 Jahre alt, früher war er bei den Grünen. Seit zwei Monaten ist er Pirat. Jetzt will er Bundesvorsitzender werden, und dafür braucht er Unterschriften: 20 Piraten müssen seine Kandidatur unterstützen. Also läuft er umher, und erklärt, was er vorhat: Er fordert den „HGL“, einen Höchstgrundlohn, oder die „TSM“, die transparente soziale Marktwirtschaft. Außerdem will er Themen wie Liebe und Glück bei den Piraten fördern.

Menschen wie Paul Weiler zieht die Piratenpartei magnetisch an. Hier, sagt er glücklich, könne auch einer wie er sich „für den Topjob bewerben“. Aus Prinzip kandidiert er aber auch als Stellvertreter und Beisitzer. Bei den Piraten kann jeder für jedes Amt kandidieren, auch spontan - egal wie unbekannt, egal wie neu einer in der Partei ist. Darum hatten die Piraten vor ihrem Wahlparteitag in Neumünster gefürchtet, es könnte reihenweise schräge Kandidaten geben, die das Prozedere unnötig in die Länge ziehen.

Verbündet gegen Verwirrte und Karrieristen

Tatsächlich stehen dann etliche auf der Bühne, bei deren Reden die Menge den Blick nicht vom Bildschirm hebt. Auch bei Weiler ist das so: Erst als er in seiner Bewerbungsrede den amtierenden Bundesvorstand angreift und sagt, die Partei brauche eine „außenpolitische Orientierung in Richtung Asien“, fangen einige zu buhen an. Auf Twitter wird Weiler beschimpft - was die Versammlungsleitung kritisiert.

Und als der Berliner Dietmar Moews am Rednerpult steht, der die Partei schon seit Jahren mit wirren Ansichten belastet und zuletzt durch Äußerungen über das „Weltjudentum“ auf seinem Videoblog aufgefallen war, da steht die Hälfte der 1500 Piraten auf, die roten, ablehnenden Abstimmungskarten hoch erhoben, und verlässt die Halle. Das war über Twitter abgesprochen: In dieser Phase, in der Medienrummel und tägliche Erfolgsmeldungen die Partei überfordern, steht sie zusammen und verbündet sich gegen Verwirrte und Karrieristen.

In Neumünster schlägt deshalb die Stunde der Erfahrenen, derjenigen, die sich schon für die Partei engagierten, bevor jeder sie aufregend und cool fand. Zum Beispiel Bernd Schlömer, der neue Bundesvorsitzende. Schon für seine Bewerbungsrede erhält er mehr Applaus als alle anderen. Er wolle Politik „leicht verständlich“ machen für jedermann, die Öffentlichkeit für Partizipation begeistern; die Gräben in der Partei zuschütten, alle zu konstruktiver Mitarbeit bewegen. Und er fordert die Piraten auf, sich aktiv gegen „rechtsextreme, menschenverachtende Äußerungen“ zu wehren: Auch das bringt ihm Sympathie, weil der bisherige Vorsitzende Nerz das so deutlich nie gesagt hat. Die Partei will das Thema endlich abschließen. Als die Versammlungsleitung eine Erklärung gegen die Relativierung des Holocausts verliest, steigen manche auf die Stühle, um ihre Zustimmung zu zeigen. Hinterher heißt es erleichtert, jetzt könne der Partei niemand mehr vorwerfen, auf dem rechten Auge blind zu sein.

Schlömer ist aber vor allem ein Kompromisskandidat, mit dem alle leben können - auch der wichtige Berliner Landesverband, der mit Sebastian Nerz nicht gut auskam. Zuletzt hatte eine E-Mail für Empörung gesorgt, die Nerz dem Fraktionsvorsitzenden Andreas Baum geschrieben hatte. Der solle seine Fraktion unter Kontrolle bringen, hieß es da. Abgeordnete hatten gegen Mitarbeiter des Bundesvorstands gemotzt. Diese E-Mail, glaubt Nerz, habe ihn seine Wiederwahl gekostet. Aber er präsentiert sich in Neumünster auch unvorteilhaft: In seiner Rede wirkt er schuldbewusst, kleinlaut, rückwärtsgewandt. Schlömer dagegen geht in die Offensive - er will inhaltlich präsenter sein als Nerz, und er bekennt sich zu der Online-Abstimmungssoftware Liquid Feedback, die ein Herzensanliegen der Berliner ist. Nerz hat dem Programm nie viel zugetraut.

Übersetzung der klassischen Parteistruktur

Während am Samstagnachmittag die Stimmen für die Wahl des Bundesvorsitzenden ausgezählt werden, sitzt Schlömer mit versteinerter Miene an seinem Platz. Als das Ergebnis da ist, springt er auf, geht sofort um den Tisch herum zu Nerz, die beiden umarmen sich. Eine Traube von Journalisten und Kameraleuten stürzt sich auf Schlömer, während Nerz wieder an seinen Tisch geht, wo seine Ehefrau sitzt. Er sieht plötzlich viel jünger aus als 28. Als er später mit einem guten Ergebnis zum Stellvertreter gewählt wird, scheint er sich ehrlich zu freuen.

Ganz rechts in der zugigen Halle, die auch doppelt so viele Teilnehmer gefasst hätte, sitzt aufmerksam Christian Reidel, genannt „Bim“. „Bim“ ist sein Twittername, aber auch seine Großmutter nennt ihn so. Piraten kennen sich in den allermeisten Fällen über ihre „Nicks“, ihre Pseudonyme im Netz. Manche haben gleich mehrere, für den Fall, dass sie unangenehme Kontakte abschütteln müssen. Auch „Bim“ denkt darüber nach, spontan zu kandidieren - für den wichtigen Posten des politischen Geschäftsführers, den die Piraten nur abkürzend „Pol GF“ nennen, wie sie auch „Stellv“ oder „Buvo“ (Bundesvorsitzender) oder „Gensek“ (Generalsekretär) sagen. Es ist die Übersetzung der klassischen Parteistruktur in ihre Sprache. Doch es hebt sie, zumindest gefühlt, von ihr ab.

Reidel ist schon politischer Geschäftsführer - im Bezirksverband Niederbayern. Stolz erzählt er, dass er gewählt wurde, obwohl er erst seit wenigen Wochen in der Partei war. Er hat in Passau eine Anwaltskanzlei. 20 Jahre lang war er Mitglied der CSU, er ist Gründungspräsident der Rotarier am Ort. Darin sieht er keinen Widerspruch - sie seien nicht so elitär wie anderswo. Reidel gehört zu einer neuen Generation Piraten, die mit deren technophiler Ursuppe nicht viel zu tun hat, und sich doch schnell an ihre Spitze setzt, weil sie organisieren kann. Das zeigt sich am Freitagabend: Da steht Reidel vor dem Bahnhof in Nürnberg, umringt von trinkenden und rauchenden Piraten, die nicht mehr ganz frisch aussehen. Er trägt ein helles Hemd und Jeans, mit seinen fast zwei Metern überragt er die Gruppe. Auf einer Liste hakt Reidel die Namen der Leute ab, die in Nürnberg in den „Bingsbus“ einsteigen, der mit rund 40 Piraten an Bord von Passau über Nacht nach Neumünster zum Parteitag fährt. Eigentlich hatte die Partei einen Sonderzug chartern wollen, die „Bingsbahn“. „Bings“ ist das Synonym für alle Parteitage. Der Legende nach hat sich der Begriff eingebürgert, als sich nach dem Parteitag in Bingen niemand den Ort des folgenden Treffens in Chemnitz merken konnte. Also hieß der Ort fortan nur noch „Bings“. Aus Offenbach wurde „Offenbings“, aus Neumünster „Neubings“. Die „Bingsbahn“ aber scheiterte mangels Anmeldungen.

Kein neues „Gesicht“ in Neumünster

Also organisierte „Bim“ den Bingsbus. Es ist wie immer: Hinten sitzen die Krawallos, die Whisky in Colaflaschen füllen und eine Mischung aus Schuhplattler und Punkmusik hören. Vorne sitzt Reidel und sagt: „Nach der letzten Pause ist hier Ruhe im Karton. Wir fahren zum Arbeiten nach Neumünster.“ Nach ein bisschen Gezeter wird es irgendwann leiser im Bus.

Reidel ist ein Korrektiv, eine Art Vaterfigur, einer, der die unbeliebten, aber wichtigen Sachen macht. Gerade gründet er den Kreisverband Passau. Auch Bernd Schlömer ist so jemand - einer, der nicht über wolkige Ziele redet, sondern den nächsten Schritt macht. Am Sonntag entscheidet Reidel sich gegen eine Kandidatur zum Geschäftsführer. Ein Mandat wäre ihm lieber - dann müsste er seinen Beruf nicht aufgeben. Gewählt wird Johannes Ponader, ein Pirat aus Bayern, der inzwischen in Berlin lebt und sich vor allem für das bedingungslose Grundeinkommen engagiert. Die Lücke, die seine Vorgängerin Marina Weisband in der Außenwirkung der Partei hinterlässt, wird er damit nicht füllen. Ihrer Abschiedsrede, die sie blass und müde vorträgt, merkt man an, dass sie eine Pause braucht. Ein neues „Gesicht“, das die Partei von nun an in der Öffentlichkeit erklären könnte, taucht in Neumünster nicht auf. Der spröde Beamte Schlömer spricht nach der Wahl in Floskeln, die so besonders „anders“ nicht klingen. Vermutlich ist es aber genau das, was die Partei für das nächste Jahr braucht.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1981, Redakteurin in der Politik.

Jüngste Beiträge