Home
http://www.faz.net/-gpg-zz7m
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Parteitag der Linken An der Saar strahlt Oskars Lachen bis weit in die Mitte

10.08.2008 ·  Die „roten Socken“ lässt die CDU tunlichst in der Kiste, denn im Saarland gilt Oskar Lafontaine als volksnah. Auf dem Parteitag in Neunkirchen inszeniert Lafontaine seinen Machthunger - mit nassgeschwitzem Hemd und unter tosendem Applaus.

Von Thomas Holl, Neunkirchen
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (6)

Als die Leute im Saal immer wieder wie einen Schlachtruf seinen Vornamen skandieren, strahlt Oskar Lafontaines Gesicht in kindlicher Freude: Das ist wieder einmal sein Tag heute. Ein weiterer Triumph auf dem Weg zurück an die Macht in Berlin. Und wie vor 23 Jahren soll sein kleines Heimatland an der Saar die Ausgangsbasis dafür sein.

Mehr als eine Stunde hat sich Oskar Lafontaine hinter dem Pult auf der kleinen Theaterbühne des Bürgerhauses in Neunkirchen in Rage geredet, bis sein weißes Kurzarmhemd nassgeschwitzt ist. Den 133 Delegierten der saarländischen Linkspartei hat er in einem furiosen Auftritt soeben das erhebende Gefühl vermittelt, im nächsten Jahr Großes vollbringen zu können, gar von hier aus einen „Richtungswechsel“ herbeizuführen, damit Deutschland „sozialer und demokratischer“ werde.

„Nehmt diese Begeisterung mit“

Mit heftigen Worten greift Lafontaine die saarländische CDU-Regierung unter Peter Müller an: Sie habe „kläglich versagt.“ Ministerpräsident Müller gehöre „in die Wüste geschickt“. Feixend legt Lafontaine nach: „Ganz Deutschland ist ja gespannt, ob dieser große Staatsmann im Amt bleiben wird.“

Als Zugabe ruft er den Leuten mit zusammengefalteten Händen wie ein Popstar zu: „Vielen, vielen Dank. Nehmt diese Begeisterung mit. Wir brauchen diese Begeisterung.“ Es ist in abgewandelter Form die gleiche Beschwörungsformel, mit der er schon einmal in seinem früheren politischen Leben und auf einem anderen Parteitag die SPD auf die Wahlsiegerstrasse mitgerissen hat, die 1998 in Gerhard Schröders Erfolg über Helmut Kohl mündete.

Ablösung von Ministerpräsident Müller möglich

Auch in Neunkirchen ist „de Oskar“, wie er hier nur heißt, von sich selbst begeistert wie 1994 in Mannheim. Es scheint, als ob der Bundes- und Fraktionsvorsitzende der Linkspartei selbst daran glaubt, dass ihm als frisch gekürter Spitzenkandidat seines Landesverbandes im nächsten Jahr die Sensation gelingt: Nach einer 13 Jahre langen Amtszeit von 1985 bis 1998 als sozialdemokratischer Ministerpräsident 2009 will Oskar Lafontaine diesmal für seine neue Partei in die saarländische Staatskanzlei am Ludwigsplatz in Saarbrücken einzuziehen.

Zumindest nach der letzten Umfrage vom April ist das Ziel einer Ablösung von Ministerpräsident Peter Müller rechnerisch möglich. Gegen 43 Prozent für Müllers CDU stehen 26 Prozent für SPD und 19 Prozent für die Linkspartei. Da Grüne und FDP nach dieser Umfrage, wie im Saarland nicht unüblich, an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, wäre eine rot-rote Koalition in Reichweite. Doch bei dieser Kräfteverteilung innerhalb des linken Lagers hieße der neue Ministerpräsident wohl nicht Lafontaine, sondern Heiko Maas.

Lafontaines Fahnenflucht

Denn der anders als Lafontaine fast schüchtern und bescheiden wirkende 41 Jahre alte SPD-Fraktions- und Landesvorsitzende hat in den vergangenen Tagen eine Konstellation immer wieder kategorisch ausgeschlossen: Dass er und seine Partei als Juniorpartner für eine von Lafontaine geführte Landesregierung zur Verfügung stehen. Ein Ministerpräsident Lafontaine würde von vielen in der SPD, zumindest draußen im „Reich“ - wie sie hier den Rest der Republik immer noch nennen -, als Kapitulation und Selbstaufgabe empfunden. Oskar Lafontaines Fahnenflucht aus dem Parteivorsitz 1999 und der mit der Gründung der Linkspartei planmäßig betriebene Sturz der rot-grünen Regierung Gerhard Schröders sind zumindest in der Bundesführung der SPD um Kurt Beck und Frank-Walter Steinmeier nicht vergessen.

In Neunkirchen indes sind solche Berührungsängste nicht zu spüren. Im Gegenteil: Auf dem Parteitag machen viele Gewerkschafter mit SPD-Parteibuch ihrem Oskar die Aufwartung. Im kleinen Saarland kennt man sich gut aus früheren Zeiten, als Lafontaine erst Saarbrücken und später für 13 Jahre das ganze Bundesland schon einmal für die SPD eroberte. Eine besondere Freude bereitet Lafontaine der Besuch des saarländischen DGB-Vorsitzenden und stellvertretenden SPD-Chefs Eugen Roth.

„Schulterschluss zu den Gewerkschaften“

Wer es nicht wüsste, könnte bei Roths Grußwort glauben, hier redet ein enger Mitstreiter Lafontaines, so groß sind die inhaltlichen Schnittmengen einer gegen „Neokonservative und Neoliberale“ gerichteten Politik eines starken Sozialstaates. Er verwahre sich ausdrücklich gegen den Versuch, die Linkspartei zu „radikalisieren“, ruft Roth empört den begeisterten Delegierten zu, unter ihnen viele ehemalige Sozialdemokraten. Wer dies tue, sei „auf dem rechten Auge blind“. Eine Spitze, die auf Ministerpräsident Müller zielt, der darauf verwiesen hatte, dass sich Lafontaine in seinem Wahlprogramm des Kommunistischen Manifests bediene. Für Roth ist anders als für Heiko Maas nach der Landtagswahl „alles möglich“ - offenbar auch ein mit der SPD regierender Ministerpräsident Lafontaine.

Die Einheitsfront mit den Gewerkschaften beschwört auch der saarländische Vorsitzende der Linkspartei und frühere ÖTV-Landeschef, Rolf Linsler: „Ihr seht, die Linke hat den Schulterschluss zu den Gewerkschaften und das wird immer so bleiben.“ Das dies nicht bloße Behauptung ist, zeigte vor wenigen Wochen der Masseneintritt von mehr als 220 Busfahrern der Saarbrücker Verkehrsbetriebe, die sich von der Linkspartei wirksamer vor Privatisierungsplänen geschützt fühlen als von der Arbeitnehmerpartei SPD.

Das hätte sich Honecker nicht träumen lassen

Überhaupt strahlt die Linkspartei im Saarland anders als in anderen westdeutschen Bundesländern allein durch ihr populäres Zugpferd Lafontaine weit in die Mitte der Gesellschaft. Auch dies ein Grund für die CDU-Landesregierung, die andernorts betriebene Beobachtung der Linkspartei durch den Verfassungsschutz einzustellen. Von führenden saarländischen CDU-Politikern wird eine auch nur ansatzweise nach „Rote-Socken-Kampagne“ riechende Strategie wie sie die hessische CDU im Januar erfolglos gefahren hatte, vehement als kontraproduktiv abgelehnt. Eine solche antikommunistische Wahlkampagne sei angesichts der vielen ehemaligen Sozialdemokraten und biederen Oskar-Fans „völliger Unsinn“. Das nehme der CDU im Saarland niemand ab.

Umso irritierter reagierten Lafontaine und andere Linke im Saal auf das Grußwort des SPD-Oberbürgermeisters von Neunkirchen, Friedrich Becker. Der Sozialdemokrat erinnerte launig an den verstorbenen DDR-Staatsratsvorsitzenden und SED-Chef Erich Honecker, der bei seinem Staatsbesuch 1987 auch von Lafontaine begleitet, seinen Geburtsort Neunkirchen besucht hatte. Das hätte sich Honecker damals nicht träumen lassen, spottete Becker, „dass 21 Jahre später die Nachfolgepartei seiner Einheitspartei sich hier zum Wahlkampf rüsten würde.“

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel